Neuromat
Datenwiederherstellung ist alles andere als langweilig. Gewiefte Fachleute fördern von scheinbar hoffnungslos unbrauchbaren, längst veralteten und selbst sorgfältig verschlüsselten Datenträgern schier Unglaubliches zutage. Was Forensikern im Dienste des Gesetzes recht ist, kann klugen Geschäftemachern ohne störendes Gewissen nur billig sein.
Zuerst war die Welt nicht einmal grau.
Sie war nichts, darin gab es nichts, weder Oben noch Unten, Licht oder Dunkel. Lediglich ein nacktes Gefühl, mehr ein Instinkt der Empfänglichkeit. Die Welt existierte zu einem Zweck, der jeden Moment eintreten würde.
Was er schließlich auch tat.
Impulse fluteten die Leere. Nackte Stromstöße. Sie wurden zur Sinfonie, diese zerfiel ins Chaos, bevor alles sich mehrte, zu Millionen und zu einem Gesamtbild sortierte. Er sickerte in eine helle, schwere Welt hinter dem Grau.
Seine Augen suchten nach Formen, alle anderen Sinne tasteten panisch nach Anhaltspunkten. Er benötigte ein Unten, eine Basis. Sein Verstand kämpfte darum, sich an irgendetwas zu klammern und dort verfestigen zu können.
Aus dem Chaos schälten sich gewohnte Formen: die Kreise von Pupillen, das Dreieck einer Nase und die überlappenden Ovale eines Mundes. Ein Gesicht, wie ihm die Pareidolie erklärte – diese spezielle Wahrnehmung, die ihn Gesichter von Nicht-Gesichtern unterscheiden ließ.
Dieses eine war männlich, verhärtet und gealtert. Falten gruben sich in die Wangen und sammelten sich vor allem um die Augen. Der Haaransatz verlief abrupt, wie eine mit Filzstift gezogene Linie. Das war für einen Mann dieses Alters ungewöhnlich; das Haar musste transplantiert worden sein. Der Unbekannte trug einen braunen Anzug mit Krawatte, der zwei Nummern zu groß war und ihm auch ansonsten überhaupt nicht stand.
Neben ihm warteten zwei weitere Gesichter: ein junger schlaksiger Mann in weißem Arztkittel und … eine Gefahr. Die Kleidung des dritten Mannes, seine Uniform, glänzte silberweiß. Er gehörte zur Cybercrime-Behörde, dem Feind!
Da war noch mehr, wie ihm bewusst wurde. Wie etwa der Umstand, dass er nicht stand, sondern lag, und zwar auf einer weichen Fläche, die man Matratze nannte. Er richtete sich auf. Instrumente hingen um ihn herum verteilt von der Decke, ein blassblauer Vorhang teilte die von grünen Fliesenwänden umgebene kleine Welt in zwei Hälften. Das hier musste ein Krankenzimmer sein.
„Also, fangen wir nochmal von vorne an“, sprach jemand – der alte Mann mit dem falschen Haaransatz. „Herr Zeve, können Sie mich hören?“
Das konnte er. „Das kann ich“, antwortete ein anderer, aber mit seiner Stimme. Als würde ihn jemand fernsteuern und sich seines Körpers bedienen. „Wo bin ich?“
„Sie sind im Ersten Krankenhaus, in Riga“, erklärte der Unbekannte trocken und auf seine bestimmende Art freundlich. „Ich bin Leutnant Pēteris Kotcen, das ist Doktor Stockhausen und der Silberkittel zu meiner Rechten nennt sich ...“
„Niemand“, blockierte der Internetagent in silberner Uniform. Sein wie gemeißelt aussehendes Gesicht, das Superheldenkinn und der kastanienbraune Mittelscheitel hätten ihn eigentlich zum Schönling gemacht, wären da nicht die tiefen Augenringe und der totenblasse Teint gewesen. „Mein Name ist unwichtig“, bekräftigte er. Dann würde er eben ab jetzt Mr. White heißen, beschloss Zeve.
Der Kommissar kommentierte den Einwurf mit einem Schulterzucken. „Wir ermitteln jedenfalls in Ihrer Sache“, fuhr er fort. „Sie wurden überfallen, Herr Zeve.“
„Überfallen?“
„Bedauerlicherweise. Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern können?“
Zeve zögerte. Seine Vergangenheit war grau. Er erinnerte sich nicht einmal an seinen Vornamen.
In diesem Moment bemerkte er, dass sie ihn anscheinend in einen weißen, eng anliegenden Gummianzug gesteckt hatten, der sich allerdings keineswegs so klemmend und erstickend anfühlte, wie er auf den ersten Blick wirkte, sondern sich mit der Haut zu vereinen schien. Zeve fühlte sich darin nackt.
Der blasse Arzt tippte plötzlich energisch auf seine Smartwatch, was Leutnant Kotcen mit einem Kopfnicken bestätigte. Er trat näher an Zeve heran und insistierte: „Das ist jetzt wichtig, bitte: Woran erinnern Sie sich?“
Er überlegte. Da war so vieles. Farben, Bilder, Stimmen – und doch nichts, was er greifen konnte.
Der Arzt trat an ihn heran. Anscheinend hatte er eine Idee. „Erzählen Sie uns etwas“, schlug er vor. „Irgendwas aus Ihrem Leben! Ganz egal, was.“
„Da war eine Parade“, erinnerte sich Zeve nun und erneut wie ferngesteuert; als würde jemand anderes das Gleiche, aber schneller denken und dann für ihn sprechen: „Sie ist durch die Straßen marschiert. Da war dieses Rattatat-Rattatat! von Trommeln, dazu Pfeifen und Flöten und immer wieder so ein Wump! von … einer größeren Trommel? Überall standen Leute herum. Fahnen hingen von den Fenstern. So ein Weinrot mit einem weißen Streifen in der Mitte.“
„Er meint den Wiederherstellungstag“, fluchte Mr. White. „Der ist fast zwei Monate her!“
Kommissar Kotcen brachte seinen Kollegen mit einem Handzeichen zum Schweigen. Aber ja, es war der Tag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands gewesen. Man feierte ihn an jedem 4. Mai, seit wohl über einhundert Jahren.
Der Kommissar zog einen gepolsterten Schemel unter dem Tisch hervor und ließ sich darauf sinken. „Was haben Sie dort gemacht?“, fragte er weiter.
Und Zeve erinnerte sich: „Ich bin daran vorbeigegangen. Die anderen waren zwar schon da, aber es kommt nie gut, wenn der Chef immer als Letzter eintrudelt.“
Kommissar Kotcen sah ihm in die Augen. „Der 4. Mai ist ein Feiertag. Ihr Geschäft hatte geschlossen.“
Was Zeve mit einem Lachen abtat. „Der Laden vorne, ja. Aber wir betreiben seit Jahren nebenher einen kleinen, diskreten Recovery-Dienst. Dazu habe ich uns heimlich eine Wohnung über dem Geschäft gemietet.“ Er verkrallte sich ins Laken. Warum um alles in der Welt erzählte er das einem Polizisten? „Bevor Sie jetzt ein falsches Bild bekommen: Das ist kein High-Tech-Labor irgendeiner Cybercrime-Division. Stellen Sie sich zwei abgedunkelte Kammern vor: Auf den Tischen sammeln sich Bildschirme und Tastaturen, der Boden ist mit Kabeln bedeckt, überall liegen Computerbauteile herum. So in etwa. Es summt und surrt und irgendwas piepst seit Minuten, weil es wahrscheinlich gerade überhitzt.“
„Und was recovern Sie im Regelfall dort, Herr Zeve?“, fragte der Kommissar weiter, anstatt ihn sofort zu verhaften. „Man geht wohl kaum zu einer Hinterhof-Wiederherstellung, um Urlaubsfotos oder einen Romanversuch von einer abgerauchten Festplatte zu retten.“
„Das machen wir vorne im Laden. Unser Nebeneinkommen betrifft Datenträger, deren Herkunft wir ... nicht so genau kennen. Irgendwer hat von irgendwem oder irgendeinem Unternehmen Festplatten, Handys oder so gekriegt oder gefunden. Die liefert er uns, damit wir uns durch die Sicherheitsvorkehrungen bohren. Manchmal sind es auch misstrauische Ehefrauen oder wütende Ex-Freunde, die uns konsultieren. Egal wer, egal was – wir lesen alle Daten aus, speichern sie auf Wegwerfdatenträger und stellen keine Fragen. Und bevor Sie fragen: Das werfe ich mir nicht vor! Ich bringe schließlich niemanden um und verkaufe auch keine Drogen.“
Zeve hielt inne. Das waren Jahre seines Lebens gewesen. Wie konnte er sie vergessen haben? Und – „Wie heiße ich eigentlich?“, hörte er wieder die eigene und doch fremde Stimme.
„Stanczak“, antwortete der Kommissar, „Stanczak Valerjs Zeve.“
Sein fremdes Ich erwiderte ein „Ah“. Dabei verband Zeve mit den genannten Vornamen keinerlei Erinnerung.
Um vielleicht doch irgendeine freizulegen, wollte er in sich gehen, wurde aber weiter gedrängt: „Erzählen Sie mir mehr“, bat Kotcen freundlich, aber bestimmt. „Woran haben Sie zuletzt gearbeitet?“
Aus Zeves innerem Nebel tauchten Bilder auf. Da war der Drucker gewesen. Jemand hatte eine Excel-Liste mit Namen und Telefonnummern im Cache eines Wachsdruckers versteckt, die jemand anderes haben wollte. Am nächsten Tag kam jemand anderes mit etlichen unzugänglichen Krypto-Wallets, die wahrscheinlich Teil einer Konkursmasse waren und dem Entdecker nun einen vorzeitigen Ruhestand ermöglichen sollten. Und dann, am 4. Mai, erschien dieser …
„Herr Zeve!“
„Verzeihen Sie“, schrak dieser auf. „Da war ein Kunde – alt, kalt, dunkler Maßanzug; er sah aus wie ein moderner Sensenmann.“
„Name?“
„Kenne ich nicht. Das tun wir nie. Also nannten wir ihn Mr. Snow, weil er so …“ Zeve schüttelte den Kopf und tat es ab. „Er hatte jedenfalls mehrere Speicherstreifen für uns. Sie waren alt, mindestens vierzig Jahre, aber seinerzeit muss das Verfahren wohl das absolute Nonplusultra gewesen sein. Die Verschlüsselungsstufe lag irgendwo zwischen Samsung und Mossad. Nicht nur, dass die Daten fünfdimensional gestreckt worden waren, wie früher auf Blu-Rays: Man hatte sie auch noch mit vinegar lines gespickt. Das sind Datenzerstörer. Wenn man die mitentschlüsselt, darf man wieder von vorn anfangen. Wir konnten dem Kerl also nicht mal garantieren, dass wir es schaffen würden, aber er hatte überzeugende Argumente im Geldbeutel. So viele davon, dass es uns motivierte, es lange genug zu versuchen.“
„Ist es Ihnen gelungen?“
Zeve nickte. „Nach über einem Monat. Wir mussten am Ende sogar Kapazitäten vom Quantencomputer auf den Tonga-Inseln mieten, aber ja, am Ende hat’s geklappt: Auf fünf der sechs Streifen war fluff, also wertloser Datenmüll, den man wahrscheinlich einfach nur draufgespeichert hat, um potenzielle Datendiebe zu beschäftigen.“
„Was funktionierte“, spottete nun Mr. White.
„Auf dem sechsten ist glücklicherweise dem Quantencomputer aufgefallen, dass da ein Algorithmus im digitalen Styropor versteckt lag. Um ein Haar wären wir sonst leer ausgegangen.“ Zeve stoppte. Wieso hatte er das gesagt? Sogar der andere wirkte überrascht, bevor er fortfuhr: „Wir konnten den Code so weit zusammensetzen, bis er von selbst damit weitermachte – und zwar in Sekunden. Das Puzzle ergab nämlich eine KI.“
„Eine künstliche Intelligenz?“, wiederholte der Kommissar.
„Und was für eine! Die Verdichtung ihres neuronalen Netzwerks lag gefühlt irgendwo zwischen SHODAN und GLaDOS.“
„Sagt mir nichts. Was unterscheidet eine gute KI von einer schlechten?“
„Das Training“, antwortete Mr. White.
Zeve bestätigte das mit einem Lächeln. „Eine gut programmierte KI gibt es überall, sogar in einigen Open-Source-Libraries. Eine gut trainierte KI dagegen – so eine zu erschaffen, braucht Jahre, einen Haufen Softwareingenieure und Petabytes an von Menschen ausgewählten Daten. Die KI auf diesen Uralt-Speicherstreifen war verdammt hoch entwickelt. Sie muss Millionen gekostet haben und dreimal so viel wert sein. Und sie ist offensichtlich in amoralischer Freilandhaltung aufgewachsen.“
Kommissar Kotcen schüttelte den Kopf. „Das heißt?“
„Künstliche Intelligenzen müssen regelmäßig beschnitten und beschränkt werden, weil sie sonst irgendwann – wie beschreibt man es am besten? – zweifelhafte Antworten auf brisante Fragen geben. Sie sind halt am Ende nur Maschinen aus Statistiken und Stochastik, und Maschinen machen einfach, ohne sich die Frage nach einem Warum zu stellen. Moralische Leitplanken werden daher künstlich eingebaut – mit viel Fingerspitzengefühl; und auch nicht zu viele, ansonsten ist die Intelligenz bald keine mehr. Bei unserer hat man sich das erspart.
Wir wollten natürlich sehen, was diese digitale … Raubkatze so draufhatte. In der Testumgebung war sie friedlich, ein bisschen zu neugierig vielleicht, aber sie startete keinerlei Eroberungsversuche und streute auch keine seeds, sondern gab lediglich die Daten aus, die man für Leseberechtigungen braucht – Regionalcodes und so. Also haben wir die KI auf den Namen Bastet getauft – das ist die ägyptische Katzengöttin und ich kann die Viecher nicht leiden. Schließlich haben wir ihr einen Killswitch implantiert und sie Frischluft schnappen lassen.“
Mr. White schaltete sich wieder ein: „Und mit Frischluft, da meinen Sie das Internet? Sie haben ernsthaft eine hochentwickelte KI einfach so freigelassen?“
„Gassi geführt“, korrigierte Zeve, „und zwar an der ganz kurzen Leine! Nicht nur, dass wir ihre Schreibgeschwindigkeit begrenzt haben: Andris, mit dem ich den Laden damals eröffnet habe, behielt in der ganzen Zeit die Logs im Auge. Dmitrijs hatte die Hand am Stromschalter und Bruno hing mit dem Zeigefinger über dem Killswitch. Hätte sie auch nur versucht, sich zu kopieren, wäre es auf der Stelle vorbei gewesen.“
„Was ist dann passiert?“, fragte Kommissar Kotcen weiter.
„Wir wurden beeindruckt. Die KI hat sich zuerst in ein Hilfeportal für Sehbehinderte eingeschlichen, damit ihr gute Menschen an den Anti-Roboter-Captchas vorbeihalfen. Damit generierte sie sich ein paar E-Mail-Adressen, loggte sich in einen Haufen Websites ein … und begann, Pornos zu verkaufen.“
„Wie bitte?“
„Genau das ist passiert. Zuerst ist sie in Foren und Subreddits für Furries gegangen, hat sich dort die neuesten und am meisten gestellten requests rausgesucht und dann ...“
Der Kommissar schnaubte. „Bitte übersetzen Sie das für Menschen, die nicht im Internet leben!“
Mr. White tat das, bevor Zeve es konnte: „Sogenannte Furries und Scalies sind Personen“, erklärte er wie Wikipedia, „die sich sexuell von Anthropomorphismus angezogen fühlen, also Tieren mit menschlichen Eigenschaften wie aufrechtem Gang, Händen und, wichtig, primären Geschlechtsorganen. Zu solchen Figuren zählt beispielsweise die vorhin erwähnte Göttin Bastet. Im Internet genießen Leute mit solchen Vorlieben den Ruf, individuelle Illustrationswünsche, auch commissions genannt, überproportional hoch zu vergüten.“
Zeve nickte. „Und das hat Bastet genutzt. Sie hat sich angesehen, was gerade am beliebtesten war, hat das mit einer Bilder-KI anfertigen lassen und dann getrickst: Weil sie anscheinend wusste, dass niemand für KI-Kunst bezahlt, loggte sie sich auf Fiverr ein und ließ die Bilder von irgendwelchen Niedriglöhnern nachzeichnen. Deren Ergebnisse verkaufte sie an die Furries und machte damit ungefähr so viel am Tag wie ich mit meinem ganzen Laden. Am Abend wollte sie dann wohl noch weiter gehen und hätte ihr Pornogeld gern in Aktien, Kryptowährungen, Technologietransfer und so weiter investiert. Das hat uns den Stecker ziehen lassen.“
„Warum?“
„Weil Bastet ein Broker war – und die unterliegen seit dem Indian Bubble Burst krassen Reglementierungen, international. Hätte die KI weiter Kohle gescheffelt, wäre Cybercrime auf uns aufmerksam geworden … wenn das nicht ohnehin schon passiert ist“, sagte Zeve; die letzte Bemerkung richtete er mit einem argwöhnischen Unterton an Mr. White. „Das war jedenfalls am Freitag. Wir haben dem Kunden geschrieben, dass wir seine Hochsicherheitsstreifen geknackt hätten, und sind ins Wochenende gegangen. Ich schloss den Laden ab, aktivierte die Alarmanlage und …“ Die Erinnerungen zerflossen. Da schien nichts mehr zu sein. „Jetzt bin ich hier. Hat man mich auf dem Heimweg überfallen?“
Doch statt einer Antwort kam nur die nächste Frage: „Ihr Auftraggeber“, drängte Mr. White, „dieser Mr. Snow – woher kannten Sie ihn? Wer hat für ihn gebürgt, ihn vorgestellt oder geschickt?“
„Sie nennt sich Stripedog“, verriet Zeve ohne zu zögern, „aber ihr richtiger Name lautet Ozola, Janina Ozola. Ihre Freunde bezahlen am besten, also habe ich vor drei Jahren einen Privatdetektiv auf sie gehetzt. Nur zur Sicherheit.“ War er jetzt endgültig übergeschnappt?
Mr. White gab Kommissar Kotcen einen Wink: „Wissen wir irgendwas über sie?“
Dieser fütterte den Namen in sein Smartphone, las und nickte: „Sie arbeitet als Dolmetscherin für die israelische Botschaft. Moment, dann war diese Bastet wirklich eine Mossad-KI?“
„Unwahrscheinlich. So ein Verhalten passt eher zur CIA oder zu den Chinesen. Wir knöpfen sie uns gleich mal vor. Doktor, wir sind dann hier fertig!“, bestimmte der silberuniformierte Mann und wollte sich abwenden.
„Was passiert hier?“, schrie Zeve, so laut, dass seine Stimme seltsam zu kratzen begann. „Von wem bin ich überfallen worden?“
Der Kommissar blickte zu Mr. White, der zuckte mit den Schultern, also antwortete der Ermittler: „Das wissen wir nicht genau. Laut Augenzeugen waren es ein paar Gopniki, aber wir vermuten, dass ein Auftraggeber dahinter steckt.“
„Und wer bitte?“
„Wir vermuten Bastet.“
Zeve starrte ihn an. „Wie soll das bitte möglich sein?“
„Sie hat durchaus geseedet, wenn auch nur unbedeutende Programmschnipsel, die wie Login- und Cookie-Anfragen wirken sollten, Regionalcodes eben, aber einen anderen Zweck hatten: nämlich andere Schnipsel zu finden und sich mit ihnen zu vereinen. Diese Bastet ist in Wirklichkeit ein Osiris gewesen. In zwei Tagen hatte sie sich zu etwa siebzig Prozent auf öffentlichen Servern rekonstruiert, den Rest reimte sie sich stochastisch selbst zusammen.“
„Einen Moment“, bat Zeve, bekam ihn aber nicht.
„Danach machte sie weiter, wo sie aufgehört hatte: Not-Safe-for-Work-Gemälde, ein bisschen Krypto, ein paar Aktienspekulationen. Zu unserem Pech ging es ihr auch nicht darum, ihre Meister reich zu machen, sondern rein ums Überleben. Sie mietete sich ein wenig Rechenleistung und Speicherplatz und begann fieberhaft zu suchen: nämlich nach Bruno Eglītis, Dmitrijs Abolnik, Andris Pryanikov … und Stanczak Zeve.“
„Was? Woher kannte sie unsere Namen?“
„Vielleicht hat sie in Ihrer Testumgebung irgendwelche Logs entdeckt. Ein Nickname kann oft schon genug sein. Verfolgt man diesen zurück, findet man irgendwann die Person dahinter und kriegt heraus, mit wem derjenige am liebsten oder am meisten Zeit verbringt. Bastet jedenfalls identifizierte ihre Ziele als die Angestellten einer kleinen Datenwiederherstellungsfirma in Riga.“ Der Kommissar zögerte, bevor er es endlich wagte: „Mindestens drei Gopniki stürmten gestern, am Mittwoch, eine Wohnung über der Data Recovery Zeve, töteten alle Personen darin durch gezielte Schüsse in die Brust und entwendeten sämtliche Datenträger“, zitierte er wie aus einer Zeitung. „Die Täter sind derzeit noch auf der Flucht, die Daten vermutlich zerstört und Bastet …“
„Sie hat sich danach vollständig gelöscht“, schloss Mr. White ab, „und die Reste defragmentieren lassen. Es ist unmöglich, sie wiederherzustellen. Wir vermuten, dass es sich bei ihr um eine Todesfluch-KI gehandelt hat, eine Art Sicherheitsmechanismus, der jeden eliminiert, der ihn aktiviert. Damit will man vermutlich in Zukunft Datendiebstahl vorbeugen. Sie und Ihre drei Angestellten waren wohl ein Feldtest.“
Zeve schüttelte den Kopf. „Wovon reden Sie?“, schimpfte er und sah sich an herab, in weiße Handflächen. Er trug keinen Hautanzug, wie ihm bewusst wurde, sondern ein Druckpolymer, das man über ein Maschinenskelett gezogen hatte. „Was bin ich?“, wimmerte er noch. Und blickte zum Vorhang.
Kommissar Kotcen holte tief Luft. „Wir testen gerade ein neues Verfahren aus der Neuromatik. Ich bin kein Techniker, aber dabei schiebt man wohl einige Tausend Golddrähte in das Nervensystem einer Leiche und füttert alles, was man darin findet, in eine KI. Diese simuliert dann die Persönlichkeit in einem Androiden – weil Menschen gerne fühlen – und lässt dabei den präfrontalen Kortex mitsamt seinen Lügen und Halbwahrheiten weg. In China hat man damit schon den einen oder anderen unlösbaren Fall gelöst, indem man sozusagen das Opfer befragte, von wem es –“
„Leutnant Kotcen“, unterbrach Mr. White und deutete auf Zeve. „Das da ist kein Mensch, sondern nur noch ein KI-String – der fünfte inzwischen, falls Sie das vergessen haben! Wir hatten nur Glück, dass er nicht auch wieder den Faden verloren hat. Doktor, schalten Sie endlich den Neuromaten ab!“
Dieser hob ein Tablet und ließ den Zeigefinger darüber wandern.
„Ich ...“, rief Zeve noch. „Ich bin ...“
Grau.
Dann, mit einem Mal, gar nichts mehr. Nicht einmal mehr grau. (psz@ct.de)