c't 20/2023
S. 163
Test & Beratung
Buchkritik

>lies buch

Prompt-gesteuerte KI-Tools erfordern bisweilen geduldiges Herumprobieren auf der Suche nach passenden Texteingaben. Spielenostalgiker lässt so etwas daran denken, dass sie auf ähnliche Weise bei Interactive-Fiction-Abenteuern Welten erkundet haben. Aaron A. Reed rückt diese in gebührendes Licht.

Mancher Heimcomputerveteran schwärmt noch heute von Nächten, in denen er einst knobelnderweise Text-Adventures löste. Nachdem Parser die geeigneten Kommandos zunächst noch mundgerecht serviert bekommen mussten, brachten geniale Entwicklerteams ihren Schöpfungen nach und nach bei, rudimentär natürlichsprachliche Eingaben zu verarbeiten.

Reed, selbst ein preisgekrönter Entwickler von Interactive Fiction, hat gemeinsam mit dem Unternehmen BBN an einer Chatbot-Engine gearbeitet, die helfen soll, E-Mail-Betrüger zu entlarven. Seit Jahren bloggt er über Spieldesign und übers Geschichtenerzählen. Im Juni 2022 nahm er mit einer Kickstarter-Kampagne 650.000 US-Dollar ein, mit denen er das Buch über sein Lieblingsthema finanzierte. Darin behandelt er ausführlich 50 charakteristische Spiele aus den Jahren 1971 bis 2020. Die Titel entstammen sehr unterschiedlichen Genres: Neben Text-Adventures, Roguelikes und Rollenspielen sind auch nichtdigitale Spielkonzepte wie Play-by-Mail und die Choose-Your-Own-Adventure-Bücher vertreten. Alte Bekannte wie Zork und Dwarf Fortress fehlen nicht, aber der Leser begegnet auch ausgesprochenen Raritäten. Jedes der Spiele bildet auf seine Weise einen Meilenstein des interaktiven Geschichtenerzählens und hat sein eigenes Kapitel, das die Entstehung und vielerlei Wissenswertes darum herum beleuchtet. Vielfach wird es dabei herrlich technisch, wenn der Autor etwa Quelltextauszüge zitiert und unter anderem erklärt, wie Zufallszahlen in Oregon Trail die Siedlerreise glaubwürdiger wirken ließen. Der in leicht verständlichem Englisch gehaltene Text ist eine wahre Fundgrube nicht nur für Spielefreunde – auch Leute mit Sinn fürs originelle Lösen historischer Programmieraufgaben werden ihre Freude daran haben.

Die gedruckte Fassung ist ein Augenschmaus und ein Griffschmeichler, war aber nach ihrem Erscheinen im Frühjahr schnell vergriffen. Gegen Ende des Jahres plant Reed ein Print-on-Demand-Angebot. Das E-Book mit seinen vielen klickbaren Querverweisen kommt besonders Ausprobierern sehr entgegen. Unter if50.textories.com/portal pflegt der Autor eine Liste mit Links und zahlreichen Hintergrundinformationen zu den im Buch besprochenen Spielen. (Maik Schmidt/psz@ct.de)

Kommentieren