Physikerin, Pilotin, Computer – Astronautin?
Eine Naturkatastrophe als Boost für die internationale Raumfahrt: In „Die Berechnung der Sterne“ kann die Menschheit ohne Kolonien im All nicht überleben. Elma York, Rechnerin im Raumfahrtzentrum, will die erste Frau im All sein.
Was, wenn ein Meteorit in den Atlantik vor Washington D. C. einschlüge? Im Roman „Die Berechnung der Sterne“ beginnt mit dieser Katastrophe im Jahr 1952 eine alternative Geschichte der Raumfahrt: Der Meteorit schleudert Wasserdampf in die Atmosphäre und verursacht damit langfristig einen Treibhauseffekt, durch den die Erde unbewohnbar zu werden droht. Die Staaten der Erde intensivieren ihre Raumfahrtprogramme, um bald Kolonien im All zu errichten.
Hauptfigur des SciFi-Romans ist Elma York, eine brillante Mathematikerin, Physikerin und Pilotin in den USA. Bald nach dem Meteoriteneinschlag arbeitet sie als Computer im Rechenzentrum der neuen Internationalen Raumfahrtkoalition in Kansas. Diese setzt auf menschliche Rechnerinnen, da mechanische Computer noch unzuverlässig sind. Die Frauen werten bei den Raketentests und -starts Daten aus, entwickeln Gleichungen, berechnen Flugbahnen und Treibstoffverbrauch.
Aus der Ich-Perspektive von Elma sind Leser mittendrin: wenn sie anfangs durch die Hölle geht, weil der Meteoriteneinschlag ihre Familie auslöscht und das Land im Chaos versinkt. Wenn sie bei einer Flugshow glänzt und dann vor Journalisten eine Panikattacke bekommt. Wenn die Rechnerinnen und Ingenieure in der Kommandozentrale per Funk versuchen, die Astronauten im All vor dem Ersticken zu retten, als das Schott ihrer Raumkapsel blockiert.
Mary Robinette Kowal beschreibt die Atmosphäre in der Zentrale, die Raketen, Düsenjäger und Astronautentrainings der 1950er so, dass sie auch heute greifbar scheinen. Sie spielt mit fiktiven Elementen und der realen Geschichte, lässt etwa Thomas E. Dewey die US-Präsidentschaftswahl 1948 gewinnen, weil der das US-Raumfahrtprogramm vermutlich vor 1952 gestartet hätte.
Kowal zeigt eindringlich, wie Frauen und nicht-weiße Menschen in den 1950ern unterdrückt werden. Dass auch sie ins All fliegen dürfen, wäre für Kolonien unerlässlich – die fiktiven Computer und Pilotinnen um Elma ringen darum. Im Dezember erschien der zweite Teil des Romans: Hier steht die erste Marsmission der Menschheit kurz bevor. (gref@ct.de)