MIT Technology Review 9/2016
S. 104
Meinung
Bücher

Spiel mit der Zeit

In seinem neuen Roman zeigt Cyberpunk-Erfinder William Gibson, dass er sein Gespür für die Zukunft nicht verloren hat.

WILLIAM GIBSON: PERIPHERIE Verfügbar ab 27. August 2016. Tropen Verlag, 24,95 Euro (E-Book 19,99 Euro)

Seit William Gibson 1984 seinen Science-Fiction-Roman „Neuromancer“ veröffentlicht hat, gilt er als der „Prophet“ des Genres. Denn der Mann hat nicht nur eine Nase für technische Entwicklungen, sondern auch ein geradezu unheimliches Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen. Seit Beginn der 2000er schrieb Gibson allerdings nur noch in der Gegenwart angesiedelte Thriller. Mit seinem neuen Roman „Peripherie“ ist er endlich zu seinen Wurzeln zurückgekehrt.

Der Roman spielt entlang zweier paralleler Zeitlinien. Die erste ist die Welt von Flynne. Sie lebt an der amerikanischen Ostküste, in einem Land, dessen industrielle Produktion fast zusammengebrochen ist. Alltagsgegenstände werden „gefabbt“, jeder schlägt sich durch, so gut er kann. Flynnes Bruder Burton testet heimlich Computerspiele, um seine spärliche Veteranenrente aufzubessern. Flynne springt eines Tages für ihn ein, findet sich in einer virtuellen Welt wieder, die an London erinnert – und wird die einzige Zeugin eines Mordes.

Sie ahnt nicht, dass diese Welt die Zukunft ist – die zweite Zeitlinie. Dort sind 80 Prozent aller Menschen durch eine nur lapidar „Jackpot“ genannte Katastrophe gestorben. „Kein Kometeneinschlag, nichts, was man wirklich als Atomkrieg bezeichnen konnte. Einfach nur alles andere, was mit dem Klimawandel verquickt war.“ Die verbliebene menschliche Gesellschaft wird jedoch gerettet, denn „während alles immer tiefer in die Scheiße getaumelt war und sich die Geschichte in ein Schlachthaus verwandelt hatte, explodierte die Wissenschaft regelrecht“, schreibt Gibson. Und so richtet sich in den Ruinen von London eine dekadente Stadtgesellschaft ein, die sich die Zeit damit vertreibt, über einen „Quantenserver in China“ die Vergangenheit zu kontaktieren und deren Menschen für sich arbeiten zu lassen, indem sie sich über „Peripherie“ genannte Telepräsenzkörper in ihre Welt einloggen. Der PR-Agent Wilf Netherton kontaktiert Flynne, um den Mord an seiner Klientin aufzuklären.

„The Peripheral“ ist bereits 2014 auf Englisch erschienen, doch es hat sich gelohnt, auf die deutsche Fassung zu warten. Denn Gibson ist nicht leicht zu lesen: „Sie glaubten, dass Flynnes Bruder keine posttraumatische Störung hatte, sondern dass ihn die Haptics manchmal glitchten“, beginnt der Roman. „So was wie Phantomschmerzen, sagten sie, die von den Tattoos kamen, die er im Krieg hatte und die ihm sagten, wann er den Angriff beginnen sollte und wann stillhalten.“

Aber die Mühe lohnt sich. Gibson legt eine ausgeprägte Lust an Sprachschöpfungen an den Tag, skizziert technische Erklärungen und mischt sie mit fiktiven historischen Puzzleteilen, um ein atmosphärisch dichtes Netz zu knüpfen – eine „großartige Reise durch die Zukunft“, wie der „Guardian“ schreibt. Dass der zugrunde liegende Thriller recht konventionell ist, kann man dem Autor daher leicht verzeihen. W. STIELER

ERNÄHRUNG

Wer mag schon blaues Fleisch?

Dieser handliche, elegante Band verblüfft in vielerlei Hinsicht: Wie viele wissen bei all den Lobeshymnen auf Rohkost, dass sich das Betacarotin aus Möhren sehr viel besser aufnehmen lässt, wenn sie gekocht sind? Oder: Wer ahnt schon, dass der Mensch mehr als eine Billion Gerüche unterscheiden kann, was seinem Geschmackssinn extrem nützt?

Die 42 Kurzessays von Melanie Mühl und Diana von Kopp handeln vom unüberwindlichen Ekelfaktor, dem Einfluss von Musik auf unser Trinkgeld oder davon, wie Farben uns den Appetit verderben können. Zum Glück formulieren die beiden „FAZ“-Autorinnen in „Die Kunst des klugen Essens“ aber nicht aus der persönlichen Perspektive – nach dem Motto: Was ich schon immer einmal über Fast Food schreiben wollte. Ihre Texte lesen sich nicht nur leicht und bisweilen amüsant, sie sind zudem wissenschaftlich durch entsprechende Studien abgesichert sowie immer wieder mit Expertenmeinungen angereichert. All das macht die Lektüre zu einem Vergnügen, nicht zuletzt deshalb, weil man anschließend weiß, was uns begeisterter Chili-Konsum über einen Menschen verrät. inge wünnenberg

Melanie Mühl, Diana von Kopp: „Die Kunst des klugen Essens“. Hanser Verlag, 256 Seiten, 16 Euro (E-Book 11,99 Euro)

ROMAN

Leben und Leiden im Labor

„Die primäre Absicht dieses Romans ist es, den Leser in die Leben von Wissenschaftlern hineinzuziehen und zu zeigen, wie sie ,ticken‘“, heißt es im Buchklappentext. Klingt nach bemühter Schulfernsehen-Pädagogik. Doch wer sich davon und von einem etwas zähen Start nicht abschrecken lässt, den erwartet eine überraschend spannende Geschichte aus dem Innenleben eines US-Bioforschungslabors, kompetent geschrieben von einer erfahrenen Wissenschaftlerin.

Im Mittelpunkt stehen die beiden ehrgeizigen Postdocs Chloe und Karen. Chloe scheint alles zu gelingen. Gerade erst hat sie ein gefeiertes Paper bei „Nature“ untergebracht. Karen hingegen sichert ihre Ergebnisse so lange ab, bis ihr ein anderes Team mit der Publikation zuvorkommt. Da stolpert sie über Unstimmigkeiten in Chloes Versuchen. Soll sie wegschauen oder den Laborleiter einweihen? Sie entscheidet sich mit gemischten Gefühlen für Letzteres. Dabei mag sie nicht glauben, dass Chloe – bei allem Ehrgeiz – ihre Ergebnisse fälschen würde. Zu allem Überfluss soll sie selbst Chloes entscheidendes Experiment wiederholen. Dabei erlebt sie einige Überraschungen. GREGOR HONSEL

Pernille Rørth: „Raw Data. A Novel on Life in Science“. Springer, 195 Seiten, 21,39 Euro (E-Book: 15,46 Euro)

EXPERIMENTE

Harte Zeiten für Hardware

Wie baut man aus einer CD-Hülle, einem Transistorradio und einem Taschenrechner einen Metalldetektor? Wie aus einem Smartphone und einem Schuhkarton einen Beamer? Der Physiker und Fernsehmoderator Philip Häusser hat ein Bastelbuch für Digital Natives geschrieben, in dem Hardware selten ungeschoren davonkommt. Da werden Digitalkameras gestrippt, um daraus ein Nachtsichtgerät zu bauen, oder Monitore ihres Polfilters beraubt, um sie geheimdiensttauglich zu machen.

Dank Flohmarkt oder Ebay kosten die Experimente trotzdem selten mehr als ein paar Euro – mitunter aber einiges an Geduld, denn viele Versuche hören sich abschreckend frickelig an.

Im Anschluss an jedes Kapitel erläutert Phil noch mit einfachen Worten den physikalischen Hintergrund. So lohnt sich die Lektüre auch für Leute, denen theoretische Einsichten genügen. An die eher audiovisuell sozialisierten Leser wurde ebenfalls gedacht: QR-Codes führen bei jedem Experiment zu den entsprechenden Videos. GREGOR HONSEL

Philip Häusser: „Phil’s Physics. Geniale Erfindungen, die das Leben erleichtern“. Komplett Media, 208 Seiten, 14,99 Euro (E-Book: 12,95 Euro)