Jordanien
Das Wasser der Antike
Ein kleines Dorf im Norden Jordaniens macht zurzeit vor, wie wasserarme Länder dem Mangel an der lebenswichtigen Ressource beikommen könnten. Die 4000-Seelen-Gemeinde heißt Umm El-Jimal, zu Deutsch: die Mutter des Kamels. Der kuriose Name hat einen historischen Grund: Vor Jahrtausenden war das Dorf ein Kreuzungspunkt für die Kamelkarawanen, die weiter nach Damaskus zogen.
Hier, nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, regnet es allerdings nur in den Monaten zwischen November und März ein wenig. Doch schon in der Antike gelang es den Menschen, sich durchgängig mit Wasser für den eigenen Bedarf und für ihre Tiere zu versorgen. Dafür hatten die Araber bei Umm El-Jimal im Jahr 90 nach Christus ein weitläufiges System aus Kanälen und Vorratsbecken errichtet. In ihnen sammelten sie das Regenwasser aus den nahe gelegenen Bergen, das bei seltenen, aber kräftigen Güssen die leeren Flussbetten („Wadis“) hinabschießt. „Sie lebten damals komplett von diesem Wasser“, sagt Bert de Vries, Archäologe am Calvin College im amerikanischen Michigan, der zurzeit in Umm El-Jimal forscht. „Und jetzt habe ich hier in meinem Büro zwei 20-Liter-Kanister mit Wasser eines kommerziellen Anbieters stehen. Das ist teuer. Und da Wasser immer knapper wird, ist das auf keinen Fall die Lösung der Zukunft“, sagt er.
Die liegt für ihn vielmehr in der Belebung der Vergangenheit. 2015 begann de Vries mit Unterstützung des örtlichen Bürgermeisters, die meist verschütteten Kanäle freizulegen. Bauern hatten sie beim Pflügen mit Erde gefüllt. Das Team des Archäologen schaufelt fast täglich Erde und Steine heraus. Hier und da füllen sie Bereiche mit Zement aus, damit das Wasser nicht so leicht versickert. Ein Auffangbassin, so groß wie vier Schwimmbecken, hat de Vries schon wieder in Betrieb genommen. „Die Bauern verwenden das Wasser bereits und bauen Pfirsiche, Tomaten, Melonen und Olivenbäume an“, berichtet er. Mindestens zehn Prozent seines Wasserbedarfs könne das Dorf über das so gesammelte Regenwasser decken.
Ob es allerdings als hochwertiges Trinkwasser geeignet ist, muss sich noch zeigen. Derzeit untersuchen jordanische Ingenieure seine Qualität. Es besteht die Befürchtung, dass das Wasser mit Schwermetallen oder anderen Schadstoffen belastet ist. Dann wäre es höchstens zum Bestellen der Felder geeignet. Sollte die Qualität allerdings besser sein, will de Vries eine Trinkwasseraufbereitungsanlage errichten. Dann könnte ein Teil des Regenwassers so weit gereinigt werden, dass die Menschen damit kochen können.
Zurzeit liefern das Trinkwasser lokale Brunnen, die mehr als zweihundert Meter tief unter das Gebirge vulkanischen Ursprungs reichen. Doch weil die Bevölkerung in Jordanien rasch wächst, ist dieses Wasserreservoir überstrapaziert. Salzwasser dringt ein, und es habe einen unangenehmen Geschmack, sagt de Vries. Mit der Regenwassernutzung will er den unterirdischen Speicher entlasten und schützen.
Dass mit der Nutzung des Regenwassers dem Grundwasser der Nachschub ausgeht, glaubt er nicht. Das unterirdische Reservoir speist sich zwar ebenfalls über Regenwasser, das nach unten sickert. De Vries zufolge würden beim Sammeln des Regenwassers aber vor allem die Anteile aufgefangen, die sonst über Verdunstung verloren gingen.
SUSANNE DONNER