MIT Technology Review 4/2017
S. 112
Fundamente
Jubiläum

Wind schaufeln

Vor 130 Jahren baute der Schotte James Blyth das erste Windrad.

Holzlatten, Baumwollstoff und einen Dynamo – viel mehr brauchte der Schotte James Blyth nicht, um 1887 neben seinem Haus das erste Windkraftwerk der Welt zusammenzuzimmern. Es sah allerdings ganz anders aus als die heute üblichen Anlagen: Es drehte sich um eine vertikale Achse, war rund zehn Meter hoch und stand auf drei hölzernen Beinen. Der Wind bewegte vier Stoffsegel, die über ein Kegelgetriebe und einen Riemen einen kleinen Generator antrieben.

Die zweite Generation von Blyths Windrad hatte keine Baumwollsegel mehr, sondern feste Halbschalen. Foto: Wikipedia

Den Strom, der im Juli 1887 erstmals geflossen sein soll, speicherte Blyth in Blei-Akkumulatoren, die gerade erst erfunden worden waren. So saß er abends nicht im Dunkeln, sondern konnte bis spät in die Nacht über Zeichnungen und Schriften brüten. Insgesamt zehn 25-Volt-Glühlampen leuchteten bei „moderater Brise“, schrieb der Erfinder. Weitere Details über die Leistung und Bauart sind nicht überliefert.

Die Zeiten waren gut für Tüftler wie James Blyth. Ende des 19. Jahrhunderts war die Industrialisierung dank Kohle, Öl, Stahl und Dampfmaschinen in vollem Gange. Zudem beflügelten elektrischer Strom und Magnetismus gerade die Fantasie etlicher Forscher. Besonders inspiriert wurde James Blyth von William Thomson, dem späteren Lord Kelvin. Dieser hatte schon damals Akkumulatoren und elektrisches Licht in seinem Haus. Das muss Blyth zutiefst beeindruckt haben. „Batterien und Elektrizität waren sehr neu und aufregend damals“, sagt Trevor Price, Juniorprofessor an der University of Glamorgan in Wales und Windkraft-Historiker.

Bereits 1881 erklärte Thomson bei einem Vortrag in der „Glasgow Philosophical Society“, der auch Blyth angehörte: „Windräder können Batterien laden. Aber noch sind sie zu teuer. Ohne Erfindungen, die bislang nicht gemacht wurden, wird es nicht möglich sein.“ Diese Worte spornten Blyth an, und er machte sich an die Arbeit. Aber nicht nur die Windkraft nahm damals ihren Anfang, sondern auch die Diskussionen um erneuerbare Energien. Für den Dampfmaschinen-Erfinder James Watt und andere Größen der fossilen Branche bedeutete Elektrizität schlicht Konkurrenz. Eine Straßenbeleuchtung, die Blyth im Städtchen Marykirk errichtete, riss man bald wieder ab: Elektrischen Strom hielt man für Teufelszeug. „Die hatten damals schon Angst vor Erneuerbaren“, sagt Trevor Price.

Und doch: Blyths Anlage neben seinem Haus war so erfolgreich, dass er gute Geschäfte witterte und am 10. November 1891 das Patent mit der Nummer GB19401 anmeldete.

1895 ließ er eine modifizierte Anlage bauen. Sie hatte statt vier Baumwollsegeln acht hölzerne oder eiserne Halbschalen. „Viel Genaueres weiß man jedoch nicht“, sagt Trevor Price. Die Maschine wurde 27 Jahre nach ihrem Bau zerstört. Kommerzielle Bedeutung bekam sie nie. Dem Erfinder dürfte die Reichweite seines Schaffens kaum bewusst gewesen sein – als er 1906 starb, war der Boom der Windkraft noch lange nicht abzusehen. DANIEL HAUTMANN