MIT Technology Review 7/2017
S. 56
Horizonte
Gedächtnis
Aufmacherbild
Foto: Shutterstock

Wir sagen dir, woran du dich erinnerst

Der Mensch ist vergesslich. Daher sollen künftig digitale Helfer dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Wer aber bestimmt, an was wir uns erinnern?

Gestern war der Tag ereignislos. Wie so oft hat Albrecht Schmidt die ganze Zeit am Computer gesessen. Ein Programm geschrieben, das am Ende nicht funktionierte. Mails getippt, Anträge begonnen. „Und abends fragt man sich: Was habe ich eigentlich getan?“, sagt der Stuttgarter Professor für Mensch-Maschine-Interaktion. Gerade Wissensarbeiter sind häufig frustriert, weil der Output ihrer Arbeit wenig sichtbar ist, das kann bis zu Depressionen führen. Aber war der Tag gestern tatsächlich ereignislos? Schmidts Laptop ist anderer Meinung: Er präsentiert ihm eine fünfminütige Diashow von Screenshots des Vortags, zwei Bilder jeder Minute, im extremen Zeitraffer zusammengeschnitten. Als Außenstehender bleibt man ratlos: Die Bilder laufen viel zu schnell. „Aber ich kann sehen, wie ich gearbeitet habe, was ich gemacht habe, wie schnell – und vor allem: Was ich gelernt habe“, sagt Schmidt. Beim Programmieren hat er einige Tutorials geschaut und vieles nachgeschlagen. Und er hat angefangen, eine Unterkunft für die Summer School zu suchen, und er wurde dabei unterbrochen. Auch das zeigt ihm die schnelle Zusammenfassung. „Das hätte ich vergessen“, sagt er, ebenso die angefangene Mail an den Dekan, die kurz erscheint und offenbar noch im Entwürfe-Ordner schlummert. „Die Erinnerung ist da, nur der Schlüssel dazu nicht immer“, sagt Schmidt.

So lässt sich der Informatikprofessor nun jeden Morgen die Bilder seiner gestrigen Arbeit liefern – und damit den Schlüssel zu seiner Erinnerung. Seine Software kann theoretisch jeden einzelnen Tastendruck auswerten, er könnte berechnen, für welche Aufgabe er wie lang brauchte. „Das sind extrem persönliche Daten“, sagt Schmidt. „Man kann damit messen, wie ich denke.“ Und gleichzeitig sind es extrem wertvolle Daten: Sie bringen die Hoffnung mit sich, nie wieder etwas zu vergessen. Denn die Technologie muss keineswegs auf Computer beschränkt bleiben. Wandert sie in Smartphones oder gar intelligente Brillen, ist das lückenlose Gedächtnis keine Vision mehr.

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