MIT Technology Review 3/2023
S. 26
Titel
Dürre in Deutschland

Stadt, Land – ohne Fluss

Warum müssen wir uns plötzlich Sorgen machen, ob noch genug Wasser zum Duschen, Ackern, Autobauen da ist? Eine Spurensuche in Berlin und Brandenburg zeigt, wie der natürliche Kreislauf aus dem Takt gerät – und welche Maßnahmen helfen können, ganz Deutschland besser auf Dürrezeiten vorzubereiten.

Karsten Lemm

Der Heubach hat sich verflüchtigt. Über Jahrtausende hinweg plätscherte er über die Barnimer Hochfläche im Nordosten Berlins bergab in Richtung Müggelsee; zog Siedler an, die sich niederließen, wo immer sein Wasser Leben spendete – Menschen, Tiere, Pflanzen, alle tranken aus dem gut 34 Kilometer langen Flüsschen, das die Slawen „senca“ (Heubach) nannten und die Deutschen Senitz, ehe es seinen heutigen Namen Fredersdorfer Mühlenfließ bekam.

„Dies ist ein besonders steiles Stück, hier war historisch die Mühle“, sagt Martin Pusch. „Bisher ist hier zumindest im Winterhalbjahr immer Wasser geflossen.“ Nun schaut der 63-Jährige von der Brücke, die in Schöneiche bei Berlin über den einstigen Bach führt, hinab in eine vertrocknete Senke. Laub, Sand, Steine, hier und da ein wenig Gras – aber nicht einmal ein Rinnsal ist geblieben vom Mühlenfließ. Nur Findlinge, die sich durch die Landschaft ziehen, zeigen an, wo das Wasser früher so stürmisch bergab floss, dass es gebremst werden musste.