"Age of Empires 4" im Test: Als wär's gestern gewesen
Mit "Age of Empires 4" kehrt eine legendäre Serie zurück. Kann die Fortsetzung das untergegangene Imperium der Echtzeitstrategie wieder aufbauen?

(Bild: Microsoft)
"Age of Empires 4" ist eine Zeitmaschine. Das Mittelalter-Strategiespiel führt Spieler zurück in eine Jugend, als man nach der Schule lieber gemeinsam mit William Wallace Schottland befreit hat, als die Hausaufgaben für den Geschichtsunterricht zu erledigen. Es ist eine Reise zurück ins goldene Zeitalter der Echtzeitstrategie, als man sich um die Jahrtausendwende herum noch wunderbar darüber streiten konnte, ob nun "Command & Conquer", "WarCraft" oder eben "Age of Empires" den Höhepunkt des Genres darstellt.
Heute spielt keine dieser Spieleserien noch eine große Rolle. Bei der nun sechzehn Jahre nach dem dritten Teil erscheinenden Fortsetzung muss man sich fragen, warum eigentlich. Denn "Age of Empires 4" weckt nicht nur nostalgische Gefühle, sondern macht immer noch genauso viel Spaß wie früher. Und das, obwohl es fast nichts an seinem Erfolgsrezept ändert: Man baut ein mittelalterliches Dorf auf, trainiert ein paar Reiter, Ritter und Rammen und brennt mit denen das Dorf seines Feindes nieder. Also alles wie immer?
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Schere, Stein, Papier, Echse, Spock
Der Einstieg fällt leicht, "ganz gleich, ob langjähriger Fan oder völliger Neuling", wie das Spiel selbst verspricht. Entwickler Relic Entertainment verzichtet auf Experimente, wodurch sich Veteranen sofort zuhause fühlen und Anfänger nicht überfordert werden. Der Wirtschaftskreislauf kommt wie eh und je übersichtlich mit den gerade einmal vier Ressourcen aus: Nahrung, Holz, Gold und Stein. Per Mausklick werden ansonsten faul herumstehende Dorfbewohnerinnen und -bewohner zum Holzfällen geschickt, bewirtschaften Felder und bauen Kasernen.
"Age of Empires 4" im Test (11 Bilder)

Aus denen plumpsen nach wenigen Spielminuten die ersten Militäreinheiten. Fernkämpfer legen Infanteristen flach, Speerträger schlagen sich gut gegen berittene Einheiten, die schnelle Kavallerie wiederum macht Bogenschützen den Garaus. Dieses Schere-Stein-Papier-Prinzip offenbart im Laufe einer Partie mehr Ausnahmen als die deutsche Grammatik, spätestens, wenn die einzigartigen Einheiten der acht spielbaren Völker in den Kampf eingreifen. Aus dem einfachen Schere, Stein und Papier wird so am Ende eher die erweiterte Variante Schere, Stein, Papier, Eidechsen und Mr. Spock. Reiten die berittenen Bogenschützen der Mongolen in die plötzlich per Spezialfähigkeit aufgestellten Barrikaden der englischen Langbogenschützen, hat die einfache Faustformel längst ihre Bedeutung verloren.
Die Kunst des Kriegs per Tastenkürzel
Je näher die großen Entscheidungsschlachten am Ende einer Partie rücken, desto wichtiger wird solch taktisches Kleinklein. Wer seine Einheiten nicht gruppiert, in Formation bringt, vorteilhaft im Gelände positioniert und im richtigen Augenblick die richtigen Spezialfähigkeiten per Shortcut-Reihenfolge auslöst, wird schon auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad bald sein erstes Waterloo erleben. "Age of Empires 4" wird mit der Maus gesteuert, aber mindestens genauso viel mit der Tastatur.
Bei aller Vorbereitung und Planung hält die Ritter im Kampf weder Reih noch Glied und ihre Rüstungen verschmelzen zu einem großen Knäuel. Spätestens dann ist man ohne auswendig gelernte Tastenkürzel – Doppelklick, STRG+1, Y, langer Mausklick, Q, V, A – aufgeschmissen. Diese Kombination markiert übrigens alle sichtbaren Langbogenschützen, weist ihnen das Tastenkürzel "1" zu und bewegt sie in Reihenformation aus dem Schlachtgetümmel, wo sie Palisaden aufstellen und dann ihre Position halten. Puh!
Kampagne mit doppeltem Bildungsauftrag
Um diese Kluft zwischen schnellem Einstieg und Steuerungsvokabular zu überbrücken, hat Relic in den vier Einzelspieler-Kampagnen ein ausführliches Tutorial versteckt. Jede der Missionen ist eine elegante Lektion in einer neuen Spielmechanik oder Taktik. Gleichzeitig sind sie Geschichtsstunden über die größten Schlachten zwischen 1066 und 1453. Von der normannischen Invasion Englands bis zum hundertjährigen Krieg erläutert die etwas zu lehrerhafte Erzählerin nicht nur, wer Kaiserin Mathilda war, sondern auch, wie man einen Hinterhalt plant.
Was zwischen lauter Zeitsprüngen fehlt, ist eine echte Geschichte mit Anfang und Ende, Heldinnen und Bösewichten, Action und Drama. Stattdessen werden die Missionen mit dokumentarischen Videos verbinden, in denen man erfährt, wie die Vögel bei der Falkenjagd transportiert wurden (nämlich auf einem über die Schulter gehangenen Kastengestell). Etwas weniger History Channel und ein bisschen mehr Braveheart hätte dann doch gutgetan.
Schon schön, aber noch schönerer Sound
Denn bei all den historischen Details ist "Age of Empires 4" keine Simulation. Die Grafik sorgte im Vorfeld schon für Diskussionsstoff, war einigen Kommentatoren zu "comichaft". Dieser Eindruck liegt nicht nur an den prall gesättigten Farben, sondern auch den verschobenen Proportionen zwischen Personen, Waffen und Gebäuden. Spielerisch ist das sinnvoll, liegt der Fokus des Spiels doch auf flotter, taktischer Action und nicht auf träger Diplomatie oder Hunger leidendem Landvolk – und da ist es eben wichtiger, den Schwertkämpfer im Schlachtgetümmel direkt am übergroßen Schwert erkennen zu können.
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Wenn der Rauch abgebrannter Äcker verzieht, blühen von Flieder gesäumte Wiesen, auf denen Rehe grasen. Der Marktplatz wird von Hühnern umkreist. Und zwischen den Bauernhäusern, die zur Erhöhung des Einheitenlimits dienen, setzt das Spiel automatisch dekorative Zäune, Schubkarren und Blumenkästen ab. Da wünscht man sich fast, "Age of Empires 4" wäre eher Aufbauspiel – aber die nächste Belagerung wartet schon. Und in der fällt eh nicht auf, dass manche Einheitenmodelle eher schlicht gestaltet sind. Eine fantastische Soundkulisse sorgt für das Übrige. Wenn sich Späher im Wald verstecken und anfangen zu flüstern, kurz bevor der Hinterhalt zuschnappt und wieder das Klimpern der Klingen ertönt, fühlt man sich trotz Vogelperspektive mittendrin im Geschehen.
Früher war alles genauso
Sicher, der vierte Teil der Serie bietet Veränderungen, über die langjährige Fans der Serie noch monatelang streiten werden. Aber es sind Veränderungen im Detail, in der Balance zwischen den Einheiten oder den Feinheiten der Formationen. Fundamental spielt sich "Age of Empires 4" noch immer so wie "Age of Empires 2". Das klingt schlechter als es ist. Immerhin gilt das nicht umsonst bis heute als eines der Meisterwerke der Echtzeitstrategie und hat sich selbst als Remake noch millionenfach verkauft. Natürlich fängt ein "Crusader Kings 3" die mittelalterlichen Machtspielchen viel komplexer ein und selbstverständlich ist ein modernes MOBA im Multiplayer schneller und spannender anzusehen. Trotzdem erhebt "Age of Empires 4" einen nicht ganz unrechtmäßigen Anspruch darauf, wieder zu den Königen der Strategiespiele zu gehören.
Ob der mehr als solide Neustart der Serie ausreicht, um "Age of Empires" zu alter Relevanz zurückzuführen, hängt letztendlich ohnehin nicht von den liebevoll gestalteten Kampagnen ab. Die Langlebigkeit von "Age of Empires 4" muss sich im Erfolg des Multiplayermodus zeigen – dieser Marktrealität kann im Jahr 2021 kein Spiel mehr entgehen. Und davon hängt dann wohl auch ab, ob "Age of Empires 5" seine Fans erneut über ein Jahrzehnt lang auf sich warten lässt…
Fazit
Mit "Age of Empires 4" besinnt sich die Serie auf das, was sie einst groß gemacht hat. Und was früher gut war, ist heute nicht schlecht. In der von Innovationen, Hypes und Trends getriebenen Videospielbranche ist es sogar mal ganz angenehm, zu etwas Gutem, Altem zurückzukehren – und trotzdem ein neues Spiel statt eines HD-Remasters zu bekommen.
Wichtiger als die Zukunft ist aber erstmal die Gegenwart. Denn auch wenn "Age of Empires 4" stellenweise etwas altbacken wirkt, sind die strategischen Geplänkel noch immer fesselnder als jede noch so wichtige Hausaufgabe – zumal sich hinter dem vertrauten Grundgerüst mehr als genug spielerische Tiefe verbirgt. Und sobald dieser Review fertig geschrieben ist, geht es auch direkt wieder zurück in die Schlacht. Statt Strg+S sind dann wieder die für einen Ausfallangriff durch die Burgtore nötigen Tastenkürzel wichtig.
"Age of Empires 4" erscheint am 28. Oktober für Windows (im Game Pass enthalten). Es kostet ca. 60 €. USK ab 12.
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(dahe)