KI-Forscher Michael Gerlich im Interview: Denken auslagern an ChatGPT?
Wer sich unkritisch auf generative KI wie ChatGPT verlässt, verlernt das kritische Denken. KI-Forscher Michael Gerlich warnt vor blindem KI-Aktionismus.
(Bild: Astrid Hagenguth / KI / heise medien)
c’t: Sie warnen vor der kognitiven Auslagerung, also der menschlichen Bequemlichkeit, Denkvorgänge einer generativen KI wie etwa ChatGPT zu überlassen. Gleichzeitig zeigen Sie mit Ihrer jüngsten Studie, dass eine durchdachte KI-Nutzung das kritische Denken sogar fördern kann?
Michael Gerlich: Ja, beides ist möglich. Im November hatte ich auf einem Expertentreffen bei Google DeepMind viele Diskussionen über meine jüngste Veröffentlichung. Alle stimmten mir zu: Theoretisch kann man das kritische Denken durch KI sogar verbessern, so wie es meine Studie zeigt. Aber wenn wir mal ganz ehrlich zueinander sind, dann werden vielleicht 5 Prozent der Weltbevölkerung tatsächlich diesen anstrengenderen Weg gehen. 95 Prozent werden im Alltag eher in der Gewohnheits- oder Bequemlichkeitsfalle stecken und kognitive Mühen auslagern.
(Bild:Â Gerlich)
Wenn man aber diese kognitive Auslagerung zulässt, dann entwickelt sich ein kritisches Denken entweder bei jungen Leuten gar nicht oder bei älteren Leuten zurück. In der Forschung sehen wir eine Vertrauensspirale: Ein KI-Anwender hat eine positive Erfahrung und damit setzt er noch mehr auf dieses Tool. Und wenn die Nutzung mit kognitiver Auslagerung einhergeht, dann trainiert der Anwender sein kritisches Denken nicht mehr – diese Fähigkeit verfällt. In Seminaren sagen mir viele Menschen: „Nö, ich gucke mir die Vorschläge an und entscheide selbst, ob ich sie annehme oder nicht.“ Aber wenn man hundertmal die KI nutzt und hundertmal zufrieden war oder sogar schon automatisch die Antworten übernimmt, dann entscheidet im Endeffekt längst die KI und nicht mehr der Mensch.
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