Aus für Datenatlas Bund: 25-Millionen-Euro-Grab der Verwaltungsdigitalisierung
Ein Prestigeprojekt sollte die Daten von Ministerien vernetzen und Behörden fit fürs KI-Zeitalter machen. Nach massiver Kritik ist das teure Portal nun offline.
Der Datenatlas Bund wurde abgeschaltet
(Bild: Bundesdruckerei)
Das Vorhaben klang vielversprechend für die deutsche Bürokratie: Mit dem „Datenatlas Bund“ wollte die Bundesregierung ein zentrales Metadaten-Portal online bringen. Es sollte Beamten und Angestellten in den Ministerien dabei helfen, behördeninterne Datenschätze zu finden, zu verknüpfen und effizient zu nutzen. Die Initiative entsprang der Datenstrategie der Exekutive. Seit mehreren Jahren war die Bundesdruckerei im Auftrag des Bundesfinanzministeriums (BMF) bei der Entwicklung federführend. Doch der Start ins Jahr 2026 markiert das vorzeitige Ende des einstigen Prestigeprojekts.
Wie Netzpolitik.org berichtet, wurde das Portal still und leise abgeschaltet. Auf der Webseite der Bundesdruckerei sind nur noch Informationen dazu verfügbar, aber keine Funktionalitäten mehr. Während die Bundesdruckerei und das Finanzministerium jede weitere Verantwortung von sich weisen, steht die deutsche Verwaltungsdigitalisierung vor den Trümmern eines Millionenprojekts. Übrig bleiben hohe Kosten und politische Ratlosigkeit.
Technischer Stand von 1986
Die Bundesdruckerei preist das Tool nach wie vor als modern, souverän und KI-fähig an. Doch ein unabhängiges Gutachten vom November enthüllte eine andere Realität. David Zellhöfer, Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, hatte das System einer detaillierten Prüfung unterzogen. Sein Fazit glich einer Ohrfeige für die Entwickler: In weiten Teilen entspreche das Portal nicht einmal dem Stand der Technik von 1986.
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Die Liste der Mängel, die der Gutachter auf Basis von Einblicken aus der Verwaltung und Analysen zusammentrug, ist lang. Demnach fehlten dem Datenatlas elementare Suchfunktionen, die heute bei jeder einfachen Web-Anwendung zum Standard gehören. Eine explorative Suche, die Vorschläge macht oder assoziativ arbeitet, gab es nicht. Wer etwas finden wollte, musste bereits im Vorfeld exakt wissen, wie der gesuchte Datensatz heißt – eine „gerichtete Suche“, die im Arbeitsalltag kaum Nutzen stiftet.
Zudem verfügte das IT-Werkzeug laut Zellhöfer nicht über kontrollierte Vokabularien. Da Dokumente nicht nach einheitlichen Schlagworten katalogisiert wurden, führten bereits einfache Tippfehler dazu, dass wichtige Informationen in den Tiefen des Systems unauffindbar blieben. Selbst grundlegende logische Suchoperatoren wie „UND“, „ODER“ oder „NICHT“ waren laut dem Experten nur stark eingeschränkt nutzbar.
Geheimniskrämerei und rechtliche Drohungen
Anstatt auf die fachliche Kritik einzugehen, schalteten die Bundesdruckerei und das Finanzministerium zunächst auf stur. Wie Netzpolitik.org schreibt, wurde der Datenatlas im Dezember noch fast wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Mit dem Argument, das Portal sei nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, versuchten die Beteiligten die Kritik im Keim zu ersticken. Die Bundesdruckerei ging sogar so weit, rechtliche Schritte gegen Zellhöfer in Erwägung zu ziehen, da sein Gutachten nicht offiziell beauftragt worden sei.
Der Professor zeigte sich daraufhin gegenüber heise online „fassungslos“: er habe pro bono einen Bericht geschrieben – und postwendend sei ihm mit rechtlichen Schritten gedroht worden. Einen direkten Kontakt zu ihm habe die Bundesdruckerei gar nicht gesucht. Bei den von dieser beklagten „unseriösen Quellen“ habe es sich etwa um „Beschäftigte der Bundesverwaltung, Screenshots aus dem Produktivsystem und wissenschaftliche Literatur seit den 1960er Jahren“ gehandelt.
Erst als der öffentliche Druck auch durch Postings Zellhöfers zunahm, folgte ein halbherziges Einlenken. Die Bundesdruckerei behauptete plötzlich, die kritisierten Mängel seien in der zweiten Jahreshälfte 2025 längst behoben worden. Das passt nicht ganz zur Aussage des BMF, wonach die Entwicklung bereits im ersten Quartal 2025 offiziell abgeschlossen gewesen sei. Heute will jedenfalls niemand mehr zuständig sein. Das Vertragsverhältnis zwischen der Bundesdruckerei und dem Ministerium endete zum 31. Dezember 2025, womit auch der Betrieb eingestellt wurde.
Teures Erbe ohne Abnehmer
Brisant ist die finanzielle Dimension des Scheiterns. Während erste Schätzungen von Kosten in Höhe von etwa 2,3 Millionen Euro ausgingen, nannte eine Sprecherin des Finanzministeriums gegenüber netzpolitik.org eine deutlich höhere Zahl: Rund 24,6 Millionen Euro seien seit Beginn in den Datenatlas geflossen. Anonyme Quellen aus dem Umfeld des Projekts vermuten, dass die tatsächlichen Ausgaben noch weit darüber liegen könnten.
Für diesen zweistelligen Millionenbetrag erhält der Steuerzahler ein abgeschaltetes System, das niemand übernehmen will. Das eigentlich für die Staatsmodernisierung zuständige Digitalministerium (BMDS) erteilte dem Projekt eine klare Absage. Eine Übernahme im aktuellen Stadium sei schlicht „nicht wirtschaftlich“. Nach intensiver Prüfung habe sich gezeigt, dass das Werkzeug trotz hoher Investitionen kaum genutzt werde und massiver Nachbesserungsbedarf bestehe.
Zwar hebt das BMDS hervor, dass die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse bei künftigen Vorhaben berücksichtigt werden sollen, um die getätigten Investitionen nicht völlig verfallen zu lassen. Doch ob und wann ein neues, funktionsfähiges Metadaten-Portal für die Bundesverwaltung kommt, bleibt unklar. Vorerst ist der Datenatlas Bund ein mahnendes Beispiel dafür, wie mangelnde Transparenz, veraltete Technik und politisches Zuständigkeitsgeschacher die Digitalisierung des Staates ausbremsen können.
(mki)