Überbot gescheitert: Luminar-Vermögen geht zum Bankrottpreis an Microvision

Lidar-Hersteller Luminar ist in Konkurs. Eine Versteigerung brachte einen Bruchteil der Schulden. In letzter Minute kam ein deutlich besseres Offert.

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Ein Mann in schwarzem T-Shirt hält einen flachen, silbernen Gegestand, der vorne ein stark getöntes Fenster hat

Ein verpacktes Lidar von Luminar

(Bild: Luminar Technologies)

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Der Lidar-Hersteller Luminar Technologies wird filetiert, das Unternehmen abgewickelt. Das ist das Ergebnis des Insolvenzverfahrens des US-Unternehmens. Luminar schuldet über eine halbe Milliarde Dollar, wesentlich beeinflusst durch eine fehlgeschlagene Kooperation mit dem chinesischen Autokonzern Volvo. Hereinkommen wird nur ein Bruchteil der Schulden. In letzter Minute durften die Gläubiger auf eine bessere Konkursquote hoffen.

Als das Insolvenzgericht die zuvor durchgeführte Versteigerung der Vermögenswerte Luminars bestätigen sollte, trat plötzlich ein neuer Bieter mit einer deutlich höheren Summe auf. Sein Überbot soll erheblich besser gewesen sein, als das Versteigerungsergebnis von 33 Millionen US-Dollar. Doch nachdem sich die verschiedenen Verfahrensparteien eilig beraten hatten, lehnte das Gericht das höhere Anbot als unzulänglich ab. Wahrscheinlich hat der neue Bieter seine Zahlungsfähigkeit nicht mit hinreichender Überzeugungskraft dargelegt.

Damit erhielt das Unternehmen Microvision, das in der Versteigerung das Höchstbot gelegt hatte, am Freitag auch den gerichtlichen den Zuschlag. Bereits am Montag wurde die Übernahme der Vermögenswerte umgesetzt. Für 33 Millionen Dollar übernimmt Microvision die Immaterialgüterrechte, das Inventar der Lidar-Modelle Halo und Iris, bestimmte bestehende Verträge sowie einen Teil der verbliebenen Mitarbeiter. Außerdem hofft der neue Betreiber, einige ehemalige Mitarbeiter Luminars zurückgewinnen zu können.

In ähnlicher Weise hat Microvision Ende 2022 Vermögenswerte der damals zahlungsunfähig gewordenen deutschen Firma Ibeo Automotive Systems übernommen. Wie Luminar hat auch Ibeo Lidar (LIght Detecation And Ranging) entwickelt. Im Grundprinzip arbeitet Lidar mit Messung jener Zeit, die ein Laserpuls braucht, um zu einem Objekt und wieder zurück zu rasen („Time-of-Flight“-Methode). Damit lassen sich dreidimensionale Umgebungsbilder erzeugen, was unter anderem für Militärs und autonom fahrende Kraftfahrzeuge hilfreich ist. Anders als Microvision wollte Luminar nicht für Militärs arbeiten.

Ibeo hat eine bewegte Geschichte hinter sich: 1998 in Hamburg von Ulrich Leges gegründet, wurde das Start-up schon zwei Jahre später von der Sick AG übernommen. In dem Jahr zeigte VW einen mit Ibeo-Unterstützung autonomen autofahrenden Roboter. Das Management rund um Leges blieb trotz des Verkaufs an Sick an Bord und kaufte die Firma zehn Jahre später zurück. Unter anderem war Ibeo bei der Darpa Urban Challenge 2007 dabei und schaffte es ins Finale.

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2016 stieg die ZF Friedrichshafen AG mit 40 Prozent ein. Sie engagierte sich ebenfalls im Bereich Fahrerassistenzsysteme (ADAS). 2022 stieg ZF allerdings aus und Ibeo musste Insolvenz anmelden. In der Folge landete die entwickelte Technik bei Microvision, das seither ein Entwicklungszentrum in Hamburg hat. Jetzt wird Ibeos Lidar-Technik bei Microvision mit jener des ehemaligen Mitbewerbers Luminar verheiratet. ZF Friedrichshafen ist übrigens kürzlich aus ADAS ausgestiegen und hat den Konzernbereich an die Samsung-Tochter Harman veräußert.

Luminar hat eine solvente Tochterfirma namens Luminar Semiconductors, die integrierte Schaltkreise (ASIC) für Lidars entwickelt. Diese Tochter geht für 110 Millionen US-Dollar an ein Photonik-Unternehmen aus New Jersey namens Quantum Computing.

Andere nennenswerte Insolvenzerlöse sind nicht in Sicht, womit die Gläubiger auf dem größten Teil ihrer Forderungen sitzen bleiben werden. Nicht zuletzt kostet auch die Abwicklung einen Batzen Geld. Das Insolvenzverfahren läuft am US-Bundeskonkursgericht für den südlichen Teil Texas‘ unter dem Az. 25-90807.

Die Identität jenes Bieters, der in letzter Minute deutlich mehr bot, damit aber keinen Erfolg hatte, ist derzeit nicht gesichert. Techcrunch vermutet dahinter den ursprünglichen Luminar-Gründer Austin Russell. Demnach könnte es sogar noch einen weiteren Interessenten unbekannten Namens gegeben haben, der zunächst chinesische Geldgeber vorwies. Das hätte an US-Investitionsbeschränkungen scheitern können. Daraufhin führte dieser Interessent andere Geldquellen an, die aber nur zum Teil verifiziert werden konnten.

Microvision notiert seit 1996 an der NASDAQ und ist in Redmond im US-Bundesstaat Washington zu Hause. Vor rund 20 Jahren war das Unternehmen für seinen Versuch, Mini-Laserprojektoren in Handys zu etablieren, bekannt.

(ds)