Kommentar zum SPD-Vorschlag: Social-Media-Regeln auch für Erwachsene

LinkedIn-Angeberei und AI Slop sind für Erwachsene fast genauso problematisch wie für Jugendliche, meint Eva-Maria Weiß.

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Mann im Wartezimmer am Handy auf einem gelben Sofa.

Ein Mann schaut auf sein Smartphone. Vielleicht wundert er sich, dass sein alter Schulfreund laut LinkedIn schon wieder einen noch tolleren Job angetreten hat.

(Bild: antoniodiaz / Shutterstock.com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Die SPD hat einen umfangreichen Vorschlag gemacht, wie man Social Media für Jugendliche sicherer gestalten kann. Die Differenzierung, die sie vornehmen, ist absolut sinnvoll. Vor allem ist es viel besser, die Nutzung und Funktionsweisen zu regulieren, als ein generelles Verbot zu erlassen. Dabei bedenkt die Partei überraschenderweise ein sonst gerne übersehenes Manko: Das, was viele Menschen posten, macht andere kirre bis krank – auch Erwachsene und nicht nur Jugendliche.

Wir reden viel über die armen Jugendlichen, die unter beschönigten Beiträgen in sozialen Netzwerken leiden. Influencer verkaufen ihnen eine vermeintlich ideale Welt. Alles ist perfekt, die Schminke, das Outfit und natürlich das gesamte Leben. Traumhafte Urlaube, immer ausreichend Zeit für sich selbst, denn natürlich geht es dabei auch immer um eine Selbstoptimierung.

Ein Kommentar von Eva-Maria Weiß
Ein Kommentar von Eva-Maria Weiß

Eva-Maria Weiß hat an der Universität Wien Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpsychologie studiert und arbeitet seither als Journalistin.

Das löst bei Jugendlichen einen erheblichen sozialen Druck aus. Es ist unbestritten, dass es diese Auswirkung gibt. Aber davon sind nicht nur Jugendliche betroffen. Erwachsene sorgen sich ebenfalls, dass ihr Lifestyle im Vergleich zu Instagram einfach abstinkt. Fast genauso schlimm: Erwachsene führen regelrechte Angeberschlachten auf LinkedIn. Auch dieses Problem muss angegangen werden.

Während nämlich bei Instagram schon längst der Umkehrtrend eingekehrt ist, tobt auf der eigentlichen Jobplattform noch immer der Größenwahn und Hypetrain. Auf Instagram und Tiktok etwa sprechen zahlreiche Influencer inzwischen ungeschminkt in die Kamera – viel auch über Sorgen und Probleme.

Auf LinkedIn hingegen herrscht vornehmlich ein perfektes Bild: Ein Beispiel sind KI-Jünger, die jedes Modell abfeiern, nicht merken, dass ihre Bilder- und Grafiken-Beiträge von anderen als AI Slop empfunden werden, und die es dennoch irgendwie schaffen, dass alle anderen das Gefühl haben, sie seien nicht ausreichend auf der Hut.

Auch die glamourösen Auftritte der einen, die Jobwechsel nach wunderbaren Jahren der anderen und die achso easy peasy Work-Life-Balance der wieder anderen, deren Kinder das Beste auf der Welt sind, lösen doch nichts anderes bei Erwachsenen aus, als die Schminkprofis bei jugendlichen Mädchen. Neid und Unsicherheit. Rage-Bait, also Empörung auslösende Beiträge, klicken für die Plattformen gut und landen ganz oben in unseren Feeds – manchmal mit einem ganz seriösen Anschein.

Es gibt freilich auch informative Beiträge. Menschen, die Artikel und Studien posten, die Experten in einem Bereich sind oder gute Beobachter. Und auch bei Instagram gibt es Inhalte, die Spaß machen: weniger aus dem beruflichen Kontext, aber ich beispielsweise mag die vielen Bastelanleitungen und Rezepte, auch so manche Interior-Idee und Restaurant-Kritik.

Nun möchte die SPD Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit geben, ihre Feeds wieder mehr selbst zu gestalten. Algorithmische Empfehlungssysteme sollen standardmäßig deaktiviert werden. Will man Empfehlungen haben, muss man sie aktivieren. Es sollen wieder mehr Beiträge von Personen und Accounts zu sehen sein, denen man folgt. Tatsächlich möchte ich gerne auch Inhalte entdecken – nur eben keinen Rage-Bait, sondern wirklich passende Beiträge zu dem, was ich anschaue.

Für Jugendliche gibt es weitere Einschränkungen, wie etwa beim Doom-Scrolling, also dem endlosen Weiterwischen. Das könnte man in meinen Augen ebenfalls gleich für Erwachsene mit einschränken.

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Es wird die Anbieter sozialer Netzwerke nicht freuen, was die SPD plant. Aber selbst ihnen sollte es als ein gangbarerer Weg erscheinen, als das generelle Verbot für unter 16-Jährige, die dann mit ihrem Geburtstag in eine Art Haifischbecken entlassen werden.

Die Umsetzung dürfte zudem technisch ziemlich leicht sein. Im Grunde hat beispielsweise Instagram schon zahlreiche Funktionen für Kinder und Jugendliche, die dem Partei-Vorschlag entsprechen. Auch TikTok und YouTube kann man anpassen, bei Facebook davon Gebrauch machen, manche Beiträge als nicht wünschenswert zu markieren. Nur nutzen das bisher einfach viel zu wenig Menschen.

Es wird ein Ringen um die Umsetzbarkeit der Vorschläge geben, um die Grenzen und natürlich darum, wer lauter brüllt. Meine große Hoffnung ist dabei, dass es weiterhin nicht nur um Jugendliche gehen wird. YouTubes Rabbitholes sind tief, LinkedIns-Angeberei sitzt bei manchen tief. Facebooks Beiträge, etwa dass früher alles besser war, bringen nicht bloß Erinnerungen hervor, sie verfälschen auch den Diskurs und machen einfach richtig schlechte Laune – bei jeder Altersstufe.

(emw)