Blue Velvet im 4K-Heimkinotest: Die Gewalt, die wir sehen wollen

David Lynch macht das Publikum zum Komplizen. Die neue 4K‑Edition auf UHD schärft nicht nur das Bild, sondern auch das Unbehagen.

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Blue Velvet

(Bild: De Laurentiis)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

David Lynch gehört zu den eigensinnigsten und provokantesten Regisseuren der Filmgeschichte. Seit den 1980er Jahren wühlte er im Unbewussten und tauchte in die Abgründe der menschlichen Seele hinab. Statt alles haarklein zu erklären, arbeitete er mit surrealen Bildern und Traumsequenzen, die Zuschauer absichtlich im Unklaren ließen. Sie sollten seine Filme fühlen und weniger über sie nachdenken.

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Das hat heute Seltenheitswert. Umso erfreulicher ist es, dass Plaion nun eines seiner zentralen Werke „Blue Velvet“ von 1986 in einem aufwendigen Set aus einer Ultra HD Blu-ray (UHD) und zwei Blu-ray Discs im Mediabook für 40 Euro neu aufgelegt hat. Pünktlich zum 40. Geburtstag ist der Film damit erstmals auch in Deutschland in seiner restaurierten Fassung in 4K erhältlich.

Der weiße Vorgartenzaun vor dem blauen Himmel mit den roten Rosen greift Farben und Form der US-Flagge auf. Lumberton könnte eine x-beliebige Kleinstadt in den USA sein.

(Bild: De Laurentiis)

In dieser ausführlichen Besprechung gehen wir zunächst auf die filmhistorische Bedeutung sowie ab Seite 4 auf die technischen Besonderheiten und Unterschiede der neuen Restauration ein und vergleichen sie mit den günstigeren Fassungen, die auf Blu-ray Disc und im Stream auf AppleTV/iTunes verfügbar sind. Wir zeigen, ob UHD und Dolby Vision sichtbar mehr leisten als die alte Blu-ray, welche Tonspur der Intention der Macher am nächsten kommt und warum die Streaming-Version klanglich wie visuell mit der neuen Disc-Ausgabe nicht mithalten kann.

Die Handlung wollen wir keinesfalls spoilern und setzen sie als bekannt voraus (sonst hilft Wikipedia auf die Sprünge). Jüngeren Lesern, die David Lynch vielleicht noch nicht kennen, sei verraten, dass hier eine moralische Achterbahn auf sie wartet, die in heutigen Zeiten, wo Fifty Shades of Grey bereits als verrucht gelten und Blockbuster die ewig gleichen Helden- und Liebesgeschichten erzählen, wohl noch verstörender wirkt als damals. Umso größer der Spaß, in diese bizarre Welt einzutauchen.

Als David Lynch im August 1985 als damals 39-jähriger Regisseur mit den Dreharbeiten zu Blue Velvet begann, hatte er gerade eine schmerzhafte Kollision mit dem Blockbuster-System der Hollywood-Studios hinter sich. Anderthalb Jahre hatte er in Mexiko für Dino De Laurentiis an der Verfilmung von Dune gearbeitet. Das Studio hatte große Pläne mit dem epischen Stoff von Frank Herbert. Er sollte die Erfolge von Star Wars wiederholen, mehrere Fortsetzungen und weitere Big-Budget-Produktionen mit Lynch waren bereits vertraglich vereinbart.

Dorothy bringt Frank im Nachtclub mit ihrer Interpretation von „Blue Velvet“ zum Weinen. Komponist Angelo Badalamenti musste behutsam mit der nicht im Gesang ausgebildeten Isabella Rossellini üben, bis sie die richtige Fragilität in den Song von Bobby Vinton von 1964 legte.

(Bild: De Laurentiis)

Doch der Film geriet zum Desaster. Lynch kam von der Malerei und war zu sehr Künstler und Visionär, als dass er sich in die engen Vorgaben des Studios zwängen und den Produzenten und Vermarktern beugen wollte. Heraus kam ein völlig zerschnittener Filmtorso, der an den Kassen folgerichtig floppte – ein Glück für das Autorenkino, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte.

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Lynch stand wieder bei Null und sehnte sich in die Zeit zurück, als er kleine Filme wie „Eraserhead“ drehte und die volle künstlerische Kontrolle hatte. De Laurentiis schlug ihm einen teuflischen Deal vor: Lynch könne „Blue Velvet“ drehen, wenn er und die Schauspieler auf ihre Gage weitgehend verzichteten und er mit einem Budget von nur 6 Millionen US-Dollar auskäme. Er bekäme die volle künstlerische Kontrolle und eine mündliche Zusage über den Final Cut. Lynch willigte ein, überarbeitete das Script und trommelte das damalige Who is Who der exzentrischen Schauspieler und Schauspielerinnen zusammen – und solche, die es werden wollten.

Gewerkschaften hatten damals nicht viel mitzureden: Die Crew drehte 18 bis 19 Stunden am Tag bis zur Erschöpfung. Aber zumindest Lynch hatte wieder Spaß am Filmemachen und fieberte jedem Drehtag entgegen.