Bonus für Benehmen: Wie Badges das Internet demokratischer machen könnten

Ein Forscher schlägt in einem Papier für eine SPD-nahe Stiftung vor, zivile Kommunikation auf Plattformen durch algorithmische Sichtbarkeit gezielt zu belohnen.

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Nahaufnahme eines Smartphone-Bildschirms mit den Symbolen verschiedener Social-Media-Apps.

(Bild: Primakov/Shutterstock.com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

In der digitalen Welt sind Plattformen mehr als nur technische Dienstleister. Sie bilden das Rückgrat der öffentlichen Kommunikation. Wer dort gehört wird und welche Themen die Debatte bestimmen, entscheidet sich jedoch oft nicht nach der Qualität eines Arguments. Vielmehr regiert die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie. Jan Rau, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Medienforschung (Hans-Bredow-Institut) liefert in einem aktuellen Impulspapier der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung einen Lösungsansatz: die Einführung von Plattform-Badges für zivile Kommunikation.

Das aktuelle System der sozialen Netzwerke belohnt vor allem das, was starke Reaktionen hervorruft: Emotionen, Zuspitzung und oft auch Radikalität. In diesem Wettbewerb um Klicks und Verweildauer geraten sachliche, zivile und wahrheitsorientierte Beiträge strukturell ins Hintertreffen. Die EU hat mit dem Digital Services Act (DSA) die sehr großen Online-Plattformen (VLOPs) dazu verpflichtet, Gefahren für den demokratischen Diskurs zu identifizieren und wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Raus Konzept baut in diesem Umfeld auf einen „Governance-by-Design-Ansatz“: Die Architektur der Plattformen selbst soll so verändert werden, dass demokratisches Verhalten aktiv gefördert wird. Die Idee: Nutzer können sich auf freiwilliger Basis dazu verpflichten, bestimmte Kommunikationsnormen einzuhalten. Wer sich zur Sorgfalt bei der Informationsprüfung und zu abwägenden Grundsätzen wie Respekt, Rationalität, Reziprozität und Konstruktivität bekennt, erhält ein digitales Gütesiegel.

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Der Clou liegt in der technischen Umsetzung: Das Badge ist nicht nur eine symbolische Auszeichnung im Profil, sondern dient auch als Signal für den Algorithmus. Beiträge von Badge-Inhabern sollen laut dem Sozialwissenschaftler in Feeds und Empfehlungen prominenter platziert werden und so eine höhere Reichweite erhalten. Das werde einen strukturellen Vorteil für zivile Kommunikation schaffen, der die derzeitige Bevorzugung von Empörungs-Inhalten ausgleicht, meint Rau. Das Ziel sei kein Einheitsdenken, sondern ein fairer Wettbewerb der Ideen. In diesem sollen auch leisere, aber fundierte Stimmen wieder eine Chance haben, gehört zu werden.

Da das Badge-System prinzipiell allen offenstehe und nicht nach politischer Gesinnung, sondern nach der Art und Weise der Kommunikation unterscheide, bleibe die Meinungsfreiheit gewahrt, betont Rau. Es gehe nicht darum, den politischen Konflikt, der für eine Demokratie essenziell ist, zu unterdrücken. Es soll ein Rahmen geschaffen werden, der verhindert, dass extreme Polarisierung und gezielte Manipulation die demokratische Öffentlichkeit destabilisieren.

Die Implementierung eines solchen Systems bringt Herausforderungen mit sich. Dazu gehören Fragen der Definitionshoheit: Wer legt fest, was als „Desinformation“ oder „zivil“ gilt? Das müsse durch transparente Verfahren, Widerspruchsmöglichkeiten und unabhängige Kontrollinstanzen geklärt werden, schreibt der Autor. Zudem seien Sanktionsmechanismen nötig, falls User ihr Badge missbrauchen, um etwa subtile Ideologien mit hoher Reichweite zu verbreiten. Rau schlägt dafür ein abgestuftes System vor, das von Warnungen bis zum dauerhaften Entzug des Gütesiegels reicht.

(vbr)