Kommentar: Russlands Cyber-Angriffe erfordern eine Reaktion

Jürgen Schmidt sprach sich lange Zeit gegen offensive Cyber-Aktionen aus. Russlands Sabotage-Angriff auf Polens Energieversorgung hat seine Meinung geändert.

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Mast einer Überlandstromleitung mit stilisiertem Hintergrund und den sichtbaren Worten "Cyber Attack".

(Bild: vectorfusionart / Shutterstock.com/ Bearbeitung heise medien)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Deutschland muss offensive Fähigkeiten im Cyberspace entwickeln und auch einsetzen. Wir können uns dieser bereits stattfindenden Auseinandersetzung nicht länger verweigern.

Das Wort „Hackbacks“ verabscheue ich. Es ist ein aufgeblasener Politik-Marketing-Begriff, der falsche Assoziationen hervorruft. Als ob als direkte Antwort auf irgendwelche Hacks irgendwie „zurückgecybert“ würde. So funktioniert das aber nicht. Es geht nicht um Gegenschläge, sondern darum, ob man sich an einer Auseinandersetzung im Cyberspace aktiv beteiligt. Also lasst uns lieber von „offensiven Cyber-Fähigkeiten“ reden.

Damit meine ich Möglichkeiten, in einer Auseinandersetzung durch gezielte Cyber-Angriffe Informationen über den Gegner zu beschaffen, diesen zu beeinflussen und auch seine IT-Infrastruktur lahmzulegen. Die Auseinandersetzung gibt es bereits. Da tobt seit Jahren ein Krieg direkt vor unserer Haustür, in dem wir ganz eindeutig und aus guten Gründen für die angegriffene Ukraine und damit gegen den Aggressor Russland Partei ergriffen haben. Wir sind also bereits Teil davon.

Ein Kommentar von Jürgen Schmidt
Ein Kommentar von Jürgen Schmidt

Jürgen Schmidt - aka ju - ist Leiter von heise Security und Senior Fellow Security des Heise-Verlags. Von Haus aus Diplom-Physiker, arbeitet er seit über 25 Jahren bei Heise und interessiert sich auch für die Bereiche Netzwerke, Linux und Open Source. Sein aktuelles Projekt ist heise Security Pro für Sicherheitsverantwortliche in Unternehmen und Organisationen.

Und wir sehen auch die Auswirkungen im Cyberspace bereits: Russland greift Europa und die NATO mit all seinen Cyber-Kräften an. Die Kreml-nahe Gruppe NoName057(16) koordiniert ganz offen DDoS-Angriffe gegen europäische Behörden und Unternehmen. Sie führt sogar öffentliche Hitlisten der aktuell ins Visier zu nehmenden Opfer. Auch heise online tauchte dort nach Russland-kritischen Äußerungen bereits auf. Russlands Geheimdienste betreiben außerdem in großem Stil Desinformationskampagnen, die auf Verunsicherung der Bevölkerung und Destabilisierung unserer Demokratie abzielen.

Und zur Jahreswende hat Russland eine weitere rote Linie überschritten. Wie das polnische CERT detailliert dokumentiert, haben – mit ziemlicher Sicherheit russische – Angreifer mit einem zerstörerischen Sabotage-Angriff die Energieversorgung unseres Nachbarlandes attackiert. Polen ist genau wie wir EU- und NATO-Mitglied. Dass es trotzdem darauf bisher keinerlei Reaktion des Westens gab, wird vor allem eines zur Folge haben: Russland wird im Cyberspace munter weiter eskalieren. Die nächsten Cyber-Angriffe könnten Energie-Versorger hier in Deutschland treffen.

Ich stelle mir seither die Frage: Können wir es uns wirklich leisten, uns dieser Auseinandersetzung im Cyberspace komplett zu verweigern oder genauer: dort immer nur einzustecken? Dem Cyber-Bully Russland die andere Cyber-Wange hinhalten, in der Hoffnung – ja welcher Hoffnung? Die werden doch nicht einfach aufhören. Warum sollten sie, wenn es funktioniert und für sie keine negativen Konsequenzen hat? Wir brauchen Möglichkeiten, diesen Aggressor in seine Schranken zu verweisen.

Man kann jetzt über die Unzuverlässigkeit der Informationen zur Täterschaft lamentieren. Doch Attribution hat sich so weit entwickelt, dass sie brauchbare Informationen über Tätergruppen und deren Herkunft liefern kann. Natürlich bleibt das Zuweisen der Verantwortung für Cyber-Angriffe ein schwieriges Handwerk, und es bleibt dabei immer etwas Rest-Unsicherheit. Genau deshalb machen direkte 1:1-Aktionen keinen Sinn. Denn da bestünde tatsächlich die Gefahr, mal den falschen zu beschuldigen und sich mit einer übereilten, direkten Antwort ins Unrecht zu setzen. Doch die generelle Entwicklung ist klar und unumstritten: Russland hat in den vergangenen Jahren seine Cyber-Angriffe gegen Europa und die NATO massiv ausgeweitet. Daran gibt es nichts zu deuteln. Und darauf haben wir – also Deutschland, die EU und die NATO – bislang keine angemessene Antwort.

Die könnte natürlich auch in anderen Bereichen erfolgen. Doch das haben wir ja bereits alles durchexerziert – ohne dass es Russland von einer Eskalation seiner Cyber-Aktivitäten abgeschreckt hätte. Glaubt jemand ernsthaft, dass eine Drohung mit weiteren Sanktionen oder der Ausweisung von Diplomaten Putin davon abhalten könnte, einen Cyber-Strike gegen deutsche KRITIS-Infrastruktur abzusegnen? Mit offensiven Cyber-Fähigkeiten ergeben sich da jedoch neue Möglichkeiten.

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Was spräche denn dagegen, in die IT-Infrastruktur von NoName* einzudringen und diese nachhaltig zu sabotieren? Das wäre ein deutlicher Schlag gegen Russlands offensive Cyber-Aktivitäten und es demonstriert, dass wir in der Lage und bereit sind, auf Eskalation in diesem Bereich zu reagieren. Man könnte auch wichtige Personen in Russlands Kriegs-Maschinerie identifizieren, deren Kommunikation überwachen und ihre Handys mit Spionage-Software infizieren. Die daraus gewonnenen Informationen wären sicher überaus nützlich für die Koordination weiterer Aktionen – auch außerhalb des Cyberspace.

Insbesondere bei Sabotage-Aktionen kann man zwar unbeabsichtigte Nebenwirkungen nie völlig ausschließen. Doch man darf diese Gefahr auch nicht überzeichnen. Tausende Ransomware-Attacken haben trotz ihres rücksichtslosen Charakters bislang vor allem finanziellen Schaden angerichtet. Wenn man Cyber-Strikes mit Bedacht ausführt, kann man anders als etwa bei Raketenangriffen die Gefahr für Menschenleben sehr gering halten.

Natürlich bedeutet das nicht, dass man die defensiven Bemühungen im Cyber-Space vernachlässigen darf. Bessere IT-Sicherheit und mehr Resilienz sind unverzichtbar und haben höchste Priorität. Speziell der Angriff auf Polens Energieversorger zeigt, dass da trotz NIS-2 noch vieles im Argen liegt. Aber Deutschland, die EU und die NATO brauchen jetzt auch offensive Fähigkeiten im Cyberspace, um in der Auseinandersetzung mit Russland nicht dauerhaft am kürzeren Hebel zu sitzen.

Diesen Kommentar schrieb Jürgen Schmidt ursprünglich für den exklusiven Newsletter von heise security PRO, wo er jede Woche das Geschehen in der IT-Security-Welt für Sicherheitsverantwortliche in Unternehmen einordnet:

(ju)