Head of Firefox: Kontrolle über KI und ein anderes Web sind möglich

Mozilla hat KI in Firefox integriert – unter Protest. Nun kommt der Kontroll-Knopf. Wir haben mit dem Firefox-Leiter gesprochen.

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Die KI Kontrolle in Firefox.

Die KI Kontrolle in Firefox.

(Bild: Mozilla)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Mozilla hat kürzlich einige Personalwechsel in der Führungsebene bekannt gegeben. Ajit Varma ist neu in seiner Rolle als Leiter von Firefox. Wir haben mit ihm über die Zukunft von Browsern im Zeitalter von KI, die Bedeutung von Vertrauen und die Positionierung von Firefox gesprochen.

heise online: Firefox wächst, zumindest die mobile Version des Browsers. Und es gab viele Veränderungen innerhalb von Mozilla. Tatsächlich gibt es derzeit mehr Browser als je zuvor. Wo positionieren Sie Firefox?

Ajit Varma: Es war ein interessantes Jahr, denn vor ein oder zwei Jahren hat noch niemand wirklich über Browser gesprochen. Dadurch wurden Browser kaum beachtet; die Leute nutzten einfach das, was mit ihrem Betriebssystem mitgeliefert wurde. Das Gute an der aktuellen Diskussion ist, dass Menschen nun tatsächlich darüber sprechen, welchen Browser sie verwenden sollten, und das bedeutet, dass sie sich Gedanken darüber machen, was der Vorteil von Firefox ist.

Ajit Varma, Head of Firefox

(Bild: Mozilla)

Was unseren Ansatz wirklich von vielen anderen Browsern unterscheidet, ist, dass wir keine eigenen LLMs entwickeln, die wir dann bewerben müssen. Wir arbeiten mit einigen LLM-Providern, die wir integrieren, ohne aber bestimmte LLMs zu priorisieren. Wenn man sich einige der neueren Browser ansieht, die auf den Markt gekommen sind, oder sogar bestehende Browser, gibt es einen großen Druck zur tiefen Integration der eigenen KI. Edge sieht aus wie eine CoPilot-App. Gemini wird tief in Chrome integriert. Und alle diese Browser erlauben Ihnen nur die Verwendung der einen KI, die ihr Unternehmen entwickelt hat. Bei Firefox hingegen legen wir großen Wert auf Auswahlmöglichkeiten. So wie Sie jede Suchmaschine auswählen können, können Sie auch zwischen mehreren KIs auswählen. Wir geben den Nutzern die Wahl.

Wenn Sie jedoch ein erfahrener Nutzer sind und Ihre eigene KI einbinden oder entwickeln möchten, können Sie diese sogar auch für bestimmte Funktionen in den Browser integrieren. Das ist ein großer Unterschied zwischen uns und anderen Browsern.

heise online: Einerseits reden viele Leute ständig über KI, andererseits gibt es aber auch viele, die von KI genervt sind. Sie wissen das wahrscheinlich am besten, weil es Proteste gab, als Sie KI in Firefox eingeführt haben. Warum mögen die Leute KI nicht oder wollen sie zumindest nicht in Firefox haben?

Ajit Varma: Ich denke, es gibt mehrere Gründe für die Bedenken gegenüber KI. Viele Firefox-Nutzer sind besorgt über die gesellschaftlichen Auswirkungen von KI – von Umweltbelangen über Datenschutz bis hin zum Verlust von Arbeitsplätzen.

Wir möchten den Nutzern klarmachen, dass sie bei Funktionen, die auf KI basieren, selbst entscheiden können, was sie nutzen möchten. Ein Nutzer könnte beispielsweise sagen, dass Übersetzungen für ihn wertvoll sind, er aber keine Zusammenfassungen möchte.

Oder sie können unsere kürzlich eingeführte Funktion „KI-Kontrolle” nutzen. Das ist ein einziger Schalter, mit dem ein Nutzer die gesamten KI-Funktionen ausschalten kann. Wir hören von vielen unserer Nutzenden, dass sie Sorge davor haben, dass wir ihnen die Nutzung von KI aufzwingen werden, aber das ist nicht der Fall. Die Nutzung von KI ist freiwillig, und wir versuchen, so transparent wie möglich zu sein. Nutzende werden vor die Wahl gestellt: Möchten Sie dies nutzen? Und dann versuchen wir auch weiterhin Datenschutzmethoden weiterzuentwickeln. Für Features wie Übersetzungen nutzen wir beispielsweise lokale Modelle und geben nichts an die Cloud weiter.

heise online: In Deutschland und in der EU wird vor allem von Politikern viel über verantwortungsvolle KI gesprochen. Aber mir fehlt oft der Inhalt: Was ist überhaupt verantwortungsvolle KI? Gibt es überhaupt verantwortungsvolle KI? Was denken Sie darüber?

Ajit Varma: Ich denke, dass es definitiv viele verschiedene Ansätze gibt, die KI-Unternehmen verfolgen. Auf der einen Seite gibt es Unternehmen, die sagen, dass es keine Sicherheit gibt und dass die Generierung jeglicher Art von Inhalten das ist, was alle wollen. Und dann gibt es Open-Source-Modelle, die sehr transparent sind in Bezug auf das, was sie erstellen und was sie tun. Und dann gibt es noch andere Modelle, die lokal sind. Aber all diese Dinge haben unterschiedliche Vor- und Nachteile: in Bezug auf den Grad der Fähigkeiten, den Grad des Interesses, vielleicht auch für die Nutzer.

Wenn alle einen bestimmten Browser verwenden und der Browserhersteller eine KI hat, die er durchsetzen möchte, und diese Browser-KI entscheidet, dass die Welt so aussehen sollte, wie sie es für richtig hält, ist das wirklich schädlich für Menschen, die ihr eigenes Leben leben möchten. Indem man die Möglichkeit bietet, jede beliebige KI oder gar keine KI zu verwenden, können Menschen hoffentlich die für sie richtige Wahl treffen.

heise online: Sie werden also keine eigenen LLMs entwickeln?

Ajit Varma: Das haben wir nicht vor. Wir schauen uns Open-Source-Modelle an und sprechen mit anderen Unternehmen, aber wir entwickeln keine eigenen Modelle.

heise online: Ich denke, KI ist ein Wettrennen, und derzeit wollen alle gewinnen, und gewinnen bedeutet, alles zu gewinnen. Glauben Sie, dass es eine Chance zu gewinnen gibt, oder ist es eher so, dass alle mitmachen müssen, weil niemand weiß, was als Nächstes passiert?

Ajit Varma: Ich denke, dass es viele Szenarien gibt, die eintreten könnten. Negativ zu vermerken ist, dass die Entwicklung von LLMs sehr teuer ist. Es gibt nur sehr wenige Unternehmen, die sich das leisten können. Selbst wenn man sich Unternehmen wie OpenAI ansieht – die verlieren derzeit mit jeder Anfrage Geld und wissen nicht, wie sie das monetarisieren können. Die Googles, die Microsofts, die Metas werden die Kontrolle übernehmen. Und ihre Motive sind sehr ähnlich. Sie betrachten LLMs und KI als eine Möglichkeit, mehr Werbung zu verkaufen. Sie sind werbegetriebene Unternehmen. Und dann stellt sich die Frage, ob die Antwort, die KI ihnen gibt, die beste Antwort ist oder die beste, um das meiste Geld zu verdienen. Diese Unternehmen werden wahrscheinlich für ihre Shareholder optimieren.

Der Schlüssel liegt darin, die Kosten für die Entwicklung von LLMs zu senken. Ich denke, dass wir bereits unterschiedliche Dynamiken sehen. Wenn man sich chinesische Modelle ansieht, sind diese viel kostengünstiger entwickelt worden. Sie destillieren andere Modelle, und die Unternehmen, denen diese Modelle gehören, beschweren sich darüber. Allerdings nutzen all diese Unternehmen genauso das offene Web, um ihre Inhalte zu generieren.

heise online: Manchmal hoffe ich, dass KI das Internet und das gesamte Problem der Monetarisierung wirklich verändern wird. Halten Sie es für möglich, dass sich das Internet verändert und es eine andere Art der Monetarisierung geben wird?

Ajit Varma: Wir haben sowas schon einmal erlebt – vor 15 Jahren war alles nur das Web, und niemand hat für etwas bezahlt. Das gilt etwa für Musik. Die Leute haben kostenlos Musik gehört und Filesharing-Netzwerke genutzt, um sie herunterzuladen. Dann entwickelten Unternehmen wie Spotify und Apple Music eine einfache Möglichkeit, Musik zu konsumieren. Und man kam an einen Punkt, an dem man lieber 5 oder 10 Dollar im Monat bezahlte, weil es einfach bequemer war, ein besseres Erlebnis bot und auch noch legal war.

Man könnte sich nun ein Szenario vorstellen, in dem ich jedes Mal, wenn ich einen Artikel lese, ein paar Cent bezahle, egal ob es sich um KI handelt oder wie auch immer ich an den Inhalt komme. Das war allerdings nie wirklich das Wertversprechen, das mit dem Aufkommen von Suchmaschinen einherging. Fox verklagte damals Google mit der Begründung, dass man sich ihre Inhalte nicht kostenlos ansehen dürfe, aber sie hatten keine Wahl, denn wenn sie ihre Inhalte aus Google entfernt hätten, hätten sie so viel Traffic verloren, dass sie sagen mussten: Wir geben euch unsere Inhalte kostenlos.

Hätten die Unternehmen damals Nein gesagt und verlangt, dass man für diese Inhalte bezahlt, weil man Werbung auf der Grundlage des Werts dieser Inhalte schaltet, und man diese Einnahmen teilen muss, sähe die Welt heute ganz anders aus. Es gäbe viel mehr Journalismus und viel weniger soziale Medien, Doomscrolling und Blasen, wie sie derzeit existieren. Ich hoffe, dass es mit KI neue Modelle gibt – was definitiv möglich ist, wenn Menschen oder Unternehmen das fördern. Aber leider sieht es nicht so aus, als würde es in diese Richtung gehen.

heise online: Die großen KI-Unternehmen sagen, dass sich auch die Art und Weise, wie wir mit einem Computer kommunizieren, komplett verändern wird. Satya Nadella sagte einmal, dass es den Computer so verändern wird wie einst die Maus, und andere setzen auf Geräte wie Brillen oder Pins. Was ist Ihrer Meinung nach dann die Rolle eines Browsers in der Zukunft?

Ajit Varma: Wenn man sich den Namen „Browser” ansieht, impliziert er, dass man auf Links klickt und Websites durchsucht, also browst. Er ist nicht interaktiv, er ist nicht bidirektional, und das ist historisch bedingt. Aber die Stärke eines Browsers liegt darin, dass er ein Werkzeug ist, mit dem man sich mit offenen Inhalten beschäftigen und ohne Gatekeeper zu jedem Unternehmen gelangen kann.

Wenn man sich ChatGPT, Facebook, YouTube oder sogar Google ansieht, dann war deren Aufkommen erst möglich, weil man ohne Gatekeeper darauf zugreifen konnte. Wenn der Gatekeeper nun ein Unternehmen ist, das mit Ihnen konkurriert, kann ich Ihnen garantieren, dass es keine Möglichkeit für Wettbewerb geben wird. Und weniger Wettbewerb bedeutet meist schlechtere Produkte für die Nutzer.

Mit KI können Sie auf Inhalte zeigen und sagen: Wie kann ich diese Seite so gestalten, dass sie meinen Bedürfnissen entspricht? Man kann sich die Zusammenfassung ansehen. Ich kann mir einen Inhalt ansehen und sagen: Entferne politische Voreingenommenheit aus dem Inhalt oder gib mir eine alternative Sichtweise. Anstatt jeden Tag aufzustehen und nach Jobs zu suchen, kann ich Bots erstellen, die mir helfen, die Aufgaben zu erledigen. Und hier geht es darum, dass der Browser nicht mehr nur zum Surfen dient, sondern darum, wie man jemandem hilft, das zu erreichen, was er erreichen möchte.

Es wird verschiedene Oberflächen geben, so wie Mobiltelefone aufkamen und die Menschen anfingen, Apps statt Browser zu verwenden. Und ich denke, dass es sprachgesteuerte Geräte geben wird, vielleicht auch Brillen.

Aber ich denke auch, dass dadurch sichtbar wird, dass Inhalte im Internet überhaupt erst mal bereitgestellt werden müssen. Wenn dieses Wirtschaftsmodell nicht existiert, existiert auch das nicht, was die KI überhaupt erst möglich gemacht hat, nämlich all die Daten, mit denen sie trainiert wird.

heise online: Glauben Sie, dass in Zukunft, in den kommenden Jahren, alles KI-gesteuert sein wird?

Ajit Varma: Dieser Wandel vollzieht sich schneller, als ich erwartet hatte. Wenn man sich speziell die Software-Tools ansieht, halte ich es für sehr ironisch, dass eine der Branchen, die wahrscheinlich am stärksten und am schnellsten von der KI-Entwicklung betroffen sein wird, die der Ingenieure und Softwareentwickler ist. Die Tools, die es heute gibt, sind im Vergleich zu denen vor sechs Monaten einfach unglaublich viel besser.

heise online: Ich denke, dass es für viele Menschen ziemlich schwierig ist, sich auf diesen Wandel einzulassen, und selbst ich möchte manchmal einfach nur meinen Browser und keine KI verwenden, da ich weiß, wie das Web dann für mich funktioniert. Glauben Sie, dass dies für viele Menschen ein Problem sein wird – oder ist es eher eine Chance für Browser-Anbieter?

Ajit Varma: Wir sind uns dessen durchaus bewusst. Viele Firefox-Nutzer äußern lautstark, dass sie KI jetzt und auch in Zukunft nicht wollen. Wir haben die Veröffentlichung von KI-Funktionen tatsächlich ausgesetzt, um KI-Kontrollen einzuführen. In den letzten drei Monaten haben wir unsere Teams umstrukturiert, um sicherzustellen, dass dies zuerst umgesetzt wird, bevor etwas Neues herauskommt.

Wir schauen uns alle Foren an, wir schauen uns alle Rückmeldungen unserer Nutzer an, und wenn unsere Kunden überhaupt keine KI wollen, dann werden wir diesen Weg gehen. Wenn sie eine Wahlmöglichkeit wünschen, werden wir diesen Weg einschlagen. Und im Moment betrachten wir die Wahlmöglichkeit als das, was die Menschen unserer Meinung nach wollen.

heise online: Wie sieht es mit Vertrauen aus? Ist Vertrauen vielleicht etwas, auf das wir uns in Zukunft noch mehr verlassen können?

Ajit Varma: Wir möchten das vertrauenswürdigste Softwareunternehmen werden – darauf konzentrieren wir uns. Vertrauen hat verschiedene Dimensionen: Zum einen sind wir uns über unsere Absichten im Klaren, wir sind aber auch transparent in Bezug auf unsere Ziele und bieten den Nutzern Wahlmöglichkeiten.

Wir haben viele Dinge in Firefox eingebaut, um Vertrauen zu stärken. Wir haben Container entwickelt, die alle Daten wirklich voneinander trennen und sicherstellen, dass nichts weitergegeben wird. Wir haben unsere Synchronisierung so aufgebaut, dass sie Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist. Aber wir haben es nie geschafft, unseren Nutzern all diese Dinge gut zu erklären. Wir haben sie gefragt: Ist es schwierig, sich bei Firefox anzumelden? Das wird von vielen mit Ja beantwortet. Denn: Wir verlangen Passwörter und Passkeys, um sicherzustellen, dass alle Daten verschlüsselt sind und niemand Zugriff darauf hat. In den nächsten Monaten werden wir versuchen, diese Funktionen stärker hervorzuheben, aber auch neue Funktionen einführen, wie beispielsweise eine integrierte VPN-Funktion, die Webtraffic über einen Proxy-Server leitet und es Nutzern ermöglicht, ihre IP-Adressen zu verbergen.

Ein weiterer Punkt ist: Firefox gehört einer gemeinnützigen Organisation, und wir versuchen nicht, den Shareholder-Value zu optimieren, sondern den besten Browser zu entwickeln, um den besten Nutzwert zu erzielen. Das bedeutet, dass wir Features, die nachhaltigen Umsatz bedeuten, immer mit einem besseren Nutzererlebnis abwägen.

heise online: Vielen Dank …

Ajit Varma: Deutschland ist definitiv einer der wichtigsten Märkte für Firefox. Ich denke, dass wir im nächsten Jahr definitiv den Nutzern in Deutschland und ihren Bedürfnissen Priorität einräumen werden. Ich freue mich sehr darauf, weiterhin Feedback dazu zu erhalten, wie wir den besten Browser entwickeln können. (emw)