Smart-Home-Standard Aliro: Türschlösser mit jedem Smartphone öffnen
Der neue Smart-Home-Standard Aliro vereinheitlicht das Öffnen vernetzter Türschlösser durch digitale Schlüssel in Wallet-Apps.
Smart Locks aller Art – mit Erlaubnis – mit fast jedem Smartphone öffnen können – dafür soll der Standard Aliro sorgen.
(Bild: Connectivity Standards Alliance)
Smart-Home-Standards sollen Türen zwischen Herstellersystemen öffnen. Bei Aliro ist das sogar buchstäblich die Auftragsbeschreibung. Das jetzt in Version 1.0 veröffentlichte Protokoll vereinheitlicht die Übergabe von Zugangsdaten und den Datentransport per Funk zwischen smarten Türschlössern und ihren Lesegeräten auf der einen Seite und Smartphones und Smartwatches auf der anderen Seite. Die drei großen Anbieter von Wallet-Apps – Apple, Google und Samsung – steuern die Behältnisse für digitale Schlüssel bei. Unter den Smart-Lock-Anbietern, die sich an dem Standard beteiligen, sind Branchengrößen wie Nuki, Assa Abloy (Yale), Aqara und Anker (Eufy). Entwicklungsteams haben jetzt Zugriff auf die finalen Spezifikationen von Aliro. Mit marktreifer Hardware und Software ist in Kürze zu rechnen.
Digitale Schlüssel mit der Wallet der Wahl verwalten
Aliro soll es erleichtern, Smart Locks mit digitalen Schlüsseln eines Anbieters der Wahl zu kombinieren. Das soll nicht nur das Zugangsmanagement zu Türen privater Wohnungen und Häuser, sondern auch das für Büros, Hotels, Hochschulen oder Veranstaltungsorten erleichtern. Bisher ist man zum Öffnen von vernetzten Türschlössern von Privaträumen oft auf die App des jeweiligen Herstellers inklusive registriertem Konto angewiesen. In Geschäftsgebäuden sind wiederum Token zum Anfassen üblich. Beides ist nicht ideal für sporadischen Besuch.
Eine zentrale digitale Schlüsselverwaltung klingt vor allem dann verheißungsvoll, wenn man regelmäßig mehrere Schlösser unterschiedlicher Hersteller öffnet. Digitale Schlüssel für Wallet-Apps muss man nicht physisch verteilen und einziehen. Dass mehrere davon zentral an einem Ort liegen können, macht den Einsatz bequem.
Bisherige Zentrallösungen binden die Kundschaft allerdings nur eine Ebene höher an die Hard- und Software eines einzigen Anbieters. So etwa im Fall von Apple HomeKey. Das ist ein Verfahren, bei dem man mit der NFC-Funktion von iPhones und Apple Watches kompatible Türschlösser öffnet, indem man das Mobilgerät an eine zum Schloss gehörige Lesefläche hält. Oft steckt diese in einem Bedienteil mit Zifferntastatur an der Wand daneben. Der entsprechende Zugangscode ist bei HomeKey in der Wallet-App von Apple gespeichert.
Aliro erhöht im Vergleich dazu die Anzahl der Zugangsoptionen. Neben der Wallet-App von Apple sieht der Standard auch die von Google und Samsung als Speicherort für Zugangsdaten vor. Damit kommt eine sehr große Zahl an Smartphone- und Smartwatch-Modellen als Schlüsselträger infrage.
Welche Technik Aliro braucht
Für den Transport der Zugangsdaten kombiniert Aliro mehrere Funktechniken. Per NFC (Near Field Communication) erfolgt das sogenannte Tap-To-Access, also der Kontakt eines Mobilgeräts mit der Lesefläche, so wie bei Apple HomeKey. Per Bluetooth Low Energy ist eine Fernöffnung aus etwas größerer Distanz möglich. Ultrawideband (UWB) erleichtert dabei eine präzisere Ortung der beteiligten Geräte, damit sich Schloss und Smartphone vergewissern können, ob man wirklich direkt vor der Tür steht oder nicht. UWB ist bei Weitem nicht auf allen Mobilgeräten verfügbar und muss daher als zusätzliche Option betrachtet werden.
Um den Standard kümmert sich die Zertifizierungsorganisation Connectivity Standards Alliance (CSA), die auch das Dach für den Matter-Standard bildet. Als „Smart-Home-Weltsprache“ löst er Verständigungsprobleme von Herstellern diverser Gerätekategorien, darunter auch Smart Locks. Matter kann diese zwar ebenfalls ent- und verriegeln. Er übernimmt jedoch auch noch ganz andere Aufgaben, etwa den Check des Betriebszustands, also ob eine Tür geschlossen ist, oder zeitgesteuerte Schließautomatiken. Zudem ist Matter IP-basiert, braucht WLAN, Thread und mit dem Heimnetz verbundene Schaltzentralen. Bluetooth, NFC oder Tap-to-Access spielen bei Matter dagegen keine Rolle.
Diese Lücke schließt Aliro. Dem Standard reicht zudem eine viel schlankere Infrastruktur. Smartphone und Smart Lock respektive dessen Lesegerät kommunizieren direkt. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass Hersteller Aliro-kompatible Smart Locks via Matter-Schaltzentralen ins Heimnetz einbinden.
Videos by heise
Liefert Aliro schneller als Matter?
Der 2022 gestartete Matter-Standard konnte die seinerzeit geweckten Erwartungen nicht so schnell erfüllen wie erhofft und befindet sich immer noch im Hochlauf. Aliro soll schneller überzeugende Ergebnisse liefern, zeigt sich die CSA optimistisch. Schließlich ist das Lastenheft des Smart-Lock-Standards viel dünner als beim umfangreichen Matter-Protokoll. Zudem könnten an Aliro interessierte Firmen von Beginn an auf die jahrelang gereiften Zertifizierungsprozesse für Matter zurückgreifen. Sie hatten anfangs für Ärger gesorgt, weil viele Prüfungen oft zyklisch zu wiederholen waren.
Im Gespräch mit Heise Online betonte Nelson Henry, Leiter der Aliro-Arbeitsgruppe bei der CSA, dass ein Start erster Aliro-kompatibler Produkte kurz bevorstehe. Es sei nur eine Frage von Timing und Gelegenheit der jeweiligen Firmen, ihre Lösungen vorzustellen.
Eines der ersten Aliro-Produkte könnte von Nuki kommen. Der Smart-Lock-Hersteller hatte im Rahmen der IFA 2025 demonstriert, wie sich mit der NFC-Funktion eines Samsung-Smartphones ein Kontakt zu einem neuen, NFC-fähigen Keypad von Nuki herstellen ließ, worauf sich ein bestehendes Smart Lock von Nuki entriegelte. Als Smart-Home-Schaltzentrale diente ein Gateway von Samsung.
(Bild: Berti Kolbow-Lehradt)
Vermutlich rüsten Hersteller Aliro aber erst nach, wenn auch die Wallets dafür einsatzbereit sind. Das ist noch in Arbeit. So erklärt ein Google-Sprecher auf Nachfrage von Heise Online: „Wir arbeiten aktiv mit OEM-Partnern daran, Aliro in den kommenden Monaten in Google Wallet zu implementieren.“ Technisch dürfte nicht mit großen Hürden zu rechnen sein. „Aliro setzt wenig Infrastruktur voraus. Selbst einfache Smartphones haben NFC. Die Technik ist kein Grund, nicht bei Aliro dabei zu sein“, so Nelson Henry von der CSA.
(dahe)