Bundeswehr-Satellitensystem „Spock“: Kostenexplosion von fast 600 Millionen Euro

Ein vertrauliches Dokument enthüllt Mehrkosten von fast 600 Millionen Euro für das neue Aufklärungssystem, das russische Truppenbewegungen überwachen soll.

vorlesen Druckansicht 15 Kommentare lesen
Digital,Earth,Hologram,Planet,Made,In,Orange,Color,With,Optical

(Bild: Anton Chernigovskii/Shutterstock.com)

Lesezeit: 5 Min.
Inhaltsverzeichnis
close notice

This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Die Bundeswehr steht vor einer technologischen Zeitenwende im Weltraum. Doch der Preis für die neue Souveränität in der Aufklärung droht massiv zu steigen. Unter dem Namen „Spock“ (Spacesystem for persistent operational tracking) plant das Verteidigungsministerium den Aufbau einer Konstellation von rund 40 Radarsatelliten. Das System soll etwa der neuen Panzerbrigade 45 in Litauen hochauflösende Daten über russische Truppenbewegungen und Mobilisierungsaktivitäten liefern – nahezu in Echtzeit. Ein vertrauliches Dokument des Finanzministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages, das dem Spiegel vorliegt, offenbart aber eine erhebliche Finanzierungslücke: Das Projekt wird demnach bereits vor dem Start um bis zu 579,5 Millionen Euro teurer als geplant.

Bisher war ein bereits stolzes Budget von rund 1,76 Milliarden Euro für das Vorhaben veranschlagt worden. Mit den nun bekannt gewordenen Mehrkosten und unter Einbeziehung aller vertraglichen Optionen bis 2033 könnte das Gesamtvolumen auf über 2,7 Milliarden Euro steigen.

Die Begründung für den Preissprung ist laut dem Bericht bürokratischer Natur: Die „konkreten Bedarfe“ für den Betreibervertrag seien erst im Zuge der finalen Angebotslegung Ende 2025 bekannt geworden. Da zu diesem Zeitpunkt die Aufstellung des Haushalts für 2026 bereits weit fortgeschritten war, konnten die zusätzlichen Millionen nicht mehr rechtzeitig eingeplant werden. Dennoch duldet das Projekt laut dem Ressort von Boris Pistorius (SPD) keinen Aufschub, da die Sicherheit der deutschen Soldaten an der NATO-Ostflanke direkt von diesen Daten abhänge.

Videos by heise

Das technische Herzstück von Spock ist die Synthetic-Aperture-Radar-Technologie (SAR). Während herkömmliche optische Satelliten auf Sonnenlicht angewiesen sind und durch Wolkendecken oder Nebel blind werden, funktionieren Radarsatelliten unabhängig von Wetter und Tageszeit. Sie senden eigene Mikrowellenimpulse aus und registrieren deren Echo, wodurch sie auch bei Bewölkung oder in der Nacht präzise Bilder der Erdoberfläche liefern können. Für das Militär ist diese Fähigkeit essenziell, um Aufmarschbewegungen jederzeit zu erkennen. Auch der Bundesnachrichtendienst will Spähaugen im All, die sich aber verzögern.

Um die Datenmengen der 40 Satelliten bewältigen zu können, setzt die Bundeswehr auf KI. Diese soll die gewonnenen Aufnahmen automatisiert analysieren und Veränderungen in der Landschaft oder Truppenkonzentrationen melden. Dabei geht es nicht um reine Fotos: Das System soll in der Lage sein, die Art der erkannten Objekte – etwa Panzertypen oder Versorgungseinheiten – eigenständig zu identifizieren. Ziel ist eine dauerhafte und lückenlose Verfolgung relevanter Entwicklungen am Boden. Erste Aufnahmen des Systems werden ab Oktober dieses Jahres erwartet, was den Zeitdruck unterstreicht.

Bemerkenswert ist der rechtliche Rahmen der Beschaffung. Der Auftrag für „Spock“ wurde nicht international ausgeschrieben, sondern per Direktvergabe an das deutsch-finnische Gemeinschaftsunternehmen Rheinmetall Iceye Space Solutions (RISS) vergeben. Möglich machte dies das Planungs- und Beschaffungsbeschleunigungsgesetz, das im Februar 2026 in Kraft trat. Die Bundeswehr rechtfertigt diesen Schritt mit der zeitlichen Dringlichkeit und einer Markterkundung. Diese habe ergeben, dass die Technologie von Iceye und Rheinmetall die militärischen Anforderungen am besten erfülle.

Dennoch regt sich Widerstand in der Branche. Internationale Anbieter und auch deutsche Weltraumunternehmen kritisieren das Fehlen eines offenen Wettbewerbs und die ungewöhnlich hohen Kosten. Ein Brancheninsider monierte, dass das Projekt ursprünglich auf den Abruf von Satellitendaten ausgerichtet gewesen sei, sich nun aber zu einer teureren Beschaffung einer kompletten Infrastruktur ausgeweitet habe.

Die technologische Basis von Spock stammt aus Finnland. Die Geschichte von Iceye begann vor über zehn Jahren an der Aalto-Universität bei Helsinki. Dort entwickelte ein Team den Minisatelliten Aalto-1. Die Gründer Rafal Modrzewski und Pekka Laurila verfolgten die Idee, die massive und teure Radartechnik so weit zu miniaturisieren, dass sie auf Kleinsatelliten unter 100 Kilogramm Platz findet. 2018 flog mit dem X1 der Firma der weltweit erste kommerzielle SAR-Satellit dieser Gewichtsklasse ins All. Heute betreibt Iceye eine Flotte von über 40 aktiven Erdtrabanten.

Das ukrainische Militär nutzt Iceye-Daten intensiv zur Kriegsführung, was die Attraktivität des Systems für andere europäische Staaten wie Polen, Portugal und Schweden erhöht hat. Die Kooperation mit Rheinmetall sichert dem deutschen Rüstungskonzern die Vertriebsrechte in Deutschland und Ungarn. Die Produktion der Satelliten soll ab Mitte 2026 in Neuss stattfinden.

Spock ist eingebettet in eine umfassende Offensive der Bundesregierung im All. Die neue Weltraumsicherheitsstrategie zielt darauf ab, die Abhängigkeit von US-Geheimdienstinformationen zu verringern und den Schutz kritischer orbitaler Infrastruktur zu gewährleisten.

Die volle operationelle Kapazität von Spock wird für April 2028 angestrebt, wofür jetzt die Weichen gestellt werden müssen. Ein neues Integrations- und Testzentrum auf der norwegischen Insel Andøya soll ab 2027 den reibungslosen Betrieb sicherstellen. Trotz der Mehrkosten und der Kritik an der Vergabe signalisiert die Bundesregierung: In einer Zeit, in der Information zur wichtigsten Währung auf dem Schlachtfeld zählt, ist ein lückenloser Blick von oben viel Geld wert.

()