VW-Markenchef Thomas Schäfer beendet die Ära der Touch-Bedienelemente

Volkswagens Markenchef Thomas Schäfer sagt, die Ära der berührungsempfindlichen Bedienelemente sei endgültig vorbei.

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Interieur des VW ID.Polo mit echten Knöpfen

Mit dem VW ID.Polo kommen die Knöpfe zurück.

(Bild: VW)

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VW scheint sich konsequent von Teilen der Marschrichtung, die der ehemalige Konzernchef Herbert Diess verfolgte, zu verabschieden. VWs Markenchef Thomas Schäfer meint, man habe den Kern verloren und wolle sich auf alte Werte zurückbesinnen. Das bedeutet unter anderem die Rückkehr von Tasten und Abkehr von den Produktbezeichnungen der bisherigen ID-Familie.

Schäfer, der Mitte 2022 die VW-Markenleitung übernahm, erklärte gegenüber dem BBC-Magazin Top Gear während einer VW-Veranstaltung in Hamburg, welche Erkenntnisse Volkswagen aus seinen ID-Modellen gewonnen habe – und dass es eine völlig falsche Entscheidung gewesen sei, beim Golf 8 (Test) auf Tasten zu verzichten. Der Konzern habe seine Herangehensweise an die Fahrzeugentwicklung mittlerweile grundlegend überdacht. „Früher haben wir eine lange Liste mit Anforderungen und Funktionen erstellt, aber die Leute haben sich mit dem Endprodukt nicht wohlgefühlt. Heute stellen wir die Menschen in den Mittelpunkt. Für wen ist das Auto gedacht? Wer fährt es?“

Zudem habe das Designteam unter der Leitung von Andreas Mindt die Aufgabe, sich an drei Grundsätze „stabil, sympathisch und das gewisse Etwas“ zu halten. Mindt bestätigte schon Anfang 2025, dass alle zukünftigen Volkswagen-Modelle wieder über physische Bedienelemente für die wichtigsten Funktionen verfügen werden.

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Ein VW sollte „ein freundliches Gesicht“ haben, meint Schäfer. Außerdem müsse der Türgriff intuitiv und einfach zu bedienen sein, etwa wenn man mit vollen Einkaufstüten zum Auto kommt. Überdies will VW „echte Knöpfe und echte Bezeichnungen einführen, damit man die Autos auf den ersten Blick versteht“, sagte er. Hinsichtlich der Bezeichnungen haben wir anstelle eines ID.2 nun einen ID.Polo. Aus dem ID.4 soll Ende des Jahres der ID.Tiguan werden.

Als erstes Fahrzeug mit diesem neuen Anspruch soll der ID.Polo auf den Markt kommen. Der kleine Stromer hat zwar weiterhin einen großen Touchscreen in der Mitte. Allerdings erhält das E-Auto auch „richtige Tasten“, die „den berührungsempfindlichen Mist am Lenkrad“ ersetzen. Ferner gebe es echte Schalter für die Heizung, einen Lautstärkeregler und vier elektrische Fensterheber.

Auf die Frage, warum VWs vorherige Führung sich für mehr Touchbedienung entschieden hatte, sagte Schäfer: „In vielen Unternehmen war ein Geist von Design und Bedienung im Stil des iPhones zu spüren“ […] „Es war ein wenig schwierig, die Designer von dieser Idee abzubringen.“ Für Schäfer standen zwei Dinge beim Fahrzeuginterieur fest, die für ihn absolut nicht verhandelbar seien: Türgriffe und Tasten. „Ich verstehe nicht, warum irgendjemand berührungsempfindliche Schieberegler haben sollte.“

Volkswagen ist nicht der einzige Autohersteller, der sich auf physische Tasten zurückbesinnt: „Die Daten zeigen, dass physische Tasten besser sind“, erklärte der Software-Chef von Mercedes, Magnus Östberg, gegenüber Autocar im September 2025. Die ersten Modelle mit einem größeren Knopfreichtum seien der neue GLC EQ sowie der CLA Shooting Brake. Die neuen Elektroautomodelle sollen über eine „Vielzahl von Wipptasten, Drehreglern und Knöpfen auf einem neu gestalteten Lenkrad verfügen“. Dass ein Überfluss an Touchbildschirmen in Fahrzeugen im Grunde nie eine gute Idee war, zeigte etwa ein Test des ADAC, in dem sechs Fahrzeuge anhand ihrer Bedienung getestet wurden. Dabei kam das Tesla Model 3 auf den letzten Platz.

Auch die unabhängige Verbraucherschutzinstitution NCAP (New Car Assessment Programme), ein Zusammenschluss von Verkehrsministerien, Autoclubs und Versicherern, der die Sicherheit von Fahrzeugen bewertet, befürwortet die Abkehr von der Bedienung über kapazitive Tasten und Bildschirme. Zur Verkehrssicherheit trügen Riesenschirme nicht bei, sagte Matthew Avery, Direktor für strategische Entwicklung bei Euro NCAP. Zudem kündigte EuroNCAP schon 2024 an, Autos Bewertungssterne abzuziehen, wenn ihre Bedienung sich zu sehr auf den ablenkenden Berührungsbildschirm stütze. Dies wurde Anfang dieses Jahres in die Tat umgesetzt.

Auch die chinesische Regierung hat im Februar 2026 angekündigt, Schalter und Knöpfe zurück ins Auto zu holen: Wichtige Funktionen sollen künftig durch physische Bedienelemente aktiviert werden, heißt es. Zuvor hatte das verantwortliche chinesische Ministerium für Industrie- und Informationstechnologie (MIIT) versenkbare Türgriffe verboten.

(afl)