H.264-Lizenzen: Preise steigen bis aufs 45-fache

Lizenzverwalter Via Licensing Alliance hebt die Gebühren für einen Videostandard massiv an. Das dürfte vor allem mittelgroße Anbieter treffen.

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Finger klickt auf Play-Button eines Youtube-Videos

(Bild: Dilok Klaisataporn/Shutterstock.com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Preisschock beim H.264-Videostandard: Bis zu 4,5 Millionen US-Dollar pro Jahr können für nutzende Unternehmen künftig fällig werden. Das neue Preismodell gilt für diejenigen, die Ende 2025 noch keinen Lizenzvertrag mit der zuständigen Lizenzagentur Via Licensing Alliance hatten. Wer zu diesem Zeitpunkt schon Gebühren nach dem alten, deutlich günstigeren Modell entrichtete, ist vom Preisanstieg nicht betroffen.

Der weitverbreitete Videostandard kommt vor allem beim Streaming zum Einsatz, liefert mit seiner effizienten Komprimierung hochwertige Videos mit geringen Bitraten. Sein neues Lizenzmodell unterscheidet zwischen verschiedenen Arten von Lizenznehmern: abonnement- oder werbefinanzierten Streaminganbietern, Social-Media-Plattformen, Cloud-Gaming-Anbietern, Anbietern für Kabel- oder Satelliten-TV und OTA-Anbietern (Over the air). Je nach Kategorie bemessen sich die neuen Gebühren dann nach jeweils eigenen Abstufungen.

Bei den abofinanzierten oder auch Over-The-Top-Streaminganbietern (OTT) orientieren sich die neuen Gebühren etwa an der Anzahl zahlender Nutzer. Plattformen sind in der höchsten Preisstufe Tier 1, wenn sie mindestens 100 Millionen zahlende Nutzer haben – dann werden für sie die vollen 4,5 Millionen Dollar Jahresgebühr fällig. In Tier 2 sind Plattformen mit 20 bis unter 100 Millionen zahlenden Nutzern, für sie werden 3,375 Millionen Dollar jährlich fällig. In Tier 3 für 5 bis unter 20 Millionen Nutzer sind es 2,25 Millionen Dollar jährlich. Anbieter mit unter 5 Millionen Nutzern zahlen jährlich 100.000 US-Dollar – den Preis, der zuvor für alle Anbieter, unabhängig ihrer Größe, galt.

Via Licensing Alliance

Heißt: Ein großer Player wie Netflix zahlt für H.264 künftig das 45-fache, vorausgesetzt er hatte Ende 2025 noch keinen Vertrag mit Via Licensing Alliance. Zu diesem Zeitpunkt wendete sich die Agentur nach eigenen Angaben auch an alle betroffenen Unternehmen mit der Aufforderung, einen Vertrag zu verhandeln, wie sie dem Fachmagazin Streaming Media mitteilte. Eine öffentliche Bekanntmachung sah Via demnach nicht als notwendig an. Die jetzige Situation ist vor allem für kleine Unternehmen ein harter Schlag, die nicht rechtzeitig einen Vertrag verhandelt haben oder womöglich gar nicht kontaktiert wurden.

Die Lizenzgebühren vergüten die zahlreichen Patentinhaber, deren Entwicklungen in den Standard mit eingeflossen sind. Für Patente, die in Standards fließen, gilt der Grundsatz, dass Lizenzen zu fairen, vernünftigen und nichtdiskriminierenden Bedingungen (FRAND: fair, reasonable and non-discriminatory) anzubieten sind. Was genau darunter zu verstehen ist, ist aber nicht explizit festgelegt. Der US-Anwalt für Lizenzrecht Jim Harlan gab gegenüber Streaming Media eine Einschätzung der Situation ab, ob man die jetzige Preiserhöhung noch „fair and reasonable“ (fair und angemessen) im Sinne von FRAND bezeichnen kann. Wichtige Faktoren seien „vergleichbare Lizenzen auf dem Markt, die technische Bedeutung der verbleibenden Patente, die Frage, ob diese Patente weiterhin Kernmerkmale der Umsetzung abdecken, die verbleibende Laufzeit der Patente sowie die allgemeine Stärke und der Umfang des Portfolios im Vergleich zu früheren Lizenzierungsmaßstäben.“

Zwar sind viele Patente, die in einer H.264-Lizenz enthalten sind, mittlerweile abgelaufen. Doch der Standard ist mathematisch hochkomplex und wurde über lange Zeit von etlichen verschiedenen Stellen weiterentwickelt. Einen schnellen Ersatz gibt es also nicht für H.264, welcher noch immer extrem verbreitet ist. Preise allein aufgrund der Tatsache zu erhöhen, dass ein Standard veraltet ist, sei so nicht üblich – es gebe keine vergleichbaren Beispiele. „Was manchmal geschieht, ist eine Umstrukturierung der Lizenzmodelle oder eine Umverteilung der Lizenzgebühren auf verschiedene Produkte oder Dienstleistungen“, erklärt Harlan. Ein starker Preisanstieg gegen Ende des Lebenszyklus, der nicht durch die Stärke des Lizenzportfolios, die verbleibende Patentlaufzeit oder vergleichbare Lizenzen gestützt wird, würde laut Harlan im Rahmen einer FRAND-Analyse eher einer genauen Prüfung unterzogen. Er macht aber auch auf ein häufiges Missverständnis aufmerksam: Dass die Patente für einen Standard abgelaufen sind, bedeutet nicht, dass dafür keine Lizenzgebühren mehr fällig werden.

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Der regelrechte Patentdschungel hinter den Videostandards sorgt auch immer wieder für rechtliche Streitigkeiten. So mussten hierzulande die PC-Hersteller Acer und Asus den Verkauf ihrer Laptops einstellen, nachdem Nokia klagte. Der Netzwerkausrüster führt seit geraumer Zeit Patentstreitigkeiten gegen verschiedene Hardware-Hersteller, um Lizenzgebühren für seine Videotechnologien durchzusetzen. Es geht um das Patent EP2375749. Aufgrund desselben Patents setzte Nokia 2024 bereits einen Verkaufsstopp gegen Amazons Fire-TV-Sticks durch. Im März 2025 einigten sich beide Firmen.

(nen)