Authentizitätsoffensive: EU-Gremien verbannen KI-Bilder aus ihrer Kommunikation

Inmitten von Deepfake-Wellen und KI-Wahlkämpfen setzen die EU-Institutionen auf Abstinenz bei KI-generierten Inhalten, um das Vertrauen der Bürger zu stärken.

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Glasfasse des Paul-Henri-Spaak-Gebäudes des Europäischen Parlamentsgebäudes in Brüssel mit 5 konzentrischen Ringen und dem Bild einer EU-Flagge

(Bild: PP Photos / Shutterstock.com)

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Die Flure der Macht in Brüssel sollen weitgehend eine Algorithmen-freie Zone bleiben – zumindest, wenn es um die visuelle Außendarstellung geht. Künstlich generierte Inhalte fluten längst das Internet und verwischen die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Die drei Hauptinstitutionen der EU ziehen eine klare Trennlinie. Wie aus internen Richtlinien hervorgeht, haben die Kommission, das Parlament und der Ministerrat ihren Presseteams die Verwendung von vollständig KI-generierten Videos und Bildern in der offiziellen Kommunikation untersagt.

Mit diesem Schritt wollen die EU-Gremien ein Statement für Authentizität abgeben. Sie sind überzeugt, dass ihre Glaubwürdigkeit untrennbar mit der Echtheit ihrer bildhaften Außendarstellung verknüpft ist. Ein Sprecher der EU-Kommission erläuterte im Gespräch mit Politico, dass das für Journalisten und die Öffentlichkeit zur Verfügung gestellte Material frei von KI-Inhalten bleibe. Ziel sei es, das Vertrauen der Bürger zu fördern, wobei Authentizität oberste Priorität genieße. Technische Optimierungen etwa für eine verbesserte Bildqualität blieben aber unter strengen Auflagen zulässig.

Der europäische Kurs steht im Kontrast zur Praxis in den USA. Dort gehört der Einsatz von KI-Tools schon zum Werkzeugkasten. US-Präsident Donald Trump nutzt regelmäßig generierte Inhalte, um seine Botschaften weiter zuzuspitzen. Die Palette reicht von bizarren Videos zu seinen Ambitionen im Gaza-Streifen bis zu KI-Bildern, die ihn im Papst-Gewand zeigen. Für den US-Wahlkampf ist KI so zu einer Waffe geworden, die Aufmerksamkeit um fast jeden Preis zu erzeugen sucht.

Doch auch in Europa ist die Frontlinie nicht so geschlossen, wie es das Brüsseler Verbot vermuten lässt. Nationale Regierungen experimentieren auch hier mit den neuen Möglichkeiten. In Deutschland etwa nutzt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Technologie für Bildungszwecke: In einem Instagram-Clip ließ er eine tanzende Deepfake-Version seiner selbst auftreten, um vor Risiken der Technik zu warnen. In Ungarn setzte Premierminister Viktor Orbán Deepfakes ein, um politische Gegner im nationalen Wahlkampf und in Brüssel zu attackieren.

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Die Entscheidung der EU-Spitze finden nicht alle gut. Experten geben zu bedenken, dass ein Totalverzicht die Brüsseler Gremien in einer digitalen Welt ins Abseits befördern könnte. In geopolitischen Krisen, in denen die Deutungshoheit im Netz oft innerhalb von Minuten entschieden werde, könne die EU durch ihren Verzicht auf moderne Werkzeuge gelähmt wirken. Renout Van Zandycke, Berater für politische Kommunikation, hob in Politico hervor, das Risiko von Deepfakes dürfe nicht dazu führen, an der Kommunikationsfront in Schockstarre zu verfallen.

Der AI Act der EU sieht nur vor, dass generierte Inhalte durch Wasserzeichen oder andere Hinweise transparent gemacht werden mĂĽssen. Der OECD-Berater Walter Pasquarelli sieht in der neuen Auflage eine verpasste FĂĽhrungschance: Die Institutionen mĂĽssten zeigen, wie transparente politische Kommunikation im KI-Zeitalter funktioniere.

(wpl)