Mercedes EQS: Modellpflege mit 800-Volt-Technik
Mercedes vollzieht am teuersten E-Auto der Marke eine Modellpflege. Die bringt vor allem eine viel höhere Ladeleistung und eine handfeste Überraschung.
(Bild: Mercedes)
Wie man es auch drehen oder wenden mag: Der Mercedes EQS war mit großen Erwartungen gestartet, ist bislang aber kein Erfolg. Die S-Klasse mit Verbrennungsmotor dominiert im Vergleich die Verkaufszahlen auf allen wichtigen Märkten. Über die Ursachen ist vielfach spekuliert worden. Unterwegs hinterließ das riesige Elektroauto einen hervorragenden Eindruck, dennoch blieb der Durchbruch aus. Mit einer umfassenden Modellpflege versucht Mercedes nun einen Befreiungsschlag. Wichtigste Änderung ist die Umstellung auf 800-Volt-Laden, doch auch abseits davon tut sich eine Menge.
600 Meter Reichweite
Noch stärker als bisher komme der innovative Charakter des Fahrzeugs zum Ausdruck, schreibt Mercedes in dem Beipackzettel des überarbeiteten EQS. Etwas nüchterner betrachtet hat Mercedes allerdings nicht viel verändert. Die beleuchtete Leiste zwischen den Scheinwerfern sitzt nun außerhalb des angedeuteten Kühlergrills. Im besten Fall sinkt der cW-Wert auf 0,2, was vor allem für den Verbrauch auf der Autobahn bedeutsam ist. Veränderte Scheinwerfer sind leichter als bislang, verbrauchen weniger Strom und leuchten dennoch weiter, verspricht Mercedes. Das Fernlicht soll eine Reichweite von bis zu 600 m haben.
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)Schon bisher ließen sich Sitze, Lenkrad und Armauflagen in Mittelkonsole und Türverkleidung beheizen, nun folgen noch die Gurte. Sie erreichen bis zu 44 Grad, verkündet der Hersteller, was eigentlich nur die Frage offenlässt, ob es im Nachfolger endlich beheizte Pedale gibt, um wirklich alle Kontaktflächen ohne Frostgefahr nutzen zu können. Mit einem HEPA-Innenraumfilter ließen sich bis zu 99,65 Prozent aller Partikel filtern, heißt es weiter. Von solchen Details einmal abgesehen: Unverändert dürfte der EQS zu den bequemsten und leisesten Reiselimousinen der Welt gehören.
Betriebssystem MB.OS
Natürlich geht es auch im Infotainmentbereich einige Schritte weiter. Als Betriebssystem dient nun MB.OS, was unter anderem einen stetig wachsenden Umfang im App-Store bedeutet. Smartphones lassen sich als Autoschlüssel nutzen, digitale Extras direkt im Auto buchen und bezahlen. Für Verkehrsdaten nutzt Mercedes Informationen von Google Maps. Für eine Prognose der Reichweite werden unter anderem auch die Windverhältnisse entlang der Strecke berücksichtigt. Wie im CLA (Test) wird auch hier sicher bei der Vorkonditionierung die Batterie nur soweit temperiert, wie es für den Ladepunkt notwendig ist. Unter Umständen reicht für eine Aufladung mit 150 kW eine niedrigere Temperatur als für einen Ladepunkt mit 400 kW.
Steer-by-Wire
Erst ein paar Monate nach der Markteinführung führt Mercedes als Extra Steer-by-Wire ein. Die Lenkung soll ein „gänzlich neuartiges Lenkgefühl“ (O-Ton-Mercedes) bieten. Sichtbar wird das mit einem viereckigen Lenkrad, dessen Form in diesem Umfeld eventuell nicht nur mich zweifeln lässt, ob ein relevanter Teil der Zielgruppe genau darauf gewartet hat. Immerhin bleibt dies ein Extra, und wichtiger dürfte vielen wohl sein, dass Mercedes von den winzigen Touchflächen auf dem Lenkrad zumindest teilweise Abschied nimmt. Rechts und links gibt es nun wieder Walzen. Rechts bleibt ein kleines Kreuz zum Wischen allerdings bestehen.
(Bild: Mercedes)
Ladeleistung und Batterie-Technik
Bisher lag die Spitzenladeleistung bei 200 kW. Die Aufladung zwischen 10 und 80 Prozent gelang in 31 Minuten. Bei nutzbaren 118 kWh bedeutet das eine durchschnittliche Ladeleistung von knapp 160 kW. Mercedes ist für seine Entscheidung, ein 400-Volt-System zu verbauen, viel kritisiert worden. Zugutehalten muss man den Verantwortlichen allerdings, dass 160 kW im Schnitt so schlecht nicht sind. Die Umstellung auf 800 Volt bringt erheblich höhere Ladeleistungen in der Spitze, nicht zwingend aber auch im Durchschnitt.
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Ladezeit um bis zu 6 Minuten reduziert
Der EQS wird künftig mit zwei Batterien angeboten. Ihr nutzbarer Energiegehalt liegt bei 112 bzw. 122 kWh. Der weniger riesige Speicher kann in der Spitze mit bis zu 330, der noch größere mit 350 kW geladen werden. Wer also aus einem niedrigen Ladestand bis schätzungsweise 50 Prozent lädt, kann mit einer erheblich kürzeren Ladepause rechnen. Mit der Angabe für die Ladezeit zwischen 10 und 80 Prozent von 25 (112-kW-Batterie) bzw. 27 Minuten für die große Batterie wird aber deutlich, dass die Umstellung auf 800 Volt allein kein Indiz für eine brutale Ladebeschleunigung ist. Die durchschnittliche Ladeleistung steigt auf 188 kW mit der 112-kWh-Batterie und auf 190 kW mit der 122-kWh-Batterie. Noch immer werden in dieser Zeit enorme Energiemengen, konkret 78,4 und 85,4 kWh, in den Speicher geschaufelt. Ein Spitzenwert ist die durchschnittliche Ladeleistung dennoch nicht.
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)Enorme Reichweiten
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass enorme Reichweiten versprochen werden. Zwischen 817 und 926 km sollen es im WLTP sein. Selbst wer mit 22 kWh/100 km kalkuliert, sich 10 Prozent Ladestand Reserve lässt und mit voller Batterie startet, kann mit einem Zwischen-Ladestopp im Basismodell etwas mehr als 800 km fahren, mit zwei über 1100. Das Modell mit großem Speicher verschiebt diese Grenzen nochmals etwas weiter, allerdings sollte man sich von 10 kWh mehr in diesem Bereich keine Wunder erwarten. Mercedes verspricht Fortschritte bei volumetrischer und gravimetrischer Energiedichte, also weniger Volumen und Gewicht pro Kilowattstunde Energiegehalt. Der Kobaltanteil ist gesunken, der Anode wurde Siliziumoxid zum Graphit beigemischt.
Der EQS wird mit vier Antrieben angeboten. Schon das Einstiegsmodell ist mit 270 kW und 505 Nm gut aufgestellt, im Spitzenmodell mit Allradantrieb kann der Fahrer auf 430 kW zurückgreifen.
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Preise und Fazit
Die eigentliche Überraschung aber liefert die Preisliste. Einen EQS 400 gibt es ab 94.403 Euro, und das ist weniger als bisher, und einen ersten Nachlass auf diesen Preis gibt es bereits im Konfigurator. Traditionell sind bei Mercedes die Zuschläge für höhere Antriebskonfigurationen ausgesprochen selbstbewusst. Der EQS 450+ hat gerade einmal 30 kW und 10 kWh mehr, was Mercedes mit rund 14.000 Euro Aufpreis in Rechnung stellt. Für das Allradmodell EQS 500 sind es nochmals 15.000 Euro mehr. Selbstverständlich ist das nur der jeweilige Ausgangspunkt, denn Mercedes darf darauf hoffen, dass nur eine Minderheit in dieser Klasse auf Sitzen mit Kunstlederbezügen Platz nehmen wird.
(Bild: Mercedes-Benz)
Trotz einer sehr umfangreichen Serienausstattung wird kaum ein Kunde unter einem Listenpreis von 100.000 Euro landen. Solche Preise müssen nicht zwingend ein Hindernis zu einem Verkaufserfolg sein, wie die S-Klasse seit Jahrzehnten beweist. Allerdings hat ein Kommentar zuletzt festgehalten, dass die aktuelle S-Klasse W223 trotz ihres Preises mit Usability-Problemen zu kämpfen hat. Mercedes hat mit der Modellpflege inhaltlich nachgelegt und ein ausgezeichnetes E-Auto weiter verbessert. Ob das ausreicht, um künftig mehr Interessenten zu überzeugen, wird sich zeigen.
(mfz)