30-jähriges Jubiläum: Warum „Die Siedler 2“ bis heute fasziniert

„Wuselfaktor“ ist untrennbar mit der „Siedler“-Serie verbunden. Das ist vor allem dem Fan-Liebling „Die Siedler 2“ zu verdanken, der nun 30 Jahre alt wird.

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Screenshot aus Die Siedler 2

(Bild: heise medien)

Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Paul Kautz
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Satte 30 Jahre sind vergangen, seit „Die Siedler 2“ erstmals über die heimischen Bildschirme flimmerte und mit entspannter Wuselei eine ganze Spielergeneration in seinen Bann zog. Was 1996 als konsequente Weiterentwicklung eines Überraschungshits begann, wurde schnell zu einem Meilenstein der Aufbaustrategie.

Das im Juni 1993 zuerst auf dem Amiga veröffentlichte Aufbauspiel „Die Siedler“ war aus gutem Grunde ein riesiger Hit: Es sah mit seiner knuddeligen Wuselgrafik seufzerschön aus, die Musik von Markus Kludzuweit versetzte einen mit seinen abwechslungsreichen Themen direkt in ein Klischee-Mittelalter, die Steuerung war super-simpel, und das Spielprinzip gleichermaßen zugänglich wie bemerkenswert tiefgründig.

Das Spiel wirkte auf den ersten Blick wie eine mittelalterliche Ameisenfarm. Unter der liebenswerten Hülle aber warteten ebenso interessante wie clever ineinander verzahnte Wirtschaftskreisläufe, die sehr viel Aufmerksamkeit und Micromanagement von den Spielern verlangten. Dazu kamen noch ein etwas umständlicher Wegebau sowie ein ausschließlich auf vorbestimmten Statistiken basierendes Kampfsystem, die dem entspannten Wuseln ein paar lästige Kratzer verliehen. Und eine Kampagne oder etwas Vergleichbares gab es auch nicht, nur zusammenhanglose Einzelmissionen gegen variabel spielstarke Computergegner. Also keine Frage, „Die Siedler“ war bereits ein wirklich tolles Spiel – aber da war noch ganz klar Luft nach oben.

"Die Siedler 2" wird 30 (10 Bilder)

„Die Siedler 2“ folgt optisch klar seinem Vorgänger, packt aber viel mehr Details in die höher aufgelöste Landschaft. (Bild:

heise medien

)

Chefdesigner Volker Wertich hatte allerdings kein Interesse daran, diese Luft auszutesten: Nach der jahrelangen, kräftezehrenden Entwicklung des ersten Spiels wollte er sich nicht direkt auf einen Nachfolger stürzen. Die Entwicklung des zweiten Teils fand daher intern bei Blue Byte statt, dem Vertrieb von „Die Siedler“, unter der Leitung von Thomas Häuser. Der war beim ersten Spiel vor allem für die Qualitätssicherung verantwortlich und hatte aus dieser Zeit noch eine lange Liste an Verbesserungsvorschlägen – die er jetzt direkt in einem zweiten Teil in die Tat umsetzen durfte.

Das Resultat dieser Bemühungen stand ab dem April 1996 mit dem Untertitel „Veni, Vidi, Vici“ in den Läden, wodurch auch schon die wichtigste Veränderung zum Vorgänger deutlich gemacht wird. Denn in „Die Siedler 2“ wartet endlich eine richtige Kampagne: Das nette Intro zeigt das Schicksal des römischen Kapitäns Octavius, dessen Schiff nach einem Sturm an einer unbekannten Insel zerschellt. Zehn umfangreiche Missionen lang müssen er und seine Crew nun einen Weg zurück nach Rom finden.

Und das machen sie, indem sie… nun… siedeln: Vom Hauptgebäude aus wird in einem nahegelegenen Wald eine Holzfällerhütte gebaut, zusammen mit einem Sägewerk (zur Verarbeitung der Bäume in Bretter) und einem Förster (neue Bäume müssen ja von irgendwo herkommen). Am nicht weit entfernten See macht es sich ein Fischer bequem, der Steinmetz verwandelt herumliegende Felsbrocken in Baumaterial. Ein Bauernhof wird hochgezogen, das dort geerntete Korn in einer Bäckerei zu Mehl verarbeitet, aus dem ein Bäcker leckeres Brot knetet. Auf der Schweinefarm wird fröhlich gegrunzt, Kohle- oder Erzbergwerke fördern wichtige Rohstoffe zutage, die eigenen Grenzen werden über Wachhütten immer weiter verschoben. Und früher oder später trifft man unweigerlich auf einen Nachbarn, der einen argwöhnisch betrachtet und in der eigenen Schmiede schon mal die Schwerter schleifen lässt.

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Inhaltlich bleibt man den Fußspuren seines Vorgängers also sehr treu. Auch in „Die Siedler 2“ gilt es immer noch, das vorhandene Land optimal einzunehmen und die spielinternen Wirtschaftskreisläufe für die eigenen Zwecke zu optimieren. Der Spieler gibt dabei wieder nur Arbeitsanweisungen und erschafft Baustellen. Die eigentliche Ausführung wird dann immer vom Computer beziehungsweise von den hunderten gleichzeitig auf dem Bildschirm wuselnden Pixelfigürchen erledigt, die dem Spiel seinen ganz wunderbaren Wuselfaktor verleihen.

„Die Siedler 2“ erfindet das Aufbaurad also nicht neu, packt aber auf praktisch alle Aspekte mächtig obendrauf: Statt nur einer Art von Siedler gibt es jetzt vier Völker (Römer, Asiaten, Wikinger und Nubier), die sich allerdings nur grafisch sehr deutlich voneinander unterscheiden. Auf den großen Karten ist jetzt viel mehr los, speziell im Bereich der Fauna, was den neuen Jägern eine Beschäftigung und den Siedlern im Allgemeinen eine zusätzliche Fleischquelle einbringt. Dazu gibt es noch viele neue Gebäude (wie Brunnen, Brauerei, Münzprägerei, Eselzucht, Schlosserei oder Katapult), unterschiedliche Landschaften mit abwechslungsreichen Grafiksets, Kriegsnebel, Spähtürme oder Schiffe, die nichts am ursprünglichen Spielprinzip ändern, es aber sehr sinnvoll erweitern.