Aufbruchsstimmung und Bestandsaufnahme: Wildbergers Plan für die Digitalisierung

Zwischen Deutschland-Stack und KI: Digitalminister Wildberger erklärt, wie er mit SAP, Telekom, Startups und Open Source den digitalen Stillstand brechen will.

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Die drei Personen lächeln in die Kamera

Fränzi Kühne, Cherno Jobatey, Karsten Wildberger

(Bild: Stefan Krempl/heise online)

Lesezeit: 6 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Es herrscht ein wenig Aufbruchsstimmung im Berliner Basecamp, als Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) die Bühne betritt. Der Ort, an dem sich Politik und Digitalszene traditionell zum „UdL Digital Talk“ treffen, ist am Donnerstagabend voll besetzt. Unter dem Titel „Deutschlands Digitalisierung – warum nicht einfach machen?“ soll erörtert werden, warum die Republik bei der Modernisierung so oft im Treibsand der Bürokratie stecken bleibt. Wildberger, der vor rund einem Jahr den Ruf aus dem „Blue“ erhielt und nach zehntägiger Bedenkzeit den Chefsessel eines DAX-Konzerns gegen das Ministeramt tauschte, wirkt agil. Er ist gekommen, um zu erklären, wie er den „Umsetzungsmuskel“ des Landes aktivieren will.

„Wir haben verdammt viel aufzuholen“, räumt Wildberger ein. Deutschland könne Digitalisierung zwar im Kern. Doch es fehle die Fähigkeit, Lösungen in die Breite zu bringen. Das Problem sei der Weg vom Gesetz zur Realität. Besonders in der Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und den rund 11.000 Kommunen werde es komplex. „Ich schrei’ auch manchmal, wenn ich alleine bin, aber ich erhol‘ mich schnell“, gesteht er schmunzelnd. Er wolle bei Großprojekten den abhandengekommenen Muskel aufbauen: die Schnelligkeit.

Herzstück seiner Strategie ist der Deutschland-Stack. Wildberger spricht leidenschaftlich über dieses Zielbild, das eine einheitliche digitale Infrastruktur für die Verwaltung schaffen soll. Es gehe darum, eine Basis zu bauen, auf der verschiedenste Services aufsetzen können, stärker automatisiert und für Hunderte, ja Tausende Partner zugänglich. „Das System ist offen, jeder kann sich einklinken. Ist doch geil“, ruft er in den Saal. Dass es bisher noch kein fertiges Endprodukt gibt, ficht ihn nicht an. Nötig sei erst eine Vision, um Menschen dahinter zu versammeln. Nun müssten die Mitstreiter aber liefern, um die Glaubwürdigkeit nicht zu verspielen.

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Ein Beispiel für die neue Philosophie soll die Deutschland-App sein. Dass das Digitalressort für die Entwicklung des Prototyps auf die Schwergewichte SAP und Deutsche Telekom setzt, sorgt im Publikum und in der Startup-Szene für Diskussionen. Wildberger verteidigt die Entscheidung. Es gehe darum, Unternehmen zu nutzen, die bereits bewiesen haben, dass sie skalieren können. Die App soll mehr sein als ein digitales Schaufenster. Sie ist als One-Stop-Shop für staatliche Leistungen angelegt – vom Kindergeldantrag bis zur Wohnsitzanmeldung beim Umzug. Ein KI-basierter Assistent soll dabei helfen, Dokumente zu finden, zu bearbeiten und sicher über eine Wallet-Lösung zurück an die Behörden zu spielen.

Dabei betont der 56-Jährige, dass die Architektur von Beginn an modular und offen konzipiert sei. „Wir entwickeln bis zu einem Haltepunkt, an dem es dann zu einer Ausschreibung kommt“, erklärt er den Prozess. Er wolle Start-ups explizit mit einbinden, müsse sich aber am Ende daran messen lassen, ob das System in der Fläche funktioniert. Dass es dabei Animositäten gibt, sei ihm bewusst. In einer Demokratie müsse man diskutieren, doch die Zeit dränge. Er fordert: „Was wir auf den Weg gebracht haben, reicht in diesen Zeiten nicht. Wir müssen eine Schippe draufpacken.“

Ein Hebel für den Modernisierungsschub soll die Künstliche Intelligenz sein. Wildberger sieht darin das Potenzial, die rund 20.000 verschiedenen Genehmigungsverfahren in Deutschland zu beschleunigen. Besonders bei komplexen Infrastrukturprojekten wie dem Bau von Energienetzen oder Straßen könne die Maschine die Vollständigkeits- und Verträglichkeitsprüfung übernehmen. Das Regelwerk werde dann wie ein Kochrezept automatisiert abgearbeitet. Schon im Sommer wolle die Bundesnetzagentur beim Stromtrassenbau zeigen, wie das in der Praxis funktioniert. Zwar schaue am Ende immer noch ein Mensch darauf, aber die Effizienzgewinne seien enorm.

Auch frei verfügbarer Quellcode nimmt in der Runde einen wichtigen Platz ein. Wildberger lobt Vorreiter wie Schleswig-Holstein und verweist auf das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (Zendis). Sein Haus untersuche gerade, wie sich solche Organisationen so aufstellen ließen, dass sie wirklich marktfähig sind. Seine Vorstellung: Ein Ökosystem für E-Government auf Basis offener Standards, in dem auch Cloud-Anbieter und KI-Unicorns ihren Platz finden. Das „Digitalisierungsmomentum“ will er auch dadurch stärken, dass beim nächsten Digital-Gipfel eine echte Verbindungsplattform für deutsche Unternehmen entstehen und ein agentischer KI-Hub eingerichtet werde. Der Mittelstand soll so von der Technologie profitieren, ohne dass die Daten „abhauen“.

Unternehmerin Fränzi Kühne erinnert daran, dass das allein nicht reiche. „Die meisten Mittelständler haben Technologie aus den 80ern oder 90ern“, gibt sie zu bedenken. Es brauche ein klares Bild von oben, eine Vision, die auch vom Kanzler transportiert werde, um Ängste abzubauen. Digitalisierung sei oft mit erheblichem Widerstand gegen Veränderung verbunden. „Man muss unglaublich resilient sein“, sagt die Autorin. Sie fordert Leuchtturmprojekte, die für den Bürger sichtbar machen: „Ah, das ist Digitalisierung.“

Wildberger nimmt den Ball auf. Er ist sich der Sorgen bewusst, die KI etwa bei Programmieren auslöst, wo künftig wohl 95 Prozent der Codes von Maschinen generiert werden könnten. „Die Länder, die KI beherrschen, werden aller Voraussicht nach deutlich mehr Wirtschaftswachstum realisieren“, warnt er vor Stillstand. Man müsse jungen, neuen Unternehmen viel mehr Aufmerksamkeit schenken, denn die Disruption komme von unten. Namen wie DeepL oder Black Forest Labs zeigten, dass Deutschland hier viel zu bieten habe.

Am Ende wird Wildberger fast philosophisch: Er glaube an die kreative Kraft der Menschen und die Eigenverantwortung. Die Gesellschaft müsse mehr Freiräume schaffen und auch einmal Menschen „abfeiern“, die etwas auf die Beine stellen, statt sofort jedes neue Projekt schlechtzureden. „In einer Demokratie wird die Diskussion manchmal hart und brutal“, sagt er mit Blick auf die öffentliche Kritik. Dann müsse das Motto lauten: „Kopf zu und nach vorne“.

Sein Versprechen für die nächsten drei Jahre: Mehr Glasfaser in die Häuser, keine Funklöcher mehr und eine EUDI-Wallet, die am 2. Januar 2027 live geht und hoffentlich Millionen Nutzer findet. Es ist ein ambitionierter Fahrplan für einen Mann, der ausgezogen ist, um den Staat fit fürs 21. Jahrhundert zu machen.

(mho)