Bye-bye TV-News: US-Wähler setzen auf Influencer statt auf Nachrichten

Eine Studie zeigt, wie rasant klassische Medien in den USA an Boden verlieren. Podcaster wie Joe Rogan und Late-Night-Talker ĂĽbernehmen das Informationsmonopol.

vorlesen Druckansicht 35 Kommentare lesen
Abstract,Blurred,Of,Studio,At,Tv,Station.

(Bild: chanonnat srisura/Shutterstock.com)

Lesezeit: 4 Min.
close notice

This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Die Ära, in der das Einschalten der Fernsehnachrichten oder das Aufschlagen der Zeitung das kollektive Informationsbedürfnis einer Nation stillte, scheint in den Vereinigten Staaten Geschichte zu sein. Eine landesweite Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos im Auftrag des Jordan Center for Journalism Innovation and Advocacy an der University of Mississippi zeichnet das Bild einer gewichtigen Transformation der Medienlandschaft. Online-Plattformen und digitale Persönlichkeiten haben demnach in den USA das Fernsehen und traditionelle Printmedien als regelmäßige Nachrichtenquellen überholt.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Trend bei Bürgern, die an der jüngsten Präsidentschaftswahl teilgenommen haben. Die Studie verdeutlicht, dass die Bindung an journalistische Institutionen bröckelt und stattdessen ein direktes Zugehörigkeitsgefühl zu Einzelpersonen tritt. Diese verfolgen oft eine klare politische Agenda oder stammen aus der Unterhaltungsbranche.

An der Spitze der neuen Informationshierarchie stehen paradoxerweise die Akteure, die eigentlich im Zentrum der traditionellen Berichterstattung stehen. Konservative Politiker, allen voran Präsident Donald Trump sowie Mitglieder seines Kabinetts, fungieren für viele Wähler als primäre Nachrichtenquellen. Sie umgehen die klassischen Filter der Redaktionen und kommunizieren direkt mit ihrer Basis.

Rechnet man die aktiven Politiker aus der Statistik heraus, wird die Macht der neuen Medienmacher noch deutlicher. Der umstrittene Podcaster Joe Rogan führt das Feld der einflussreichsten Nicht-Politiker an. Es folgen Gesichter des rechten Senders Fox News wie Greg Gutfeld und Sean Hannity sowie die konservativen Kommentatoren Ben Shapiro und Tucker Carlson. Doch nur drei Charakteren gelang es in der Umfrage, die Marke von zehn Prozent Zustimmung als „Top-Influencer“ zu knacken: Trump, Rogan und Vizepräsident JD Vance.

Die Verschiebung hin zu meinungsstarken Individuen ist kein rein rechtes Phänomen, auch wenn sie dort besonders ausgeprägt scheint. Wähler, die für die Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris von den Demokraten gestimmt haben, orientieren sich ebenfalls stark an Persönlichkeiten. Sie suchen diese aber häufiger im Bereich der politischen Satire und Unterhaltung.

Hier dominieren die Late-Night-Größen das Feld. Jimmy Kimmel, Stephen Colbert und Jon Stewart sind für Anhänger der Demokraten die wichtigsten Anlaufstellen, wenn es um die Einordnung des Weltgeschehens geht. Andrea Hickerson, Dekanin des Journalismusinstituts der Uni von Mississippi, macht darin eine Abkehr von der institutionszentrierten Nachrichtennutzung aus. Die Menschen folgten Schöpfern und Kommentatoren direkt, was den klassischen Journalismus in eine defensive Rolle dränge.

Die Zahlen der im März durchgeführten Erhebung sind markant: Knapp 70 Prozent der Befragten erklärten, sich in einer typischen Woche online zu informieren. Das Fernsehen kommt nur noch auf 55,2 Prozent. Zeitungen folgen abgeschlagen mit 25,2 Prozent. Radio und Magazine spielen mit 18,5 beziehungsweise 5,5 Prozent eine untergeordnete Rolle. Innerhalb der digitalen Welt sind Facebook und YouTube die unangefochtenen Schwergewichte, gefolgt von Instagram, X, TikTok und Reddit. Auf diesen Plattformen scheinen laut Steven L. Herman, dem Direktor des Jordan Center, profilierte Meinungsführer und Comedians die Stimmen klassischer Journalisten regelrecht zu übertönen.

Historisch betrachtet sind Polarisierung und Personalisierung nicht völlig neu. Schon im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert prägten sensationelle und polarisierende Stimmen wie der Satiriker Mark Twain oder der populistische Priester Charles Coughlin die politische Landschaft. Der Unterschied heute liegt in der technologischen Reichweite und der Geschwindigkeit, mit der sich Inhalte verbreiten.

Videos by heise

Zudem zeigt die Untersuchung eine Kluft in der Mediennutzung zwischen den politischen Lagern. Während ein Drittel der Demokraten nach wie vor auf Zeitungen vertraut, tun dies nur 18,5 Prozent der Republikaner. Harris-Wähler rezipieren nach wie in hohem Maße etablierte Marken wie CNN oder die New York Times. Trump-Befürworter konzentrieren sich auf Fox News und soziale Medien. Diese Zersplitterung führt dazu, dass US-Bürger ihre Informationen zunehmend basierend auf ihrem bereits bestehenden Weltbild filtern. Das untergräbt den Studienmachern zufolge das Vertrauen in neutrale Berichterstattung weiter.

Eine Analyse des Reuters-Instituts zur internationalen Nachrichtennutzung offenbarte fĂĽr Deutschland voriges Jahr eine andere Lage. Tagesschau, heute & Co. haben demnach hier den 1. Rang bei der Bedeutung zum Stillen des Informationshungers ĂĽber aktuelle Ereignisse gegenĂĽber Online-Quellen nebst Social Media zurĂĽckerobert.

(nie)