„Aphelion“ im Test: Tränen im Tauwasser
Gute Ideen treffen im französischen Science-Fiction-Abenteuer „Aphelion“ auf wacklige Technik. Für einige könnte es trotzdem als Hit zählen.
(Bild: Don't Nod)
Wenn die Menschheit eines Tages endlich einen neuen Planeten erreicht, was wird sie dort finden? Was muss sie tun? „Aphelion“ hat eine Antwort. Überall auf dem frisch entdeckten neunten Planeten Persephone gibt’s Berge, und an den Bergen lauter kleine beschneite Vorsprünge. Wer gerne zockt, erkennt sie schon von Weitem: Dort soll man sich beim Kraxeln festhalten. Der Kosmos ruft die Menschheit an die Kletterwand.
Auch andere Beschäftigungsangebote hat der Planet der Menschheit zu machen. Vereiste Hänge führen zu lebensmüden Rutschpartien, erstaunlich viele schmale Stege können nur balancierend überwunden werden, und wenn die Kamera plötzlich leicht heraus zoomt, dann startet wohl gleich das nächste Rennen über zusammenbrechende Bodenbeläge.
Europa greift nach den Sternen
Das französische Studio Don’t Nod ist nicht nur bekannt für die Erzählspiel-Serie „Life Is Strange“, sondern auch für ein bunt gemischtes Sortiment, etwa das Kletter-Abenteuer „Jusant“ oder das Action-Rollenspiel „Banishers: Ghosts of New Eden“. Mit „Aphelion“ legt es nun ein Action-Adventure vor, das sich von großen Science-Fiction-Filmen der vergangenen Jahre inspirieren lässt. Anhand der Prämisse kann man bereits raten, welche gemeint sind: Gespielt werden die zwei Wissenschaftler Ariane und Thomas auf einer verzweifelten Himmelfahrtsmission. Als die Erde gerade unbewohnbar wird, findet die Menschheit tatsächlich einen neunten Planeten in unserem Sonnensystem. Doch mit der Ankunft auf dem Eisplaneten Persephone beginnt ein rund zehnstündiges Trommelfeuer markerschütternder Katastrophen und Enthüllungen.
"Aphelion" im Test (18 Bilder)

Dass in dieser Science-Fiction-Geschichte vieles Sinn ergibt, ist auch der ESA zu verdanken. Nicht nur in der Fiktion treten Ariane und Thomas als Astronauten der ESA auf, das Entwicklerteam hatte auch Zugriff auf wissenschaftliche Beratung durch die Weltraumbehörde. Das Ergebnis sieht tatsächlich von Anfang an umwerfend aus. Nach einer kurzen, intimen Einführung an Bord stehen die Astronauten staunend in der fremden Welt herum. Der Eisplanet ist nicht nur hübsch, er klingt auch lebendig. Der Schnee knackt, der Wind pfeift, das Eis singt, und Ariane keucht glaubwürdige Beobachtungen ins Mikrofon, wie es vielleicht eine echte Astronautin täte.
Minutenlang könnte man einfach in die Wolken blicken, so schön ist Persephone. Und dann spielen auch noch melancholische Streicher, wie einst in „Interstellar“. Es ist ein Abenteuer wie für die große Leinwand. Doch die Missverständnisse beginnen, sobald ein Daumen auf einen Joystick trifft.
„Uncharted“ im Weltraum
Ariane ist in dieser harten und durchaus ernst gemeinten Erzählung die Action-Heldin, der verwundete Thomas muss dagegen langsam vorankommen. Beide werden dabei auf eine Reise geschickt, die im Groben glaubwürdig ist, im Detail aber haarsträubend überspitzt. Es wirkt, als hätte Don’t Nod zuerst an einer glaubwürdigen Science-Fiction-Geschichte gearbeitet, um den Plot dann mit sanfter Gewalt an die Anforderungen eines linearen Action-Adventures anzupassen.
Am deutlichsten wird das, wenn Ariane mal wieder am Start eines verräterisch gekennzeichneten Kletterparcours steht. Das Panorama kann noch so majestätisch aussehen, jetzt geht es um weiß abgesetzte Kanten an Steilwänden, um immer gleiche schmale Eisbrücken zum darüber Balancieren, um den nächsten Grapple-Punkt, von dem man sich schwingt, um dann in der Luft kurz vor der Landung leicht zurechtgerückt zu werden. Das fühlt sich nicht nur behäbig an, es sieht in vielen kleinen Momenten auch merkwürdig aus. Neu und aufregend ist die Landschaft, altbacken und langweilig ist das Klettern.
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Man muss sich das leider wie eine einfachere, technisch weniger kompetente und sehr lineare Version von „Uncharted“ oder „Horizon“ vorstellen. Hier wird zwar nicht gekämpft, aber dafür werden viele Spielmechanismen aus Action-Adventures übernommen, die selbst nicht mehr ganz frisch sind. Wie Klettern spannender oder kreativer inszeniert werden kann, haben viele Spiele nach „Uncharted“ erkundet.
„Aphelion“ steuert sich etwas anders, aber im Kern wird hier wieder hölzern an klar markierten Routen entlang gehangelt, als wäre auch Ariane eine Groschenromanheldin mit unendlich starken Fingern. Auch toll animierte, aber streng gescriptete Verfolgungsjagden sind wieder in. Anstatt Vorbilder weiterzuentwickeln, ahmt „Aphelion“ sie nach und bleibt dabei eher hinter den Originalen zurück.
„Aphelion“ ist Euro-Jank
Sind Spielelemente nicht so gut umgesetzt, dann stört ihre Wiederholung ganz besonders. Ariane ist nicht einfach eine fitte Astronautin, sie hüpft kilometerweise Steilwände hinauf und hinab. Und nicht nur dabei leidet sie unter der trägen Steuerung. Ariane und Thomas bewegen sich lebensecht, mit sehr detaillierten Animationen. Das sieht meist beeindruckend aus, aber fühlt sich beim Spielen an, als würde man Interaktionen bei den Charakteren bestellen, statt sie direkt zu steuern. Ariane hängt an der Wand, der Handlauf bröckelt mal wieder, die Zeit läuft ab, und sie müsste mit einem Arm auf den nächsten Vorsprung deuten, damit man den Sprung dorthin bestellen kann. Doch Ariane streckt den Arm nicht aus, obwohl man den Joystick in die richtige Richtung drückt. Vielleicht tut sie es gleich noch.
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Schwierig fanden wir das Klettern über die volle Spieldauer nie, aber auch nicht unterhaltsam. Es wirkt schwammig und träge. Ähnlich verhält es sich leider mit dem Einstellen eines EM-Scanners, um Rätsel zu lösen, mit dem langsamen Balancieren über schmale Stege, und ganz besonders mit dem Hangeln am Seil. All diese Hindernisse kann man überwinden, aber man tut es nur, um den nächsten Ausblick, den nächsten Dialog zu erreichen.
Ein bisschen werden die Herausforderungen gesteigert und variiert, doch die ständigen Wiederholungen wiegen schwer. Ein paar dickere Design-Fehlschläge leistet sich das Spiel auch: Gelegentlich muss etwa der verwundete Thomas mit winzigen Sauerstoffreserven zu einem Ziel humpeln. Biegt er falsch ab, erstickt er und muss vom letzten Checkpoint aus noch einmal suchen. Das ist gelegentlich frustrierend, aber nie spannend oder interessant.
Eine deutlich bessere Idee ist eine geheimnisvolle, monströse Kreatur, die im Spiel auftaucht. Man muss an ihr vorbeischleichen oder sie ablenken. Doch auch diese Begegnung wird so hartnäckig wiederholt und so streng linear inszeniert, dass sie sich nie wie ein Kampf gegen ein Alien anfühlt, sondern wie einer mit dem Leveldesign: An welchem Punkt muss ich die Ablenkung bestellen, damit ich wo entlang zum nächsten Checkpoint schleichen kann?
Fazit: Harte Sci-Fi mit Herz
So unterläuft „Aphelion“ über die ganze Spieldauer seine eigenen Stärken. Von ein paar unrunden Animationen abgesehen sieht das Spiel umwerfend aus und erzählt eine berührende Geschichte. Genrefans können hier viele Vorbilder erkennen, doch Ariane und Thomas wirken nicht wie Abziehbilder anderer Helden. In langen Zwischensequenzen und wiederholten Kommentaren während des Spielens erwachen sie zum Leben. Beim Spielen darf man mit ihnen schöne, dramatische und tragische Schauplätze erkunden. In einem Augenblick der Schwäche gibt sogar Ariane zu, dass sie hier durch perfekte Science-Fiction-Illustrationen läuft. Trotzdem kann sich „Aphelion“ so echt anfühlen, dass man sich ihrem Schicksal nicht entziehen kann.
„Aphelion“ ist nicht besonders lang. Es hat im Test grobe 10 Stunden Spielzeit bis zum Erreichen des Abspanns beansprucht. Man könnte es auch schneller durchspielen, doch wer sich keine Zeit zum Schauen nimmt, verpasst das Schönste. Wie schwer da die ideenarme Wiederholung mäßig inspirierter Geschicklichkeits-Elemente wiegt, ist auch eine Typ-Frage. Wem das Klettern in all den „Uncharted“- und „Horizon“-Fortsetzungen nie auf die Nerven ging, der findet es hier vielleicht auch passabel. Doch falls man „Aphelion“ spielen möchte, dann wegen der Story. Wer es schafft, sich darauf zu konzentrieren, kann etwas Besonderes erleben. Und wer klettern will, sollte lieber „Jusant“ spielen.
„Aphelion“ ist von der USK ab 12 Jahren freigegeben und erscheint am 28.04. für Windows, Playstation 5 und Xbox Series X/S. Es kostet 35 Euro, die Xbox-Version ist im Game Pass Ultimate enthalten. Vorerst erscheint es nur digital, eine Retail-Version soll im Juli erhältlich werden.
(dahe)