Microsoft veröffentlicht frühesten bekannten DOS-Quellcode

Zum 45. Geburtstag von 86-DOS veröffentlicht Microsoft die frühesten bekannten Quellcode-Listings – transkribiert von vergilbten Endlospapierausdrucken.

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Ein historischer IBM-PC mit 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk, Röhrenmonitor und Tastatur, alles von IBM

Ein Artefakt der IBM-Konzerngeschichte, der IBM-PC – Microsoft hat jetzt weitere Quelltexte des Betriebssystems veröffentlicht.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

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Microsoft hat die ältesten bekannten Quellcode-Listings von DOS als Open Source freigegeben. Die Veröffentlichung umfasst den 86-DOS-1.00-Kernel, PC-DOS-1.00-Pre-Release-Snapshots sowie Utilities wie CHKDSK und den SCP-Assembler – allesamt transkribiert von einem rund zehn Zentimeter hohen Stapel Assembler-Ausdrucke auf grün-weißem Endlospapier.

Die Listings stammen von Tim Paterson persönlich, dem Entwickler von 86-DOS bei Seattle Computer Products. Paterson hatte das Betriebssystem 1980/81 im Alleingang geschrieben – Microsoft lizenzierte es 1981 und machte daraus PC-DOS 1.0 für den IBM PC. Wie Microsoft in seinem Open-Source-Blog mitteilt, erscheint die Veröffentlichung exakt zum 45. Jahrestag von 86-DOS 1.00. Die transkribierten Quellen stehen unter MIT-Lizenz im GitHub-Repository DOS-History bereit.

Die insgesamt zehn Bundles offenbaren den Entwicklungsprozess in einer Zeit vor Versionskontrollsystemen. Zeitstempel auf den Ausdrucken dokumentieren die jeweiligen Snapshots: Der 86-DOS-1.00-Kernel wurde am 15. Juni 1981 erstellt, eine PC-DOS-1.00-Beta datiert auf den 7. Juli 1981. Diffs wie die Datei 86DOS.DIF zeigen die konkreten Änderungen zwischen Kernelversionen – darunter Fehlerkorrekturen und Feature-Ergänzungen. Mit 86-DOS wird erstmals der unmittelbare Vorläufer von PC-DOS in einer so frühen Entwicklungsstufe zugänglich – ein seltener Einblick in die Entstehung des IBM-PC-Standards.

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Im Gegensatz zu modernen Open-Source-Projekten wie dem Linux-Kernel, der von Tausenden Entwicklern über Git kollaborativ gepflegt wird, war DOS das Werk eines Einzelnen – Patersons „Commits“ existierten nur auf Papier. 86-DOS galt schon damals als stark von CP/M inspiriert, was in der Frühphase der PC-Industrie zu Kontroversen führte.

Die Transkription der 45 Jahre alten Ausdrucke war laut Microsoft eine Herausforderung. Rich Cini scannte die 15 Zoll breiten Fanfold-Ausdrucke. Anschließend transkribierten Yufeng Gao und Cini die Listings – unterstützt durch OCR-Verfahren, die bei der verblassten Druckqualität an ihre Grenzen stießen. Die Bundles 9 und 10 – darunter eine 459-seitige MS-BASIC-86-Compiler-Runtime-Library – sind bislang nicht transkribiert; das Projekt nimmt Pull Requests entgegen. Scans aller Originaldokumente liegen zudem beim Internet Archive.

Die Originale sollen künftig im Interim Computer Museum im US-Bundesstaat Washington ausgestellt werden. Für die Retro-Computing-Szene eröffnet die MIT-Lizenz, die freie und auch kommerzielle Nutzung gewährt, zahlreiche Möglichkeiten: Der Code lässt sich mit dem historischen SCP-Assembler (Version 2.24) und dem Tool HEX2BIN assemblieren – oder als Basis für Mods, Portierungen und Experimente nutzen.

Die Veröffentlichung reiht sich in Microsofts Bemühungen um Software-Archivierung ein. 2018 gab der Konzern MS-DOS 1.25 und 2.11 frei, 2024 folgte MS-DOS 4.0. Auch ältere Microsoft-Projekte wurden zuletzt als Open Source veröffentlicht: Bill Gates stellte den Quellcode von Altair BASIC bereit, später folgte Microsofts 6502 BASIC von 1976. All diese Systeme bildeten die Grundlage für Windows 1.0, das 1985 auf MS-DOS aufsetzte.

Ob Microsoft weitere unveröffentlichte DOS-Versionen plant, ist nicht bekannt. Der Fokus liege auf der Bewahrung historischer Artefakte, bevor diese unwiederbringlich verloren gehen – ein Anliegen, das angesichts vergilbender Ausdrucke auf 45 Jahre altem Papier durchaus dringlich erscheint.

(mki)