Zahlen, bitte! Ab 5 waagerecht ­­unlösbar — Das NYT-Kreuzworträtsel-Debakel

Erstmals in der Geschichte ihrer Ratekolumne gab die New York Times ein Kreuzworträtsel heraus, das nicht aufging — zumindest für Print-Rätselfreunde.

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Von
  • Detlef Borchers
Inhaltsverzeichnis

Seit dem 15. Februar 1942 druckt die New York Times ein Kreuzworträtsel. In den 84 Jahren ist das Rätsel so etwas wie der Goldstandard unter den Rätselfreunden geworden und wird in Lizenz von über 100 Zeitungen nachgedruckt. Die Raterei beginnt am Montag mit einem einfachen Kreuzworträtsel, das zunehmend schwieriger wird und am Samstag die höchste Kniffligkeitsstufe erreicht. Am Sonntag folgt dann ein größeres Rätsel mit mittlerer Schwierigkeit, das als „kultureller Eckstein“ über die Jahre Kultstatus erreichte. Zu den Fans des Sonntagsrätsels zähl(t)en der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, der TV-Moderator Jon Stewart und der Autor Norman Mailer.

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Am Sonntag, dem 19. April 2026, erschütterte ein Patzer die heile Rätselwelt: die New York Times veröffentlichte mit „Nuclear Fusion“ ein Rätsel, das im gedruckten Magazine nicht lösbar war. Wer links oben begann, musste spätestens bei 5 waagerecht kapitulieren. Rätselfreunde im ganzen Land verzweifelten; Ältere fürchteten gar Anzeichen einer beginnenden Demenz.

Zahlen, bitte!
Bitte Zahlen

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Der „schreckliche Sonntag“ hatte eine ganz banale Ursache: die Rechner der New York Times bekamen Ende der Woche ein Upgrade ihres Redaktionssystems, wie es auch bei heise online ab und an passiert (siehe unten). Das klappte reibungslos für die Online-Ausgabe, nicht aber für die Gitter und Kästen der Printversion. Hier wurde zu den Fragen das falsche Gitter abgedruckt. Wer das Rätsel online mit dem Tablet in Angriff nahm, konnte es lösen, doch die Printversion im NYT-Magazine war unlösbar.

Immerhin schaffte es die Redaktion, in der Sonntagsausgabe der Tageszeitung eine korrekte Version abzudrucken, doch der Schaden war angerichtet. Das New York Magazine nannte den Patzer in seinem Portal „Vulture“ eine „existenzielle Krise in der Gemeinschaft der Rätselfreunde“. Beispielsweise gab es durch ihn den Streit eines Ehepaares, in dem der Mann online das Rätsel löste, während seine Frau mit Stift und Papier unter Tränen aufgeben musste. Ein Versicherungsmakler trauerte, dass seine „beste Stunde der Woche ruiniert worden sei“. Auch auf Reddit gab es besorgte Fragen.

Wer sein Kreuzworträtsel analog lösen wollte, wie diese Subway-Reisende in New York City, konnte — zumindest in der New York Times — auf eine unlösbare Überraschung stoßen.

(Bild: CC BY-SA 4.0, Wil540 art)

Der Patzer gilt als erster schwerwiegender Fehler dieser Dimension in der Geschichte des New-York-Times-Kreuzworträtsels und dürfte in die Geschichte der Kreuzworträtsel eingehen. Ursprünglich lehnte man Kreuzworträtsel im Blatt ab und schrieb sogar von einer „primitiven Form der geistigen Übungen“. Glaubt man dem Artikel, der vom NYT Magazine zum 50. Geburtstag des Rätsels veröffentlicht wurde, so änderte sich der Standpunkt 1941 nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour. Ein Journalist schlug die Einführung des Kreuzworträtsels vor, damit die Leser sich bei einem Angriff im Luftschutzkeller beschäftigen konnten.

Für die bald populären Rätseleien zeichnete die Journalistin Margaret Farrar verantwortlich, die unter dem Pseudonym Anna Gram auftrat und bereits mehrere Rätselbücher veröffentlichte. Das erste NYT-Rätsel kam gut an. Bis 1969 leitete Farrar die „Rätselecke“ und etablierte dabei eine ganze Reihe von Regeln. Die auf Farrar folgenden Redakteure Will Weng und Eugene Maleska haben das Regelwerk erweitert, damit fremdsprachliche Begriffe (Französisch, Spanisch Latein) oder Redensarten geraten werden können. Eine Besonderheit der NYT-Rätsel sind Gitterkasten, in denen zwei Buchstaben oder Symbole stehen können, etwa ph für Triumph und Sophokles in einem Rätsel, das die ph-Werte zum Thema hat.

Für den aktuellen NYT-Redakteur Will Shortz konstruierte David J. Kahn das erste Schrödinger-Rätsel, bei dem mehrere Lösungen möglich sind. Berühmt wurde jedoch das Kreuzworträtsel von Jeremiah Farell, das am 5. November 1996 zur Präsidentschaftswahl erschien und bei dem die beiden Kandidaten Bob Dole und (Bill) Clinton als Lösung möglich waren. Auf dieses Rätsel reagierte wiederum David Kahn im Jahre 2009 mit dem Rätsel Making History zum Wahlsieg von Barack Obama, in dem alle US-Bundesstaaten zu raten waren, die von Obama gewonnen wurden.

Während vom amtierenden Präsidenten Donald Trump bekannt ist, dass er Kreuzworträtsel nicht mag, gibt es mit Bill Clinton jemanden, der ein ausgesprochener Fan der NYT-Rätsel ist. Auf seinen Flügen mit der Air Force One waren immer Rätsel mit von der Partie, die ihm erlaubten, abzuschalten. In den Jahren 2007 und 2017 verfasste er jeweils mit professioneller Hilfe eigene Rätsel für die New York Times.

Der Patzer mit dem Sonntagsrätsel war vielleicht der schwerwiegendste, aber nicht der erste Fehler, den sich die renommierte Zeitung leistete. Als Beispiel sei ein Rätsel im Jahr 2016 erwähnt, in dem man den Geburts- und den Sterbeort des US-amerikanischen Literaturidols Mark Twain verwechselte, ohne dass dies der Redakteur, der Korrektor und die damalige Rätseltesterin bemerkten

Aufgrund eines Upgrades des Redaktionssystems erschien die Kolumne heute bereits um 13:05 Uhr.

(mawi)