80 Jahre Vespa: Von der Notlösung eines Flugzeugingenieurs zum Kulturgut
Vespa gehört zu den bekanntesten Marken, der Name ruft jedem sofort das Bild des liebenswerten Rollers vor Augen. Die italienische Ikone wird 80.
Vespa 98
(Bild: Piaggio)
- Ingo Gach
Fast vergessen ist heute, dass die Marke Vespa ihren Ursprung im Flugzeugbau hat, obwohl dieser bis heute unter dem Namen Piaggio Aerospace weiterbesteht. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber waren die Fabriken zerstört, und Piaggio musste sich nach einer neuen Einkommenswelle umsehen. In Italien wurden günstige Transportmittel gebraucht und so beauftragte Firmenboss Enrico Piaggio den Flugzeugingenieur Corradino d’Ascanio, ein motorisiertes Zweirad zu entwerfen.
Keine Lust auf Motorrad
D’Ascanio war kein Motorrad-Fan, er fand sie unbequem, unhandlich und außerdem machte man sich an der Kette schmutzig. Deshalb verfolgte er einen anderen Ansatz, mit einem komfortablen Sitz und einem bequemen Durchstieg. Auf dem Bodenblech konnte der Fahrer die Füße abstellen, ein Beinschild diente zum Schutz vor Regen und Dreck. Die ganze Struktur dachte d’Ascanio als selbsttragende Stahlblechkarosserie, kapselte den gebläsegekühlten Einzylinder-Zweitakter dort hinein und verlegte die Gangschaltung an den Lenker. Die damals noch häufigen Reifenpannen verloren ihren Schrecken, weil die beiden untereinander austauschbaren Räder ganz einfach seitlich von ihrer Nabe abnehmbar waren, wie es auch beim Auto der Fall ist. Das bedingte eine Vorderradaufhängung an einer geschobenen, seitlichen Schwinge, während die hintere als sogenannte Triebsatzschwinge gleichzeitig Motor, Getriebe und die Räderkaskade für den Hinterradantrieb aufnahm.
80 Jahre Vespa Teil eins (8 Bilder)

Piaggio
)Nur 2000 Stück im Debütjahr
Es gibt zwei Legenden, wie die Vespa – zu Deutsch: Wespe – zu ihrem Namen gekommen sein soll, beide sind sich jedoch einig, dass Enrico Piaggio persönlich ihr ihn verliehen habe. Als er den fertigen Roller in seinem Werk in Pontedera begutachtete, habe er beim ersten Anblick gemeint, sie sehe mit der schmalen Taille zwischen dem breiten Vor- und Hinterbau aus wie eine Wespe. Die andere besagt, er habe ausgerufen, sie höre sich an wie eine Wespe. Am 23. April 1946 meldete Piaggio sie zum Patent an. Die erste Serie der Vespa 98 mit 3,2 PS und 60 km/h Höchstgeschwindigkeit betrug 2000 Einheiten. Man wollte erst einmal sehen, wie das neue zweirädrige Fortbewegungsmittel beim Publikum ankam. Die Vespa erwies sich als Volltreffer, sie war rasch ausverkauft und in den nächsten Jahren explodierten die Verkaufszahlen. 1950 stieg die Zahl auf 60.000 und noch einmal drei Jahre später erreichte die weltweite Produktion 500.000 Vespas, die es ab 1948 auch als 125er mit 5 PS gab. Im Juni 1956 übersprang die Vespa die Eine-Million-Grenze.
Vespas wurden in der halben Welt produziert
Denn sie kam auch im Ausland gut an: Ab 1950 wurde sie in Lizenz in Deutschland von den Hoffmann-Werken gebaut. Bald folgten Großbritannien, Frankreich und Spanien. Vespa zog in den 1950er Jahren Werke unter anderem in Brasilien, Indien, Südafrika, Australien, Iran und China hoch. Doch die Vespa blieb nicht allein: Ab 1948 entstand der dreirädrige Kleintransporter Ape (Biene) auf Basis der Vespa, der zeitweise das Haupttransportmittel in der italienischen Landwirtschaft zu sein schien. 1953 erfuhr die Vespa einen zusätzlichen Schub, als Audrey Hepburn und Gregory Peck in dem erfolgreichen Hollywood-Film „Roman Holidays“ auf ihr durch die Ewige Stadt kurvten.
Stetige Evolution
Es gab eine kontinuierliche Evolution des knuffigen Rollers. 1953 kletterte der runde Scheinwerfer vom Kotflügel nach oben und fand am Lenker der Vespa 125 U seinen Platz. Zwei Jahre später kam die Vespa 15 GS mit einer gepolsterten Zwei-Personen-Sitzbank als Serienausstattung und Vierganggetriebe. Sie hatte 10 Zoll große Räder, leistete 8 PS und erreichte Tempo 100. Auffällig war ihr neues Design, der Motor verschwand jetzt komplett unter runden Blechteilen. 1962 wuchs ihr Hubraum in der Vespa 160 GS leicht.
80 Jahre Vespa Teil zwei (8 Bilder)

Piaggio
)Sportliches Talent
Die Vespa bewies sogar sportliches Talent, 1951 stellte ein vollverkleideter Prototyp der Vespa 125 einen Geschwindigkeitsrekord in seiner Klasse mit 171,102 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auf einem Kilometer auf. Bei den „International 6 Days“ desselben Jahres gewann Vespa in Varese neun Goldmedaillen. Der Franzose Georges Monneret baute 1952 aus einer Vespa ein Amphibienfahrzeug für das Rennen Paris-London und überquerte auf ihr den Ärmelkanal. Die vielleicht härteste Herausforderung meisterten 1980 zwei Vespa P 200 auf der Rallye Paris-Dakar: Beide erreichten das Ziel.
50er ohne Nummernschild
Als Italien Nummernschilder im öffentlichen Straßenverkehr für motorisierte Zweiräder über 50 cm³ Hubraum gesetzlich vorschrieb, reagierte Piaggio mit einem cleveren Schachzug und erschuf 1963 die Vespa 50, liebevoll Vespino (kleine Wespe) genannt. Bis heute sind von ihr über 3,5 Millionen Stück gebaut worden (müssen aber inzwischen ein Kennzeichen tragen). Ab 1977 gab es die Vespa PX, die ein überarbeitetes Design vorwies und die im Laufe der Zeit über drei Millionen Mal verkauft wurde. Es gab die Vespa in verschiedenen Ausstattungen und Hubraumgrößen, doch erst 1996 fand ein Viertaktmotor Einzug mit der Bezeichnung Vespa ET4. 2005 wuchs der Motor auf 250 cm³, hatte vier Ventile, Einspritzung und Wasserkühlung. Drei Jahre später löste die Vespa GTS 300 Super sie als Topmodel ab. 2013 kam die Vespa Primavera auf den Markt und ersetzte LX-Reihe. Seit vergangenem Jahr fährt die Vespa GTS 310 mit 25 PS (Test) als stärkstes Modell vorneweg. Auf der Vespa Primavera Tech Elettrica 70 können sich die Fans sogar elektrisch fortbewegen.
Videos by heise
Jubiläumsfeier in Rom
Heute kann Vespa stolz auf über 20 Millionen produzierte Roller zurückblicken. Pro Jahr werden mehr als 200.000 Vespas gefertigt, Plagiate quälen den Hersteller. Eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Das Jubiläum will die Marke ausgiebig feiern und lädt vom 25. bis 28. Juni zur großen Vespa-Party nach Rom ein, wo zehntausende Vespas aus acht Jahrzehnten erwartet werden.
(fpi)