Der UD-Effekt
Japan setzt wie kein Land auf der Welt auf das so genannte "Universal Design". Denn die Unternehmen wittern angesichts der kommenden Rentnergesellschaft mit einfach bedienbaren Produkten groĂźe Marktpotenziale.
- Martin Kölling
Ich würde mich nicht unbedingt als Markenknecht bezeichnen. Aber durch kleine Neuerungen altbekannter Bedienelemente hat ein Unternehmen gerade die Nutzerfreundlichkeit seiner Produkte und damit meine Bereitschaft, der Marke treu zu bleiben, um einen Quantensprung erhöht. Nein, es ist nicht das iPhone von Apple. Das gibt es in Japan noch nicht und wird es wohl auch auf absehbare Zeit nicht geben.
Es handelt sich um ein japanisches Unternehmen, dessen Name ich verschweigen werde. Nur zwei Produkte seien beschrieben, um Ihnen meine Argumentation näher zu bringen: Da wäre zum einen mein Notebook. Sein Touchpad ist nicht rechteckig, sondern rund. "Was für ein Designer hat sich denn da austoben dürfen?", belächelte ich die Idee zuerst, bis ich das Touchpad selber ausprobierte. Es hat mein Scroll-Erlebnis revolutioniert. Ich muss nicht immer den Zeigefinger an der Seite des Touchpads herunterziehen, absetzen, nach oben gehen und wieder herunterziehen, um durch lange Texte zu scrollen. Durch ein einfaches Kreisen des Fingers brause ich nun selbst lange Pdf-Dateien beschwingt rauf und runter. Ein anderer Anbieter muss mir schon sehr viel mehr bieten, damit ich auf dieses lebenserleichternde Feature verzichte.
Das andere Beispiel ist die Waschmaschine aus dem gleichen (japanischen) Haus. Es handelt sich dabei um den ersten Frontlader mit leicht nach oben geneigter Trommel. Ich muss nicht mehr vor der Maschine in die Knie gehen wie früher in Deutschland, um sie zu be- und entladen. Eine einfache Verbeugung genügt. "Wenn schon ich dankbar bin für diese Idee, wie dankbar werden erst Rollstuhlfahrer und gebrechliche Mütter- und Väterchen sein?", denke ich mir. Inzwischen ist dieser Schräglader-Typus in Japan die Norm unter den Frontladern.
Dass Japaner diese Einfälle umsetzten, ist kein Zufall. Angesichts ihrer rasant alternden Bevölkerung richten sich Wirtschaft und Gemeinschaft mit Volldampf auf die Seniorengesellschaft ein. Bereits im Jahr 2002 haben Japans Großkonzerne die "International Association of Universal Design" gegründet, um die Design-Philosophie des "Universal Design" auszuloten und weltweit zu propagieren. Universal Design geht über reine Ergonomie hinaus. Unter Universal Design verstehen die Japaner Produkte, die von möglichst vielen Menschen, alten wie jungen, behinderten und nichtbehinderten gleichermassen ohne Anpassungen einfach bedient werden können. Denn spezielle Seniorenprodukte floppen oft, weil die Alten sich nicht noch älter fühlen wollen als sie sind. Das Konzept wird sogar als so wichtig angesehen, dass die kaiserlichen Prinz- und Prinzessinnen Tomohito die Schirmherrschaft des Konsortiums inne haben. Und die Mitgliedsliste liest sich wie das "Who is Who" der Japan AG.
Den Begriff UD haben sich nicht die Japaner ausgedacht, sondern Amerikaner wie der Architekt Ronald Mace oder der Designer Marc Harrison. Aber nur die Japaner versuchen inzwischen, flächendeckend ihren Design-Prozess auf dieser Idee aufzubauen. Viele Unternehmen setzen inzwischen schon zu Beginn der Produktentwicklung UD-Designer ein, um ergonomische Sünden im Ansatz zu unterbinden oder das Design zu revolutionieren – wie bei der Waschmaschine. Denn am Ende der Produktentwicklung sind Fehler nur schwer zu reparieren.
Auch im Städtebau investieren Staat und vor allem Verkehrsunternehmen plötzlich (zugegebenermaßen im Vergleich mit europäischen Ländern mit 20 Jahren Verzögerung) massiv, um endlich die Barrieren für Gehbehinderte im öffentlichen Raum zu schleifen. Die großen Erleichterungen sind oft so klein wie bei meinem Touchpad – und sie kosten noch nicht mal viel. Zum Beispiel hat ein Autohersteller in einem Auto ein leicht ovales Lenkrad verbaut, das Dicken durch mehr Beinfreiheit das Ein- und Aussteigen, und kleinen Menschen die Ausschau über das Steuer erleichtert. Milch-Tetrapaks sind in Japan oben auf der Naht gegenüber der herauszudrückenden Tülle mit einer kleinen Einkerbung versehen. So können auch Blinde die Tüten leicht öffnen. Und einige Firmen sind zudem dazu übergegangen, die Einschaltknöpfe von Haushaltsgeräten mit schwarzer Schrift auf gelbem Hintergrund zu versehen, weil dies der beste Kontrast für Farbenblinde sein soll. (wst)