Die ergänzte Realität auf dem Handy

Von so genannten Augmented Reality-Anwendungen träumen Computerforscher schon lange: Dabei werden Live-Bilder der Umgebung mit aus dem Netz eingespielten Daten ergänzt. Dank fortschrittlicher Smartphone-Plattformen erreicht die Technik nun den Endkunden.

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Die Zombies, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt, kommen in Wellen. Der Spieler des lautmalerisch "ARhrrrr" genannten Augmented Reality (AR)-Games muss sich ganz schön ranhalten, um zu verhindern, dass sie nicht ein ganzes virtuelles Stadtviertel übernehmen – dazu ballert er wie wild mit seinem Handy herum.

Das Spezielle an "ARhrrrr": Der Nutzer schaut in ein Mobilgerät hinein, das ein Live-Videobild einer auf dem Tisch ausgebreiteten Karte zeigt. Die virtuellen 3D-Zombies werden hinzugerechnet, es handelt sich um ein Spiel mit der ergänzten Realität. Bewegt der Nutzer das Gerät, bewegt sich die Darstellung der Zombies und einiger virtueller Gebäude gleich mit. Es wirkt so, als würde man durch eine Brille sehen, die Zusatzinformationen einblendet, Datenrealität und echte Realität verschmelzen ohne jeden Ruckler.

Noch gibt es das Gerät, das die Forscher am "Augmented Environments Lab" (AEL) des Georgia Institute of Technology im amerikanischen Atlanta für ihre schräge wie atemberaubende Demonstration benutzen, nicht auf dem Markt. Es handelt sich um einen Entwicklungsprototypen mit besonders leistungsfähigem mobilen Grafikchip des Herstellers Nvidia. Der will die Tegra genannte 3D-Technik aber baldmöglichst in Endkundenprodukte integrieren lassen, so plant Microsoft den Einbau in einen neuen Medienspieler der Zune-Reihe, der im Herbst erscheint.

Fertige AR-Anwendungen gibt es aber bereits auf anderen Plattformen, so für Googles Handy-Betriebssystem Android. Die Salzburger Firma Mobilizy kombiniert Inhalte der Wikipedia mit Videobildern zu einem "World Browser" – einem Weltenbetrachter. Eine kostenlose Anwendung des Start-ups namens Wikitude ermöglicht es, sein Handy in einer der abgedeckten Städte einfach in die Luft zu halten, um dann etwa in der Nähe liegende Touristenattraktionen mit Hilfe einer kleinen Sprechblase erklärt zu bekommen, die stets auf das Objekt zeigt. Firmenmitbegründer Philipp Breuss zeigt in einem Video, wie das geht: Er steht an einem See 100 Meter von einem Schloss entfernt und lässt sich von Wikitude erläutern, um welches Gebäude es sich handelt.

Ebenfalls für Googles Android entwickelt ist der Wikitude-Konkurrent Layar aus den Niederlanden – hier geht es nicht nur um Wikipedia-Infos, sondern vor allem um praktische Daten wie den nächstgelegenen Geldautomaten oder ein günstiges Hotel.

Für das iPhone, die aktuell populärste Plattform in Sachen Smartphone-Software mit mehr als 60.000 verschiedenen Programmen, befinden sich gleich mehrere AR-Produkte in Entwicklung. Die beeindruckendsten stammen vom britischen Softwarehersteller Acrossair: Die Titel Nearest Tube und New York Nearest Subway ermöglichen es dem Nutzer, die jeweils passenden U-Bahn-Stationen in seiner Nähe zu finden, indem er sein Smartphone einfach auf der Straße nach oben hält. Angezeigt wird dann die ungefähre Laufweite der Stationen, ihr Name, die dort ankommenden Linien und, was am spannendsten ist, gleich ein Zeiger, der auch bei Bewegungen stets in die richtige Richtung deutet.

Bei all den neuen AR-Programmen werden vier Funktionen genutzt, die in immer mehr Handys stecken: Der GPS-Satelliten-Empfang zur Feststellung des metergenauen Standorts, die eingebaute Videokamera samt leistungsfähigem Grafikchip, um das Realbild mit computergenerierten Einblendungen überlagern zu können, Kompass und Bewegungssensor, der die Position des Geräts im Raum feststellt, sowie eine Verbindung ins Internet, um stets frische Daten zu erhalten.

Die inzwischen erhältlich Kombination aus Hardware, Software und schnellem UMTS-Netz verpackt in kompakten Geräten wie iPhone oder Android-Handy ist die Erfüllung eines Traums für die AR-Forschung, die noch vor wenigen Jahren mit Datenrucksäcken unterwegs sein musste. Doch so spannend die nun verfügbaren ersten Anwendungen auch sind, es gibt noch ein großes Problem: Damit die Technik wirklich funktioniert, müssen erst einmal genügend Ortsinformationen "getaggt" im System vorliegen. "Was wir heute sehen, sind deshalb noch Babyschritte", meint Ori Inbar, der sich im Blog Games Alfresco mit AR-Entwicklungen beschäftigt. (bsc)