49-Euro-Ticket: Große Profiteure vor allem in den "Speckgürteln" der Städte

Nach der finalen Einigung auf das "Deutschlandticket" für 49 Euro sind noch viele Fragen offen. Trotzdem gibt es schon viel Lob, aber auch deutliche Kritik.

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(Bild: Timo Nausch/Shutterstock.com)

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Das 49 Euro teure "Deutschlandticket" für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), auf dessen Einführung sich der Bund und die Länder am Mittwoch geeinigt haben, wird wohl nicht im Januar kommen. Der Chef des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen, Oliver Wolff, sagte der Nachrichtenagentur dpa, dass frühestens der 1. März realistisch sei. Mobilitätsexperten kritisieren derweil, dass die Einigung lediglich ein kleiner Schritt in die richtige Richtung sei oder "mehr Schatten als Licht". Am stärksten würden Menschen profitieren, die in den "Speckgürteln" wohnen und weit pendeln. Die würden "eher nicht zu den sozial Benachteiligten" gehören, meint Christian Böttger von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

Mit einem Kompromiss bei der Finanzierung haben sich die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder am Mittwoch mit Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) endgültig auf die Einführung des 49-Euro-Tickets als Nachfolger des 9-Euro-Tickets aus dem Sommer geeinigt. Die Einigung sieht vor, dass sich Bund und Länder die Kosten von insgesamt 3 Milliarden Euro im Jahr teilen. Lob kam vom Interessenverband Allianz pro Schiene, der darin einen "historischen Schritt" auf dem Weg zu einer modernen Verkehrspolitik sieht. Auch bei der Deutschen Bahn meint man, dass "wir damit revolutionieren [...], wie sich die Menschen in Deutschland im Alltag fortbewegen".

Kritik gibt es etwa vom Bundesverband Schienennahverkehr. Der vertritt die Verkehrsverbünde und Verbandspräsident Thomas Prechtl meint, dass mit dem Ticket lediglich "kurzfristig der Druck aus dem Kessel genommen" werde. Schon im kommenden Jahr werde der Streit über die Finanzierung des ÖPNV spätestens neu ausbrechen, die zugesagten Mittel seien "bei Weitem nicht ausreichend". Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) kritisiert laut dpa ebenfalls, dass mit dem Geld das Angebot nicht ausgebaut werden könnte. Der Verkehrsexperte Böttger teilt diese Einschätzung gegenüber dem Science Media Center. Außerdem weist er auf viele Unklarheiten hin.

Bislang gebe es etwa keine Information dazu, ob das Ticket nur im Abo verkauft werden soll. Davon hänge die Nutzung durch Gelegenheitskunden ab, gerade die hätten aber im Sommer maßgeblich zu Überlastungen beigetragen. Der Wirtschaftsingenieur kritisiert weiter, dass der Bund mehr Geld für das Ticket bereitstelle, als für den Ausbau der Infrastruktur. Einmal mehr würden Wähler und Wählerinnen damit nur kurzfristig mit konsumptiven Subventionen erfreut. Besonders stark sinken würden die Preise zudem für Menschen, die weite Wege in Städte pendeln, das sei nicht zielgerichtet. Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ergänzt, dass ein Monatspreis von 29 Euro viel besser gewesen wäre, um mehr Schwung in den Umstieg auf den ÖPNV zu bringen.

Der Verkehrswissenschaftler Jan Schlüter von der Technischen Universität Dresden hält die Einigung dagegen für einen ausgewogenen Kompromiss. Der Preis liege ungefähr in dem Bereich, den man als akzeptabel und attraktiv identifiziert habe. Vor allem die damit verbundene Planungssicherheit könne dazu führen, dass Fahrgäste ihr Mobilitätsverhalten anpassen. Damit könnte der weitere Ausbau zielgenauer gesteuert werden. Insgesamt sieht er einen "wegweisenden Schritt zur vereinfachten, nachhaltigen und sozial gerechten Mobilitätswende".

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Die Verkehrsverbünde haben unterschiedlich auf die Einigung reagiert. Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) etwa nimmt bereits Vorbestellungen für das Ticket an. Erst wenn es eingeführt wurde, werde der Preis abgebucht – "frühestens zum 1. Januar 2023". Überall dürfte aktuell gerechnet werden. In der niedersächsischen Hauptstadt Hannover etwa werden Abonnenten und Abonnentinnen der Jahresabos für den ÖPNV allein durch die Einführung des Deutschlandtickets teils mehrere Hundert Euro sparen. Hinzu kommen die Ersparnisse bei Fahrten in anderen Regionen.

(mho)