Vorspulen verboten

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Vorspulen verboten

Gerade hat das digitale Fernsehen die analoge TV-Übertragung aus den meisten Wohnzimmern verdrängt, schon springen die ersten auf den HD-Zug auf, in dessen Kessel die Industrie massig Kohle wirft. Und tatsächlich spricht vieles dafür, sich dem hochaufgelösten Bilderrausch hinzugeben - zumal heute in den meisten Haushalten eh mindestens ein pixelprotzendes Flat-TV steht.

Angesichts der knackigen HD-Pracht trauert niemand der ollen PAL-Auflösung hinterher, deren Bildpunkte man mit bloßem Auge zählen konnte. Wirklich niemand? Wer sich schon am Smartcard-Zwang beim digitalen Kabelempfang der Privatsender stört, wird in der HD-Welt erst recht sein blaues Wunder erleben: Die Privatsender nutzen die Umstellung aus, um den geneigten Fernsehzuschauer wieder in den Griff zu kriegen - egal ob der will oder nicht. Manch einer wird schwermütig an den guten alten VHS-Recorder zurückdenken.

Timeshift? Maximal 90 Minuten. Sendungen aufnehmen und am nächsten Tag gucken? Nur mit neuen, HD+-zertifizierten Empfangsgeräten. Werbung in Aufnahmen überspringen? Nix da, Vorspulen nicht erlaubt! Auch die Weitergabe der Aufzeichnungen ist nicht vorgesehen. Aus ist’s mit "Ich fahre drei Wochen in den Urlaub, nimm mir mal die Simpsons auf". PC-Nutzer werden kurzerhand ganz ausgesperrt.

Ärger bereitet vor allem die blockierte Vorspulmöglichkeit, zumal die Privaten immer noch keinen zuverlässigen Ersatz für das analoge VPS-Signal senden. Wer HD+ aufnimmt, muss also weiterhin großzügige Vor- und Nachlaufzeiten einplanen. Im schlimmsten Fall muss man bei der Wiedergabe nicht nur unspulbar den letzten Akt der Vorsendung erdulden, sondern auch noch den zugehörigen Werbeblock. Wer Filme im Nachtprogramm aufzeichnet, kann alsbald die Jingles der Sex-Hotlines mitsingen.

HD+ soll der Generation VHS endgültig die Lust am Sammeln und Tauschen nehmen. Die Lust am hochaufgelösten Privatfernsehen ist vielen sowieso schon vergangen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Videokassettenjockeys von einst damit tatsächlich zähmen lassen oder vermehrt auf halblegale Online-Angebote und Receiver-Hacks ausweichen.

Somit liegt es an uns, dem geneigten Fernsehzuschauer, die Lage zu richten. Welches ist das geringere Übel: hochskalierter Bilderbrei auf dem schicken neuen Flachbildfernseher oder dauerndes Zähneknirschen über die Gängelung der Privatsender? Ich komme jedenfalls fürs Erste auch gut ohne privates HD-Futter klar: ARD, ZDF und Arte bieten ja weiterhin volles HD-Programm. Über alle Empfangswege. Auch auf dem PC. Ganz ohne Vorspulverbot. (nij)