Das Roboter-Manifest

Automaten halten Einzug in unser Privatleben. Selbst zum Kuscheln sind sie mittlerweile geeignet, wie ein Blick nach Japan zeigt.

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Von
  • Martin Kölling

"Sind die nicht süß?", quietschen neben mir einige Mädchen. Auch hart gesottene japanische Firmenkrieger werden weich und kraulen die zwei Teddys vor mir. Denn die Stofftiere, die der Elektronikkonzern Fujitsu jüngst als eines der Highlights auf seiner Firmenmesse vorstellte, reagieren herzallerliebst auf ihre menschlichen Gegenüber. Winkt man ihnen zu, winken sie zurück. Kitzelt man sie am Bauch, kichern sie, kitzelt man sie unter den Füßen, brummen oder fauchen sie – je nach Laune. Und einige Wörter reden können die Tiere auch. Der Hit der jetzigen Version ist allerdings, dass die beiden Pelztiere synchron als Vorturner für die Seniorengymnastik dienen.

Als Einsatzgebiete der Robo-Teddys schweben den Entwicklern unter anderem einsame Pensionäre oder autistische Personen vor. Die Automaten sollen zum einen durch die in die Nase eingebaute Kamera, mit der sie Gesichter erkennen und verfolgen können, Pflegepersonal und Angehörigen dazu dienen, Patienten zu überwachen. Zum anderen werden die Geräte zu einer maschinisierten Form der Tiertherapie.

Der hohe "Wie süß!"-Faktor der neuen Fujitsu-Automaten hat mich ein weiteres Mal davon überzeugt, dass Roboter und Robotertechniken immer weiter in unseren Alltag vorstoßen werden. Die nächsten zehn Jahre werden spannend. Hier einige Idee, wie das aussehen könnte: Erst einmal müssen wir anerkennen, dass die Ahnen der Roboter von morgen schon seit gestern eingesetzt werden. Als Waschvollautomaten beispielsweise – oder als Fahrassistenten in Autos. An den Spieltrieb appellierten schon Sonys Aibo-Hunde, bevor der Konzern sie aus Kostengründen einschläferte. Die in den 1980er und 1990er Jahren vorhergesagten Roboter als allseitige Haushaltshilfen haben wir zwar bis heute nicht, aber dafür gibt es den Robotersauger Roomba von iRobot, selbstreinigende Klos japanischer Hersteller und (nun ja) bügelfreie Hemden.

Dann müssen wir sehen, dass die Robotisierung der Haushaltsgeräte spätestens seit vorigem Jahr mit Volldampf in Japan in eine neue Ära eingetreten ist. Klimaanlagen wurden mit Bewegungssensoren versehen, um den Luftstrom zu lenken und sich runterzuschalten, wenn ihre Gebieter länger nicht im Zimmer sind. Smarte Kühlschränke erschließen sich den Lebensrhythmus ihres Haushaltes, um ihre Kühlleistung stromsparend anzupassen. Dieses Jahr werden robotertechnisch aufgerüstete Transporthilfen und Diagnosesysteme für Krankenhäuser eingeführt, der Verkauf von Cyberdynes Roboteranzug HAL beginnt ernsthaft. Und Daimler lässt einige fahrerischen Testroutinen seiner Luxuslimousinen durch Roboterfahrer ausführen.

Der nächste größere Einschnitt erfolgt 2011 auf der Tokyo Motor Show. Japans Hersteller werden mit einer Reihe marktreifer Mobilitätskonzepte zu überraschen versuchen, die auf Robotertechniken basieren. Kleine Ein-Personen-Renner wie Toyotas rasender Sessel ("i-Real") zum Beispiel, der auf Zuruf herbeikommen und beim Ausflug neben anderen Personen herfahren kann. Außerdem: autonome Rollstühle. Damit zeichnet sich ab, was sich Ende des Jahrzehnts bestätigen wird: Aus naheliegenden Gründen wird die Autoindustrie neben Fabriken und Pflegeeinrichtungen zur treibenden Kraft der Roboterisierung. Die Hersteller haben in den vergangenen 20 Jahren schon so viele Sensoren zur Wahrnehmung der Umwelt in Autos eingebaut, dass der Schritt zum wahren Automobil, dem Auto mit Roboterchauffeur, zwangsläufig ist. Außerdem rücken die ersten Roboter in der Industrie aus ihren Käfigen neben den Menschen ans Fließband oder die Werkbank vor. Noch beliebter ist allerdings die Ausstattung von Werkzeugen/Maschinen mit Robotertechniken.

2012 ist der Meilenstein für Partner- und Pflegeroboter. Die Industrie hat sich auf Sicherheitsstandards und versicherungstechnische Regeln für den Einsatz autonomer und halbautonomer Roboter unter Menschen geeinigt. Und prompt kommen die ersten Pflegeroboter in größeren Stückzahlen auf den Markt. Panasonics Roboterbett zum Beispiel, das sich von einem Bett in einen Rollstuhl verwandeln kann und so bettlägerigen Menschen eigenständige Mobilität erlaubt, wird mit unter 10.000 Dollar im Vergleich zu anderen Hightech-Krankenhausbetten gar nicht mal so teuer sein.

Außerdem: Das japanische Forschungsinstitut Riken stellt eine Weiterentwicklung seiner Gedankensteuerung von Rollstühlen vor. Die Fahrer müssen keine Haube mit zahlreichen Kontaktkabeln mehr tragen, eine fesche Baseballkappe mit wenigen Sensoren reicht. Damit eröffnen sich ganz neue Perspektiven für die Mensch-Maschine-Kommunikation. "In fünf Jahren werden wir die Sensoren im Brillenbügel unterbringen können", verspricht ein Forscher.

Bis 2013 dĂĽrfte die Roboterindustrie eine wahre Partnerroboterexplosion erleben. Denn durch jahrelange kollektive Forschung auf offenen Entwicklungsplattformen haben die notwendigen Sensor- und Mapping-Techniken endlich ein kommerzielles Niveau erreicht. Diese Form der simplen Helfer ist beliebt, weil Patienten dann fĂĽr einfache Handreichungen nicht mehr das Pflegepersonal rufen mĂĽssen. Merke: Menschen wollen anderen nicht zur Last fallen.

Als Hitprodukte können sich jedoch zwei eher spielerische Anwendungen herausstellen. Da sind zum einen Stofftiere wie Fujitsus freundliche Roboter, denen für komplexe Aufgaben wie Sprach- und Gesichtserkennung durch die schnurlose Verbindung zum Internet die Rechenpower großer Server zur Verfügung steht. Sie sind besonders beliebt bei Kindern und Senioren als Kommunikations- und Vorleseroboter.

Zum anderen bringen Spielzeughersteller halbautonome Roboter auf den Markt, die sich über die Full-Body-Steuerung von Spielekonsolen steuern lassen. Besonders beliebt in Japan könnten dann Wettkämpfe zwischen 50 Zentimetern hohen Gundam-Robotern werden. Ein (vielleicht koreanischer?) Hersteller könnte das Spektrum zusätzlich mit der Idee erweitern, über das Internet in weit entfernte rollende Roboter zu "schlüpfen", ohne körperlich vor Ort zu sein.

Der Partyhit vielleicht schon 2014: telekontrollierte Roboterhände, die an einer rollbaren Säule angebracht sind. Außerdem möglich: Cyborgs! Roboterprothesen kommen immer mehr in Mode, nachdem Cyberdine nicht nur anschnallbare Exoskelette für Beine und Arme entwickelt hat, sondern auch richtigen Bein- und Handersatz. Die Patienten mögen die Prothesen, da sie auf nichtinvasiver Technik beruhen. Sie können Bewegungsintention ihrer Träger über die Haut ablesen und benötigen daher keinen operativen Eingriff.

Für 2015 sage ich auf der Tokyo Motorshow erste Vorschläge für wahre Automobile voraus – kleine Elektroautos mit Roboterchauffeur. Die Idee ist, sie als einfach abrufbare Taxis im Straßenverkehr einzusetzen. Zwei Methoden sind heute schon im Gespräch: einmal das vollautonome Auto, das ohne menschlichen Fahrer auskommt, zum anderen die halbautonome Droschke, die selbsttätig zum Kunden fährt und sich auf Handbetrieb umschalten lässt. "Ich wäre sehr enttäuscht, wenn wir die ersten Modelle nicht bis Ende des Jahrzehnts auf die Straße brächten", sagt der Chef eines japanischen Autobauers. Damit zeichnet sich eine Revolution der Autogesellschaft ab. Immer weniger Menschen werden noch Autos selbst besitzen, weil sie individuelle Automobilität immer und überall parat haben. (bsc)