Reis essen gegen Niesreiz
Japanische Forscher wollen mit neuentwickelten Lebensmitteln dem Heuschnupfen zu Leibe rĂĽcken.
- Martin Kölling
Seit mich immer stärker die japanische Zedernpollenallergie plagt, verfolge ich aus Eigeninteresse die Nachrichten zu Gegenmaßnahmen mit erhöhter Aufmerksamkeit. Kürzlich stolperte ich über einige interessante Ansätze für perfekt in den Alltag integrierten Anti-Nies-Maßnahmen, die nicht die Einnahme von Medizin, Injektionen oder sonstige Zumutungen zur Hyposensibilisierung erfordern.
Am meisten begeistert mich der Papierhersteller Nippon Paper. Dessen Forscher kamen auf die Idee, das Heuschnupfenallergen in transgenen Reis einzuschmuggeln. Mit einer Schale Reis pro Tag sollen sich die 20 Millionen Heuschnupfler Japans ihren Niesreiz quasi beim Mittagessen heilen können. In etwas anderer Zusammensetzung soll man sich mit dem Reis sogar Bluthochdruck und Diabetes wegschlemmen. Allzu schnell, den Göttern sei's geklagt, wird der Genreis allerdings nicht auf Japans Feldern ausgesät werden. Denn genetisch modifizierte Lebensmittel sind hier noch ein Tabu. Erst in fünf bis zehn Jahren rechnen Forscher des Papierherstellers damit, ihr Produkt durch klinische Versuche zu bringen.
Zum Glück gibt es ja noch andere Erfinder wie das biotechnische Unternehmen Protec. In der Abgeschiedenheit der dortigen Berge haben sie das Zedernpollen-Antigen mit Guargummi umgeben, einem aus Hülsenfrüchten gewonnenen Polysaccharid.. Mit der Gummierung wollen sie eine lästige – weil unter Umständen tödliche – Nebenwirkung bei zu hoher Dosierung einer bereits 40 Jahre alten Heuschnupfen-Kur ausgeschaltet haben: den anaphylaktischen Schock.
Ein anderer Start-up mit dem programmatischen Namen Regimmune will dagegen selbst das Gummi überflüssig machen, indem es die Antigene gleich gänzlich gentechnisch herstellt. Dadurch versprechen sich die Entwickler, die Struktur des natürlichen Pollens zu zerstören und damit auch das Risiko eines allergischen Schocks bei der Einnahme des Antigens zu verringern.
Etwas früher (und vielleicht künftig auch in Europa erhältlich) sollen Allergie-hemmende Kontaktlinsen sein. Der japanische Hersteller Senju Pharmaceutical hat Sehhilfen entwickelt, die über 24 Stunden Cromoglicinsäure abgeben und so die Histaminfreisetzung hemmen sollen.
An die Wurzel des Übels könnte allerdings ausgerechnet jemand greifen, dem ich es am allerwenigsten zugetraut hätte: die japanische Regierung. Sie wird dabei allerdings nicht von Erleuchtung, sondern wirtschaftspolitischen Erwägungen getrieben. Die Regierung überlegt, im riesigen privaten Einfamilienhausbau (800.000, in Worten achthunderttausend Wohneinheiten pro Jahr) die Verwendung japanischer Hölzer zu fördern, um die lokalen Volkswirtschaften anzukurbeln.
Damit hätten die Förster wieder einen ökonomischen Anreiz, Axt und Kettensägen an die in den 50er und 60er Jahren angepflanzten Industriewälder aus Zedern und Kiefern zu legen, die als Quelle der Allergieepidemie gelten. Denn nach dem die heimische Forstindustrie durch den Siegeszug von Importhölzern zusammengebrochen war, konnten die Wälder ungehindert von Kahlschlag altern. Die für Industriewälder vergleichsweise betagten Bäume sehen zwar ganz nett aus, aber sie sind auch massive Pollenschleudern. Ich habe noch nie so sehr auf einen Erfolg der japanischen Forstpolitik gehofft wie jetzt. Hatschi, Gesundheit.
(bsc)