Fahrlässige Verschmutzung
Das Öl-Desaster vor der US-Küste entlarvt eklatante Sicherheitsmängel bei Tiefseebohrungen und verheerende Verantwortungslosigkeit bei den Ölplattform-Ingenieuren und den Zulassungsbehörden.
- Veronika Szentpetery
Das Öl-Desaster vor der US-Küste entlarvt eklatante Sicherheitsmängel bei Tiefseebohrungen und verheerende Verantwortungslosigkeit bei den Ölplattform-Ingenieuren und den Zulassungsbehörden.
Wie ernst die Lage im Golf von Mexiko ist, wo aus einem geborstenen Förderrohr der gesunkenen Bohrinsel "Deepwater Horizon" täglich mehrere Hunderttausend Liter Rohöl ins Meer sprudeln, kann man nun auch auf der Webseite der Plattform erfahren. Die für das Krisen-management zuständigen Ingenieure von BP und vom Plattformbetreiber Transocean waren nach mehreren missglückten Abdichtungsversuchen so ratlos, dass sie unter der Internet-Adresse www.deepwaterhorizonresponse.com auch schon die Bevölkerung um Lösungsvorschläge baten. Erst vier Wochen nach der Explosion gelang es den Ingenieuren unlängst, ein Absaugrohr in das abgerissene Förderrohr einzuführen und mit dem Abpumpen eines Teils des Öls zu beginnen – wenigstens das.
Wieder hat sich gezeigt, dass die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik aus den vorangegangenen Tanker-unglücken à la Exxon Valdez sowie den Zwischenfällen auf Ölplattformen nichts, aber auch gar nichts gelernt haben. Aber der Reihe nach.
Die Ursache der Explosion war ein sogenannter "Blowout", bei dem große Mengen an Öl und Gas unkontrolliert durch das Förderrohr nach oben schossen. Eigentlich hätte ein sogenannter "Blowout Preventer" (Bohrlochschieber, Abk. BOP) das Rohr direkt an der Quelle verschließen und ein weiteres Austreten des Öls verhindern müssen. Der BOP der Deepwater Horizon besteht aus mehreren, zusammen etwa 400 Tonnen schweren hydraulischen Rammen, die das Bohrloch kurz über dem Meeresboden überspannen. Im Notfall wird per Hydraulik der Bohrlochschieber so weit vorgetrieben, dass er das Förderrohr abklemmt. Doch diese Sicherheitsvorrichtung hat an jenem Apriltag versagt.
Mittlerweile hat ein Untersuchungsausschuss der US-Regierung eine haarsträubende Liste mit Defekten an dem BOP-Koloss zutage gefördert: Im Kontrollpult saß demnach eine leere Batterie, die Hydraulik leckte, und der Verschlussmechanismus war zu schwach dimensioniert, um dem einwirkenden Druck standzuhalten. Noch fassungsloser macht die Liste der massiven Fehlentscheidungen, die – nur wenige Stun- den vor der Explosion – nach einem fehlgeschlagenen Sicherheitstest getroffen wurden. Die Losung lautete: Weiter-machen um jeden Preis, damit keine Umsatzeinbußen entstehen.
Es ist schon entlarvend, dass den Ingenieuren nach dem Versagen des BOP nur noch vorsintflutliche Techniken als "Plan B" einfallen: Etwa der, mit Hochdruck Müll wie geschredderte Altreifen und Golfbälle in die Quelle zu pumpen, um sie vorerst zu verstopfen.
Das Ganze ist umso skandalöser, als bereits seit Längerem warnende Stimmen aus Forschung und Industrie der Ölbranche vorwerfen, sich zu sehr auf dieses eine Stück Technik als wichtigste Verteidigungslinie gegen eine Ölpest zu verlassen, die noch nicht einmal an die besonderen Bedingungen der Tiefseeförderung angepasst wurde.
Die US-Ingenieurfirma URS Corporation kam bereits 2002 in einer Studie zu dem Schluss, dass "Technologien, wie man sie aus flachen Gewässern kennt, bei Wassertiefen über 1000 Meter nicht mehr ausreichen". 2005 sekundierten Forscher von der Texas A&M University, dass für Tiefseebohrungen neue Blowout-Kontrollmechanismen entwickelt werden müssten.
US-Präsident Barack Obama hat folgerichtig Konsequenzen gezogen und die Überprüfung der vor der US-Küste verwendeten Bohrtechnologie ange- ordnet. Bevor diese Ergebnisse nicht vorliegen, sollen keine neuen Ölförder- Projekte zugelassen werden. Bei dem Gutachten dürften die BOPs eine zentrale Rolle spielen. Auch bei der bislang in der Beurteilung von Sicherheitsfragen extrem lax agierenden US-Behörde für Schürfrechte gab es erste Konsequenzen: Die für Sicherheits- und Umweltfragen zuständige Abteilung wurde von den anderen Bereichen abgekoppelt, um Interessenkonflikte und Gefälligkeitsgutachten auszuschließen. Und endlich bemüht sich die US-Regierung, die Beschränkung der Schadenshaftung im Katastrophenfall von 75 Millionen Dollar auszuweiten – sogar rückwirkend. Im Gespräch sind zehn Milliarden Dollar.
Die Bedeutung dieses Unglücks geht aber weit über die katastrophalen Schäden hinaus, die diese Ölpest nun anrichtet. Sie stellt die Sicherheit der gesamten Tiefsee-Ölförderung infrage. Nicht nur die Plattformen im Golf von Mexiko, auch die vor Brasilien und der Küste von Afrika gehören auf den Prüfstand. Nicht nur die Schäden an der US-Küste müssen ausgeglichen werden – die Verursacher müssen auch die ökologische Belastung der offenen See in Rechnung gestellt bekommen.
Doch offenbar gilt auch in diesem Fall wieder die simple ökonomische Logik, nach der Sicherheit sich für die Ölgesellschaften erst dann lohnt, wenn der Schaden bei einem Unfall kostspieliger ist als die Vorsorge dagegen. Was deshalb dringend nötig wäre: Die Ölbranche muss verpflichtet werden, substanzielle Rücklagen für solche Unfälle zu bilden. Darüber hinaus sollte sie ihren Kunden transparent machen müssen, wenn sie diese Kosten auf die Verbraucher umlegt.
Auf diese Weise würde Industrie wie Autofahrern klar, dass ihr Ölbedarf die Fördergesellschaften zu einer Verantwortung zwingt, an der sie – zumindest finanziell – mittragen. (bsc)