Auf die Lunge
Aschenbecher werden entfernt, Räucherräume geschlossen: Japan drängt am Weltnichtrauchertag die verbliebenen Raucher mit harten Maßnahmen weiter in die Defensive.
- Martin Kölling
Vorbemerkung: Diesen Text schreibe ich ohne Mitleid, aber auch ohne Häme für Raucher. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Tabak ein Genussmittel ist, wenn auch leider ein süchtig machendes. Ich bin jetzt seit fast 20 Jahren clean. Ich erinnere mich noch, wie ich im Spätsommer 1990 in einem südfranzösischen Dorf an einem kleinen See saß und meine letzte Zigarette rauchte – mit Genuss und der Überzeugung, dass dies für lange Zeit meine letzte Zigarette sein würde. Mit dieser Erinnerung an den letzten Nikotinrausch habe ich mir in meinem Herzen immer eine Toleranz für Raucher bewahrt und bin nicht zum dogmatischen Nichtraucher mutiert.
Rauchverbot in Gebäuden und in Restaurants finde ich gut. Werbeverbote unterstütze ich, fordere sie allerdings erst recht für Alkohol, den ich für sozial weitaus disruptiver halte. Auch Gehwege grundsätzlich zur rauchfreien Zone zu erklären, wie es hier in Japan vielerorts schon seit Jahren praktiziert wird, finde ich okay.
Doch bei aller Rauchereinschränkung gefiel mir auch der japanische Pragmatismus, kleine Suchtfreiräume zu schaffen: In dem 20-stöckigen Hochhaus, in dem der "Foreign Correspondent's Club of Japan" untergebracht ist, in dem ich also oft arbeite, befindet sich beispielsweise im ersten Kellergeschoss ein Raucherraum. Viele Restaurants haben, wenn sie das Rauchen überhaupt gestatten, auch Glaszellen für Raucher eingerichtet.
Eine Zeit lang herrschte sogar im Freien friedliche Koexistenz zwischen Rauchern und Nichtrauchern. So waren zum Beispiel auf Bahnhöfen der S-Bahn zumeist am Ende des Bahnsteigs Raucherzonen markiert. Das finde ich völlig ausreichend. Denn zwischenzeitlich als Nichtraucher einen Hauch Rauch zu riechen ist höchst tolerabel. (Zumal dieser – anders als hartes Passivrauchen in geschlossenen Räumen – nicht karzinogen sein dürfte.) Doch die Nichtrauchermanie hat die amtlich genehmigten Raucherrefugien hierzulande bereits seit Jahren ausgedünnt. Und am Montag wurden landesweit wahrscheinlich weitere Hunderte oder gar Tausende Aschenbecher abgeräumt.
Einige Städte sind sogar zu einer Beschämungsstrategie übergegangen: Sie lösten in ihren Amtsgebäuden die Raucherräume auf und verbannen die verbeamteten Raucher nach draußen in eine Gebäudeecke, wo sie sozusagen vor den Bürgern am Pranger stehen. In den Hauptnachrichten des öffentlich-nachrichtlichen Senders NHK durften sich am Montag dann auch einige Japaner politisch korrekt über die rauchenden Zeitverschwender aufregen. Andernorts wurden Passanten unter den Augen der Kameras angeboten, ihren Speichel auf Teer prüfen zu lassen. Die nichtrauchende Frau eines Rauchers schwenkte hernach das gelblich eingefärbte Papierstreifchen in die Kamera und schwor dem Volk mit gebührlicher Entrüstung: "Das werde ich meinem Mann zeigen."
Doch wie es sich für dieses manchmal quasi-sozialistische Land gehört, zeigte NHK den Missetätern auch ein Weg zurück in die Gesellschaft auf. Einige Kommunen spendieren Ausstiegswilligen zur Erhöhung der Erfolgsrate bis zu sechs Besuche bei einem Facharzt. Ein adretter Beamter, dem man seine selbstzerstörerische Sucht noch nicht ansah, gab sich telegen zerknirscht. Nach dem Motto: Ich schäme mich dafür, dass ich es bisher nicht geschafft habe. Aber mit diesem Angebot will ich es noch mal versuchen, versprochen!
Bei dem um sich greifenden Dogmatismus freue ich mich sogar ein bisschen über den Beginn einer zarten Gegenbewegung. Ich habe am Montag entdeckt, dass in Tokio inzwischen die Zigarettenhersteller selbst dazu übergehen, kleine Rauchersalons anzulegen. Dort können sie sich die Raucher frei von missbilligenden Blicken in gemütlicher Atmosphäre ihrer Sucht hingeben. (bsc)