Sex, Technik und Steve Jobs

Nutzt eine Firma wie Apple ihre Marktmacht, um uns moralisch zu bevormunden? Der wiederkehrende Zyklus von unsittlicher Innovationsfreude und moralischen Waschgängen hat eine lange Geschichte.

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Von
  • Peter Glaser

Steve Jobs, so hört man, zensuriere neuerdings und wolle ein schweinkramfreifreies Internet erzwingen. Wir wollen zu der Frage einen kleinen Spaziergang durch die Geschichte von Technik und Sex machen. Von Höhlenwänden bis zu Computern war Sex meist die erste Anwendung für ein neues Medium. Steinzeitkünstler schufen vor mehr als 12.000 Jahren in der Höhle von La Magdaleine in Frankreich Werke wie jene Ritzzeichnung, die Archäologen "die nackte Frau" nennen. Die erste Darstellung eines Liebesakts ist an einem schützenden Felsüberhang bei Laussel eingraviert. In einem in Keilschrift verfassten Liebeslied instruiert eine sumerische Braut ihren Gatten, wie er seine Hand auf eine "gute Stelle" legen solle.

Selbst das Wort "Technik" entstammt einem Seitensprung. In der griechischen Sage von Ares und Aphrodite schmiedet Aphrodites Mann, der hinkende Schmied Hephaistos, ein Netz aus feinsten Ketten über dem Ehebett, in dem sich Ares und die untreue Gattin verfangen. Die Geschicklichkeit des Hephaistos bezeichnet Homer an dieser Stelle mit dem Begriff "Téchne".

Als Gutenbergs Druckerpresse im späten 15. Jahrhundert das geschriebene Wort zu den Massen brachte, entdeckten die Drucker schnell, dass die Massen mehr wollten als Bibeln. Ein Buch mit gewagten Gravuren, 1524 veröffentlicht und vom Papst verboten, inspirierte den Italiener Aretino zu einer Sammlung von erotischen Sonetten – die ersten moderne Pornos. Literaturwissenschaftler wissen, dass diese frühen Freizügigkeiten die Entwicklung von Techniken förderten, die schließlich zum Roman führten – Dialoge, szenische Einstellungen, die Briefform.

Auch einige der ersten Daguerreotypien waren unsittlicher Natur. Bereits um 1870 gab es die ersten Serien von erotischen Stereophotographien; hundert Jahre später fand die Tradition ihre Fortsetzung in ferkeligen Hologrammen. Einer der allerersten Filme, produziert von Thomas Edison, war ein Stück sinnlicher Realismus genannt "Der Kuss". In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wurde das Callgirl erfunden, eine Pionierleistung auf dem Gebiet des Teleshopping: Bestellannahme, Zustellung und Produkt in einer Hand. Anfang der 80er Jahre wurde der US-Telefonmarkt dereguliert, in der Folge wurde Telefonsex zu einem Riesengeschäft. 1991 wurden "obszöne Telefongespräche in kommerzieller Absicht" in den USA untersagt – allerdings nur für Inlandsgespräche. In der Folge stieg das jährliche Ferngesprächsaufkommen etwa in den afrikanischen Kleinstaat São Tomé von 40.000 auf 13 Millionen Minuten.

Sex spielte bei der Verbreitung des Videorekorders eine Schlüsselrolle. Ende der 70er Jahre, als erst ein Prozent der US-Haushalte über Videorekorder verfügte und die großen Filmstudios kein Interesse an der neuen Technik zeigten, waren mehr als 75 Prozent der verkauften Videokassetten erotischen Inhalts. Natürlich war die Porno-Industrie auch im Netz von Anfang an innovativ tätig und sorgte für die Verbreitung von Anonymisierung, Datenkompressionsverfahren und diskreten Zahlungsverfahren.

Bereits 1951 nannte Marshall McLuhan "die Durchdringung von Sex und Technologie" einen der "eigentümlichsten Grundzüge unserer Welt." Diese absurde Verbindung entspringe einer wilden Begierde, "einerseits die Sphäre des Sex durch maschinelle Technik zu erforschen und erweitern, und andererseits Maschinen in einer sexuell befriedigenden Weise zu besitzen".

Und wie immer, wenn Sex die Möglichkeiten eines neuen Mediums sondiert und eröffnet hat, erfolgt nach einer Weile die Bereinigung. Der Markt wird freigemacht für den Mainstream, saubere Unterhaltung für die ganze Familie. Früher hätte Steve Jobs sich wohl auch auf Frivolitäten eingelassen. Der Fotograf Tom Zito erzählt von einem Abendessen im September 1985 mit seiner Frau Laura Bachko und Steve Jobs, bei dem das Gespräch auf Bo Derek kam, Schauspielerin, Sexsymbol – und, für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich, eine intensive Computernutzerin.

Zitos Frau war Lektorin und kannte Derek von einem Buchprojekt. Dass Bo Derek einen IBM-PC benutzte, empfand Jobs als persönliche Herausforderung. Er würde sie zu einem Mac bekehren. Jobs überredete Zitos Frau, eine Verabredung mit Bo Derek einzufädeln. Ein paar Tage später machte er sich mit einem Mac in seinem Mercedes auf zu der Farm in Santa Barbara, die Bo Derek mit ihrem Mann John bewohnte. Sie war freundlich, aber unbeeindruckt, ließ sich den Mac schenken, blieb aber bei ihrem PC. Offenbar fand sie Jobs auch nicht so umwerfend, wie er gehofft hatte. Er erzählte Laura Bachko von dem begrenzten Eindruck, den er hinterlassen hatte. "Sieh mal", sagte Zitos Frau. "Sie ist verheiratet. Außerdem kann ich mir keine Frau vorstellen, die gern Bo Jobs heißen möchte."

Die auf der Anekdotensammlung Folklore.org veröffentlichte Geschichte kann man auf jedem iPad nachlesen, unzensiert. Im Browser. Was sagte neulich ein weiser Mann auf Twitter? Schreibt eure Software für den Browser, nicht für den App Store. Dass es in Disneyland in den Souvenirshops keine Sexhefte gibt, ist keine Zensur. Übrigens ist Steve Jobs nicht nur CEO von Apple. Als vormaliger Geschäftsführer der Pixar Animation Studios ist er nach einer Fusion inzwischen größter Einzelaktionär der Walt Disney Company. (bsc)