Die neue Offenheit
Könnte es sein, dass Mark Zuckerberg recht hat? Und könnte es sein, dass die Millionen-Facebook-Nutzer viel schlauer sind, als all jene glauben, die um die Erosion der Privacy fürchten?
- Niels Boeing
Es ist schon beeindruckend, wie Facebook es geschafft hat, zum neuen Anwärter auf den Titel "Most evil of the Internet" zu werden. Immer wieder warten die Betreiber des 400-Millionen-Clubs mit kreativen Datenverknüpfungen auf, die manch einer arglos zulässt, die dann aber erstmal irreversibel sind – so zuletzt bei der Datensynchronisierung zwischen iPhone und Facebook, von der Spiegel online berichtet.
Auch die Privacy-Einstellungen waren bislang nicht nur offenherzig, sondern auch so intuitiv verständlich wie eine aus dem chinesischen übersetzte Bedienungsanleitung für ein Elektronikgerät – wenn man sie überhaupt fand.
Seit ein paar Tagen sind sie zumindest überschaubar und kommen erstmals mit einer Empfehlung daher, welche Elemente eines Profils man für wen freischalten sollte. Dennoch sind die Default-Einstellungen alles in allem immer noch von der Zuckerberg'schen Vorstellung von Privacy geprägt. Die Gardinen sind jetzt ein kleines bisschen zugezogen, aber es bleibt immer noch genug Raum für die Web-Öffentlichkeit, hineinzuspähen (einmal abgesehen von Profiling-Algorithmen der Facebook-Server).
Der undurchsichtige Mark Zuckerberg hat Facebooks Umgang mit Nutzerdaten damit gerechtfertigt, dass sich die Einstellung zum Datenschutz in den vergangenen Jahren gewandelt habe. Diese Position hat er vergangene Woche noch einmal, wenn auch etwas vorsichtiger, in der Washington Post wiederholt: "Je mehr die Menschen teilen, desto offener und verbundener wird die Welt. Und eine Welt, die offener und verbundener ist, ist eine bessere Welt", schrieb er.
Offenbar halten das nur wenige Facebook-Nutzer fĂĽr hohle Rhetorik: Am "Quit Facebook Day" vor drei Tagen verabschiedeten sich schlappe 0,09 Promille der Nutzer aus Netzwerk. Facebook, so scheint es, bleibt bis auf weiteres eine Massenbewegung der "neuen Offenheit".
Dass Zuckerberg – und seine Berater – die Stimmung nicht ganz falsch einschätzen, dafür sprechen neue Dienste wie Blippy, Swipely, Foursquare und zum Teil auch Twitter. Man zeigt allen haarklein, was man gekauft hat, wo man gerade ist, was man auf dem Klo denkt. Blippy und Swipely etwa sind genau die Art von Dienst, den Facebook 2007 mit Beacon einführte, aber nach einem Sturm der Entrüstung zurückziehen musste, wie die New York Times kürzlich treffend bemerkte. Aber zwei Jahre sind im Web bekanntlich eine Ewigkeit.
Andererseits sind gerade die jüngeren Webnutzer nicht so ignorant, wie viele Facebook-Skeptiker (zu denen ich auch gehöre) immer denken. Kate Raynes-Goldie hat im Januar in First Monday eine Untersuchung veröffentlicht, wie Twentysomethings mit Fragen der Privatsphäre in Facebook umgehen. Ein Jahr lang verfolgte sie eine Gruppe von Facebook-Nutzern in Toronto. Ihr Ergebnis: Privacy spielt für diese sehr wohl eine Rolle – nur ist es nicht die Vorstellung von Privatsphäre, die seit Volkszählungstagen die Datenschutz-Debatte prägt.
"Ihre Bedenken drehen sich um etwas, was ich soziale Privacy nenne, im Unterschied zu einer herkömmlichen institutionellen Privacy." Ihnen geht es darum, die Kontrolle über den Informationsfluss im Netzwerk zu managen, und nicht, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wer hinter dem Netzwerk steht. Zu diesem Privacy-Management zählt Raynes-Goldie Phantasie-Namen für Accounts ("Alias") ebenso wie das wöchentliche Säubern der Pinnwand von Nachrichten ("Wall Cleaning") und der Verschlagwortungen von Bildern. Dass das einfacher ginge, wenn Facebook feinkörnige Privacy-Einstellungen hätte, ist dabei eine andere Sache.
Was bedeutet diese neue Offenheit, die sich mit einem Bewusstsein für das Management sozialer Online-Beziehungen paart? Ich sehe zwei Deutungsmöglichkeiten.
Negativ betrachtet: Die neue Offenheit passt exakt zum Trend, sich als Individuum zu vermarkten – wozu auch der Superstar-Kult gehört –, während den Indidividuen gleichzeitig der Blick für größere Zusammenhänge abhanden kommt. Es ist eine negative Indidivualisierung im neuen "biopolitischen" Kapitalismus (um einen häufig von Foucault übernommenen Begriff zu benutzen). Das Ende ist nah.
Positiv betrachtet: Die neue Offenheit ist eine Strategie, sich über Konventionen hinwegzusetzen (auch solche der herkömmlichen Privacy-Idee) und kollektiv die Öffentlichkeit mit Informationen zuzumüllen – auf dass sich potenzielle Überwacher keinen Reim auf die Leute machen können, die sie beobachten. Positiv wäre das dann, wenn die Verfechter der neuen Offenheit auch so konsequent sind, einem etwaigen Arbeitgeber, dem irgendwelche Facebook-Details nicht gefallen, eine lange Nase zu zeigen und zu sagen: "dein Problem" – und weiter zu ziehen und ihr eigenes Ding zu machen. Eine neue Zeit fängt an.
Ob die positive Deutung stimmt, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Ich möchte nicht verhehlen, dass ich die negative Deutung vorerst plausibler finde.
Vielleicht ist die ganze Aufregung aber auch ĂĽberflĂĽssig: In Holland hat man immer schon auf Gardinen verzichtet.
(nbo)