Von RTFM und seinen Alternativen
Hardware und Software sind dann gut, wenn sie sich verstehen lassen, während man sie benutzt - und nicht, wenn man damit vielleicht zum Mars fliegen kann.
- Peter Glaser
Die französische Spieleschmiede Ubisoft wird in Zukunft darauf verzichten, ihren Spielen Anleitungen aus Papier beizulegen. Die sollen stattdessen in digitaler Form in die Spiele integriert werden. Man verkauft den Schachzug als Initiative für umweltfreundliche Verpackungen.
Ich meine, wer liest schon Anleitungen? Das Problem mit der modernen Technik ist, dass sie uns mit einem verwickelten Gefüge aus Optionen und Eigenarten entgegentritt. Es gibt zwei Möglichkeiten, das in den Griff zu bekommen. Die eine: Man liest die Bedienungsanleitung. Manche Hersteller sind dabei so sehr um Unmissverständlichkeit bemüht, dass die Beschreibungen fast unlesbar sind. Oder man hat es mit einer modernen Version von Amtsdeutsch zu tun.
Das Prinzip dabei ist, keinesfalls die allgemein gängigen Bezeichnungen für Dinge oder Sachverhalte zu verwenden, sondern sperrige, sonderbare Begriffe einzuführen. Für die Deutsche Bundespost selig beispielsweise war das, was jeder Mensch eine Telefonzelle nannte, ein Öffentlicher Münzfernsprecher. Und erinnert sich vielleicht noch jemand daran, seit wann das Telefonbuch still und überraschend auch auf seinem gelben Umschlag plötzlich "Telefonbuch" hieß und nicht mehr "Fernsprechverzeichnis"? (Seit den frühen 80er Jahren. Übrigens führt die Google-Suche nach dem Wort ordnungsgemäß zum Telefonbuch.)
Eine zeitgemäße Fortführung fand das Amtsdeutsch in den Bedienungsanleitungen von Technologieunternehmen wie Siemens oder Microsoft. Wobei bereits in der frühen PC-Ära die Hersteller von Mikrocomputern verschiedentlich daran gescheitert waren, die wunderbaren Fertigkeiten ihrer Maschinen auch an die Käufer weiterzuvermitteln. Der Versuch, einen Drucker an meinen C-64 – das Trichtergrammophon unter den Kleincomputern – anzuschließen, führte anno 1984 erst einmal zum Erwerb eines mysteriösen Zwischenstücks namens Interface.
In dem dazugehörigen Handbuch war von einem sogenannten Druckertreiber die Rede. Das Kapitel trug die Überschrift "Keine Angst vor Hexadezimalcode", was soviel hieß wie: Wenn du ein Mann bist, schreib deinen Druckertreiber selber. Für den Drucker gab es gleichfalls ein Handbuch, in dem von "Fluchtsequenzen" die Rede war, was mir, auch wenn ich sonst über eine blühende Phantasie verfüge, gar nichts sagte. Was sollte da flüchten? Und warum sequentiell?
Ich gab auf, von zwei Handbüchern an den Rand des Wahnsinns getrieben, und kam Wochen später zufällig dahinter, dass "Flucht" auf Englisch "Escape" heißt und dass ich bei einem Freund einen Computer mit einer Taste gesehen hatte, die mit ESC beschriftet war. An genau der selben Stelle war auf der Tastatur meines C-64 ein Pfeil, und mir dämmerte, dass das so etwas wie einen Fluchtweg-Pfeil darstellen sollte.
Womit wir bei der zweiten Möglichkeit neben dem Handbuchlesen wären: dem wilden, ziellosen, eigensinnigen Herumprobieren, gefolgt von Wechselbädern aus Euphorie und Resignation. Ich bin der festen Überzeugung, dass die meisten Menschen nach dieser Methode mit neuer Technik verfahren. Ein neues Handy oder ein neues Stück Software, sei es ein Spiel oder etwas noch Nützlicheres, ist zuvorderst verbunden mit dem Gefühl, dass man mit diesem Wunderwerk aus Ingenieurs- und Programmiererverstand wahrscheinlich bis zum Mars fliegen könnte, wenn man nur wüsste, wo man drücken muss. Um diesem Gefühl zu entkommen, möchte man etwas, das man sofort kapiert und das sofort funktioniert. Kein Mars, sondern: Wie rufe ich jemanden an? Wo macht man das Ding aus?
Nach der Blitzeroberung der rudimentären Grundfunktionen tritt gewöhnlich eine längere Latenzphase ein. Man gewöhnt sich an die vor Möglichkeiten geradezu stachelige, wunderbare neue Zumutung. Hardware und Software sind dann gut, wenn sie sich verstehen lassen, während man sie benutzt und nicht, während man irgend eine Anleitung liest. Ich glaube, inzwischen sind Bedienungsanleitungen so etwas ähnliches wie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von diesem & jenem, die man im Netz ständig anklickt, ohne sie gelesen zu haben. Sie sind etwas für Juristen, nicht für Anwender.
Im übrigen hatten die interessanten Games schon in der Spielefrühzeit pointierte Anleitungen. Die für ein großartiges Ballerspiel namens "Goldrunner" war zwei Sätze lang: "If it moves, shoot it. If it don't move, blast it." (bsc)