Fragen am Tiefsee-Horizont
FĂĽr die einen ist die Ă–lkatastrophe im Golf von Mexiko ein fossiles Tschernobyl, fĂĽr die anderen ein unvermeidlicher Preis, der fĂĽr technischen Fortschritt zu entrichten ist. Aber wer bezahlt ihn? Und wann handelt es sich ĂĽberhaupt um technischen Fortschritt?
- Niels Boeing
Während täglich die Barrel aus dem Deepwater-Horizon-Leck in den Golf von Mexiko sprudeln, verbreitet sich allmählich die Rede vom "Tschernobyl des Ölzeitalters". Schaut man sich die Ausbreitung des Öls im Zeitraffer an – die New York Times bietet dazu eine schöne Grafik –, drängt sich diese Assoziation durchaus auf.
Umso erstaunter war ich über eine Reflexion der Katastrophe in der FAZ vor zwei Tagen. Die Autoren lamentieren darin über die Kritik an den Ereignissen und rücken diese in bewährter Manier in die Nähe eines grassierenden Kulturpessimismus. Gegen den führen sie eine grundpositive Versicherung ins Feld: "Doch Katastrophen haben ihr Gutes: Sie sind der Preis des Fortschritts." Um den Trost zu verstärken, zitieren sie noch den Evolutionsbiologen Josef Reicholf: "Die Natur ist dynamisch. Sie kommt darüber hinweg."
Und: "Eine wichtige Erkenntnis dringt naturgemäß zurzeit kaum durch: dass sich das Prinzip 'Lernen an Fehlern' bewährt hat, selbst bei einer Ölpest." Entsprechend wird das Vorsorgeprinzip als Risikoaversion und Innovationshemmer bewertet.
Mir erscheint das recht krude, denn diese Sätze werden so lapidar hingeworfen, als ob sich jede Debatte erübrigen würde. Zu beantworten wären doch gerade einige Fragen.
Wer genau zahlt den Preis des Fortschritts?
Dass BP einen Preis für das Deepwater-Horizon-Desaster zahlt, ist offensichtlich. Aber eben nicht BP allein. Ganz analog zur Finanzkrise ist schon jetzt abzusehen, dass auch hier der Schaden, den ein Unternehmen verursacht hat, sozialisiert wird – denn Betroffen sind mindestens die Anrainer der verölten Meeresregion.
Zudem könnte man sagen, dass es sich bei der Bohrung in dem Ölfeld eher um den Vorgriff auf einen Fortschritt handelte, nämlich Öl aus den wirklich tiefen Lagerstätten im Meer, jenseits der Kontinentalschelfe, zu erbeuten. Die Fördertechnik für die Tiefe bei Deepwater Horizon war ja bereits Standard, während die Sicherheitsvorkehrungen es nicht waren. An denen hätte man wohl schon eine Fortschrittsleistung erbringen können.
Sind alle technischen Fehler, aus denen man lernt, gleichwertig?
Zum Lernen aus Fehlern hatte 1969 auch der kluge Miesepeter Theodor W. Adorno in dem Essay "Fortschritt" notiert: "Ein Stück Dialektik des Fortschritts ist, daß die geschichtlichen Rückschläge, die selbst vom Fortschrittsprinzip angezettelt werden... auch die Bedingungen dafür beistellen, daß die Menschheit Mittel findet, sie in Zukunft zu vermeiden."
Das ist zwar richtig, doch macht es einen Unterschied, welches Ausmaß Fehler haben können. Ob ein Erfinder in seinem Labor sich selbst einen Stromschlag verpasst, ist nicht vom selben Kaliber wie das, was im Golf von Mexiko passiert. Sicher haben wir jetzt, da der Aralsee austrocknet, gelernt, dass man Zuflüsse zu Seen nicht nach Gutdünken umleiten sollte. Aber eine ganze Region hat seit langem darunter zu leiden.
Wenn wir den Grundgedanken von Demokratie ernst nehmen, sollten meines Erachtens die potenziell Betroffenen in großskaligen technischen Angelegenheiten ein Wort mitzureden haben – vorher wohlgemerkt, nicht erst hinterher in Schadensersatzprozessen. BP hat schließlich nicht im Namen des Gemeinwohls operiert. Haben wir nicht von Milton Friedman immer wieder eingebläut bekommen, dass Unternehmen nur in ihrem eigenen Profitinteresse handeln sollen?
Die dritte Frage, die sich stellt: Wann haben wir es ĂĽberhaupt mit technischem Fortschritt zu tun?
Schwieriges Terrain. Man könnte sich, um beim aktuellen Fall zu bleiben, herantasten: Die Ausdehnung der Ölförderung in die Tiefsee als einen technischen Fortschritt anzusehen, hängt davon ab, ob sie uns in eine bessere Position als vorher bringen würde. Was bedeutet dann besser? Wohl, dass wir länger Öl haben. Das brauchen wir, um ein technisches Problem zu lösen, nämlich ausreichend Kraftstoff für fossil angetriebene Maschinen zu haben. Der technische Fortschritt der Gegenwart ist häufig rekursiv: Er bezieht sich auf frühere Etappen der Technisierung.
Technischer Fortschritt in diesem Sinne wäre dann nur: Mehr vom selben. Man könnte ihn aber auch verstehen als: Mehr von etwas Neuem, das ein Problem anders löst (die technische Rekursivität wird damit nicht zwangsläufig durchbrochen).
Die Ressourcen, die auf eine solche Ölförderung gelenkt werden, könnten auch in andere Technologien gehen, von denen wir schon durchaus wissen können, dass sie langfristig für uns besser sind – zum Beispiel mehr solare Energien anzuzapfen.
Hier stellt sich noch einmal die Frage: Wer redet bei der Entscheidung mit, was als technischer Fortschritt gilt und angepackt werden soll? Wenn es um gesellschaftlichen Fortschritt geht – Steuerreformen, Schulreformen –, bestreitet niemand, dass alle Betroffenen an der Entscheidung in einer demokratischen Prozedur beteiligt werden sollen (und wenn auch nur formal).
Warum nicht auch beim technischen Fortschritt? Gibt es – außer dem Schutz von Profitinteressen – ein gutes Argument dafür, dass die Bewohner dieser technisierten Welt hier nur soviel mitzureden haben, wie ihr Geldbeutel (als Investor oder Verbraucher) zulässt?
(nbo)