Interview: Wie eine moderne Beinprothese Aktivsportler unterstĂĽtzen kann

FĂĽr aktive Menschen muss eine Beinamputation kein Hindernis sein, um sich verschiedenen Sportarten zu widmen. Wie eine moderne Prothese helfen kann.

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(Bild: Björn Eser)

Lesezeit: 9 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Für Menschen, die trotz einer Oberschenkelamputation surfen, bergsteigen oder ähnliche Sportarten ausüben möchten, bieten moderne, computergestützte Prothesen viel Komfort und Freiheit. Sie sind seit Jahrzehnten mit leistungsfähigen Sensoren und Mikroprozessoren ausgestattet. Je nach Hersteller und Modell sind die Prothesen auch wasserdicht und korrosionsbeständig. Die Krankenkassen übernehmen bei Bedarf die Kosten.

Das Genium X4 ist nach Angaben von David Wucherpfennig, Marktmanager Prothetik bei Ottobock, "ein mikroprozessorgesteuertes Prothesenkniegelenk, das sich in Echtzeit an die Bewegungen des Anwenders anpasst". Für ein möglichst natürliches Gangbild sind im Genium X4 verschiedene Sensoren verbaut, um die Position und Bewegung des Kniegelenks in Echtzeit zu erfassen und Menschen, denen beispielsweise ein Bein fehlt, beim Gehen, Stehen, Treppensteigen und Radfahren zu unterstützen.

Björn Eser ist viel unterwegs.

(Bild: Ottobock)

Wir haben mit Björn Eser, einem begeisterten Nutzer der Prothese, über die Vorteile gesprochen. Nach einer Knochenkrebserkrankung hat er sich 2005 dazu entschieden, sein Bein oberhalb des Knies amputieren zu lassen. Seine computergesteuerte Beinprothese bietet ihm viele Vorteile im Alltag, aber auch in seiner Freizeit – beim Wandern oder exotischen Sportarten wie Canyoning.

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heise online: Wie war das damals nach der Amputation fĂĽr Sie?

Björn Eser: Die Neueingewöhnung auf das Leben mit einem Bein ging bei mir relativ gut. Die gesundheitliche Genesung verlief problemlos. Ich war drei Monate nach der Amputation wieder in Vollzeit im Beruf in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Nach fünf Monaten war ich das erste Mal wieder auf Dienstreise im Südsudan. Ich bin sehr aktiv und betreibe seit 2017 auch einen Informationsservice, The Active Amputee, für Menschen mit Amputationen und Einschränkungen des Geh- oder Bewegungsapparates. Auf meinem Blog berichte ich von meinen eigenen Erfahrungen und lade andere ein, ihre Erfahrungen in Beiträgen zu teilen.

In dem Zusammenhang bin ich vor einigen Jahren auf Ottobock zugegangen, um auch ĂĽber die von mir genutzten Prothesen mehr zu erfahren. So haben Ottobock und ich in den letzten Jahren relativ viel kooperiert, was fĂĽr mich natĂĽrlich sehr spannend ist. Neben dem Austausch zu meinen Erfahrungen stehe ich auch fĂĽr Produkttests, Messen und andere Veranstaltungen bereit. So darf ich zum Beispiel seit Mitte Mai auch das Genium X4 tragen, eines der hochentwickeltsten Kniegelenke.

Wie verlief dann die Umgewöhnung auf die neue Hightech-Prothese?

Wenn ich mal die ersten Wochen in der Reha-Phase herausnehme, dann habe ich mit dem Genium X4 jetzt das vierte Mikroprozessor-gesteuerte Kniegelenk, das ich in den knapp 20 Jahren seit meiner Amputation nutze. Es war für mich natürlich ein enormer Vorteil, dass ich damals direkt mit einem C-Leg – also auch einem Mikroprozessor-gesteuerten Knie – eingestiegen bin. Damit war schon sehr viel möglich, um im Alltag aktiv, mobil und unabhängig zu sein. Nach sechs Jahren bin ich auf das erste Genium umgestiegen, da kamen einige neue Features hinzu. Aber wer auf einem C-Leg laufen kann, dem fällt der Umstieg nicht schwer.

Einige der neuen Funktionen beherrschst du gleich und intuitiv. Bei anderen Neuerungen musste ich mich am Anfang erstmal umgewöhnen, das heißt alte Muster aktiv loswerden und neue Bewegungsabläufe internalisieren. Ich musste erst wieder lernen, Treppenstufen alternierend bergauf zu gehen. Wenn man über Jahrzehnte sein Bein auf Treppen hinterherzieht, ist das abermalige alternierende Bergaufgehen auf Treppen schwierig. Das Bewegungsmuster ist nicht mehr parat und die Muskeln für den Bewegungsablauf sind eventuell auch nicht mehr die fittesten.

Nach einer Amputation sind viele Dinge im Alltag erstmal ungewohnt, zum Beispiel über andere Untergründe wie Kopfsteinpflaster, Matsch oder nasse Schrägen zu gehen. So können auch vermeintliche Kleinigkeiten im Alltag eine Herausforderung sein. Man braucht für fast alles mehr Energie, auch für ganz normale Dinge. Und auch die Fehlbelastung von Gelenken und Muskeln wirkt sich auf den gesamten Bewegungsapparat aus. Moderne Prothesen helfen da und machen das Leben erheblich leichter - und oft auch sehr viel sicherer. Bei der neuesten Prothese von Ottobock zum Beispiel wird das Bergaufgehen unterstützt. Die Prothetik hilft bei einem möglichst natürlichen Gang. Ich bin viel unterwegs, oft kommen da 10 bis 15 Kilometer pro Tag zusammen. Ich merke, dass ich jetzt am Ende des Tages mehr Energie habe. Bei den Vorgängermodellen hat sich das abends viel mehr bemerkbar gemacht.

Können Sie Funktionen Ihrer Prothese mit einer App steuern?

Ja, das geht schon länger. Der Orthopädietechniker nimmt erst einmal bestimmte Einstellungen vor. Die sind abhängig vom jeweiligen Anwender; sprich Gewicht, der Fußgröße, dem Aktivitätsgrad und ähnlichem. Beim Gehen werden diese Einstellungen dann sehr genau an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst, etwa wie viel Widerstand man beim Bergabgehen braucht oder wie viel Unterstützung beim Hinsetzen.

Über eine App kann ich als Anwender dann sogar noch mehr fein justieren; und zwar genau dann, wenn ich es im Alltag brauche. Wichtig ist die App zum Beispiel, wenn ich eine Leiter nutze. Dann muss ich rauf und runter und habe kein normales Gangbild. Wenn ich auf der Leiter stehe und mich nach vorne oder nach hinten lehne und der Fuß vielleicht nicht wie gewohnt belastet wird, dann möchte ich nicht, dass das Kniegelenk plötzlich unter mir nachgibt. Es soll zehn oder maximal 15 Grad einknicken und danach arretieren. Es wäre ungünstig, wenn das Bein in sechs Meter Höhe plötzlich denkt, es sei in einer Gangphase und mir keinen Halt mehr gibt. Das kann ich via App festlegen. Sobald die Arbeit auf der Leiter vorbei ist, nehme ich diese Limitierung wieder raus und stelle wieder auf den Alltagsmodus um. Das ist sehr praktisch.

Wie oft nutzen Sie die App im Alltag?

Ich muss zugeben, ich nutze die App im Alltag nicht täglich. Denn viele der neuen Funktionen funktionieren automatisch. Da ist ein Umschalten gar nicht mehr nötig. Nehmen wir mal das Fahrradfahren. Da muss das Knie frei schwingen; sprich: Der gesamte Widerstand, der beim Gehen so wichtig ist, muss raus. Das wurde bis zum Vorgängermodell via App gemacht. Das erkennt die Prothese inzwischen automatisch, wenn ich anfange, in die Pedalen zu treten. Jetzt muss ich nicht erst den Modus ändern. Gerade im Winter ist das sehr komfortabel, dann nicht extra das Handy aus der Tasche holen zu müssen.

Ebenso hilfreich ist eine neue Funktion namens "Start to Walk". Das heißt einfach, dass ich mit der Prothesenseite den ersten Schritt machen kann. Das hört sich erstmal nach nichts Großem an, aber vorher musste ich immer mit dem noch erhaltenen Bein losgehen und damit den ersten Schritt machen. Auch das ist in den Grundmustern drin und muss nicht extra via App aktiviert werden. Daher kommt die App bei mir nur zum Einsatz, wenn ich bestimmte Sportarten betreibe, bei denen die Grundeinstellungen des Knies keinen Sinn ergeben und ganz andere Bedürfnisse an die Prothese gefragt sind,

Was fĂĽr Sensoren gibt es im Bein?

Da sind zum Beispiel ein Gyroskop und Beschleunigungssensoren verbaut. Dann weiß das Gelenk zu jeder Zeit, in welcher räumlichen Position sich das Bein befindet. Gesteuert wird das über sogenannte Rulesets, die programmiert werden und welche die Entwickler laufend optimieren – da werden dann auch Anwenderwünsche berücksichtigt. Es gibt bestimmte MyModes, die sich entsprechend einstellen lassen, zum Beispiel fürs Reiten, fürs Golfspielen und inzwischen auch für das Gehen unter Wasser. Diese Modi kann man sich aussuchen.

Ich war zum Beispiel beim Canyoning und dann ist der Widerstand beim Gehen im Wasser und mit nassem, schwerem Neoprenanzug sehr viel stärker. Das ist dann schon eine Herausforderung für die Prothese und den Anwender. Eigentlich keine gute Sportart für Amputierte könnte man meinen. Mir ist nie der Gedanke gekommen "Entwickelt doch mal einen Unterwassergeh-Modus", weil mir das zu speziell erschien. Und mit dem neuen Genium X4 habe ich dann erfahren, dass es genau dafür mittlerweile eine Einstellung gibt. Super! Im Schwimmbad habe ich das jetzt ausprobiert.

Wie lange hält denn der Akku?

Spätestens alle 5 Tage muss der Akku der Prothese laden.

(Bild: Ottobock)

Bei mir in der Regel fünf Tage im Alltag. Allerdings bin ich sehr aktiv, deshalb kann das auch schon mal weniger sein. Wir sind im Oktober in der Eifel vier Tage wandern gewesen – mit Gepäck jeden Tag mehr als 20 Kilometer. Der Akku hielt das gerade so durch. Das war aber knapp, und ich hatte kein Ladegerät eingepackt. Meine erste Prothese musste ich jede zweite Nacht aufladen. Da hat sich inzwischen viel getan. Und für uns Anwender ist das ein enormer Vorteil, der uns sehr viel unabhängiger macht.

(mack)