Einmal im Jahrhundert: Gigantische Strahlungsausbrüche der Sonne viel häufiger

Gigantische Eruptionen auf der Sonne können verheerende Folgen für die Erde haben. Eine neue Analyse deutet an, dass deren Häufigkeit massiv unterschätzt wurde.

vorlesen Druckansicht 75 Kommentare lesen
Riesige Erutpion auf Stern

Künstlerische Darstellung eines Superflares

(Bild: MPS/Alexey Chizhik)

Lesezeit: 3 Min.
close notice

This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Gigantische Eruptionen auf Sternen wie unserer Sonne sind offenbar deutlich häufiger als bislang angenommen, diese Superflares treten womöglich etwa einmal alle einhundert Jahre auf. Das hat eine Forschungsgruppe unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung (MPS) ermittelt. Während für derartige Analysen bisher vor allem historische Daten zur Sonne ausgewertet wurden, hat das Team stattdessen sonnenähnliche Sterne ins Visier genommen. Aus deren Verhalten lasse sich schließen, dass die immensen Strahlungsausbrüche mit potenziell verheerenden Folgen für unsere Infrastruktur zehn- bis hundertmal so häufig sind, wie bisher angenommen.

Bei sogenannten Superflares werden binnen kürzester Zeit Energiemengen im Bereich von Quadrilliarden Joule freigesetzt, schreibt das Forschungsinstitut. Das entspreche der Menge von Billionen Wasserstoffbomben. Um das verständlicher zu machen, schreibt das Team noch, dass bei einem der heftigsten Sonnenstürme der vergangenen Jahrhunderte, dem sogenannten Carrington-Event von 1859, nur ein Hundertstel der Energie eines Superflares freigesetzt wurde. Angesichts unserer für solche Ereignisse inzwischen deutlich anfälligeren Infrastruktur sei es besonders wichtig, deren Häufigkeit genau einschätzen zu können.

Videos by heise

Untersucht hat das Team deshalb Messdaten zu 56.450 sonnenähnlichen Sternen, die das Weltraumteleskop Kepler der NASA gesammelt hat. Kurze, sehr heftige Helligkeitsspitzen hätten Superflares bei denen verraten. Gefunden wurden solche bei genau 2889 auf 2527 dieser Sterne. Das lasse den Schluss zu, dass ein sonnenähnlicher Stern etwa einen Superflare pro Jahrhundert erleidet. Das sei sehr überraschend gewesen, meint Studienleiter Valeriy Vasilyev. Gleichzeitig verweisen er und sein Team darauf, dass es sich ihrer Meinung nach um die bisher präziseste und empfindlichste Studie zu dem Phänomen handelt. Angesichts des Befunds verweisen sie darauf, wie wichtig eine verlässliche und rechtzeitige Vorhersage ist.

Bislang wurde die Häufigkeit dieser gigantischen Eruptionen bei unserer Sonne etwa anhand von "natürlichen Archiven" wie Baumringen oder dem Gletschereis untersucht. Dort finden sich Spuren von Teilchen, die nach einem derartigen Strahlenausbruch die Atmosphäre erreichen. Mit dieser Methode wurden mehrere solche Ausbrüche datiert, das jüngste Ergebnis wurde erst vor wenigen Wochen vorgestellt. Das Team um Vasilyev verweist nun darauf, dass es sich dabei nur um eine kleine Teilmenge handeln könnte. Es sei gar nicht klar, ob die Superflares in jedem Fall von solch einem Teilchensturm begleitet werden. Hier sei weitere Forschung nötig.

Schon vor drei Jahren hat eine Forscherin darauf hingewiesen, dass starke Sonneneruptionen dramatische Folgen für die Internetinfrastruktur auf der Welt haben und eine "Internet-Apokalypse" auslösen könnten. Diese Gefahr sei bislang unterschätzt worden, weil sich die jüngsten starken Sonnenstürme Jahrzehnte vor dem Erscheinen moderner Technologie ereignet haben. Besonders groß ist das Risiko demnach für Unterseekabel in hohen Breitengraden, also insbesondere jene zwischen Europa und den USA. Im Fall eines heftigen Sonnensturms könnte diese Verbindung demnach monatelang ausfallen. Gleichzeitig deutet die jetzt im Fachmagazin Science vorgestellte Studie darauf hin, dass die mögliche Stärke solcher Eruptionen sogar unterschätzt wurde.

(mho)