LinuxTag 2010: "Freie Projekte sind ganz wichtig"
Vom 9. bis zum 12. Juni fand bei schönstem Sommerwetter der diesjährige LinuxTag statt. Fast 12.000 Besucher fanden den Weg zum Messegelände Berlin, wo sie ein mit 300 Vorträgen gut gefülltes Vortragsprogramm erwartete.
Linuxtag 2010 (7 Bilder)

Zur Eröffnung der Veranstaltung betonte Nils Magnus vom LinuxTag-Team, wie wichtig die freien Projekte für den LinuxTag sind -- 75 Projekte von Amarok bis CentOS, von der Free Software Foundation Europe bis zu Typo3 präsentierten sich auf einer gegenüber dem Vorjahr um 25 Prozent vergrößerten Ausstellungsfläche.
Das Vortragsprogramm beeindruckte nicht nur durch die schiere Menge der teilweise sehr technischen Vorträge (so erläuterte beispielsweise der Entwickler Lennart Poettering Details seiner Upstart-Alternative systemd), sondern auch durch die prominente Redner. So hatte Google seinen Open-Source-Evangelisten Chris DiBona geschickt, der in seiner Keynote deutlich machte, dass Google nicht nur überwiegend Open-Source-Software einsetzt, sondern auch zu zahlreichen Open-Source-Projekten vom Linux-Kernel bis zur GNU Compiler Collection Code beiträgt. Hauptthema aber war der von Google eingekaufte und als Open Source freigegebene Videocodec VP8 (WebM). DiBona präsentierte einen Vergleich mit H.264 und versprach, die Performance von WebM in den nächsten Monaten erheblich zu verbessern.
James Utzschneider, Direktor für Open Source bei Microsoft, betonte in seiner Keynote: "Open Source ist ein wichtiger Teil des Microsoft-Ökosystems". Das begründete er unter anderem damit, dass 80 Prozent der über 400.000 Projekte auf Sourceforge.net auch unter Windows laufen. Kunden, so Utzschneider, verlangten nach Open-Source-Software und Interoperabilität, daher arbeite Microsoft an zahlreichen offenen Standards und in vielen Organisationen mit und unterstütze beispielsweise Techniken wie PHP und Anwendungen wie Joomla und Drupal auf Windows. Eine Open-Source-Firma, stellte er klar, sei Microsoft aber nicht.
Thema der Keynote von Ubuntu-Sponsor Mark Shuttleworth waren dessen aktuelle Lieblingsthemen: regelmäßige, abgestimmte Releases, Qualitätsmanagement und Design. Bei der Qualitätskontrolle empfahl Shuttleworth den verstärkten Einsatz automatisierter Testverfahren, was auch die Beurteilung von Patches erleichtern und beschleunigen könne. Schließlich präsentierte er die aktuellen Ideen zur Optik der kommenden Ubuntu-Version 10.10, in der unter anderem das Panel neu gestaltet werden soll: "Wir sollten alle gemeinsam darauf hinarbeiten, dass alle Anwender, nicht nur die bisherige Open-Source-Gemeinde, unsere gemeinsam geschaffene Oberfläche bewundern". Shuttleworth stellte klar, dass Ubuntu weiterhin mit der Stoßrichtung Netbook, Desktop-PC und Server entwickelt werde; Gerüchten über eine Tablet-Version der Linux-Distribution erteilte er eine Absage.
Jonathan Corbet, Kernelentwickler und Macher von Linux Weekly News, gab in seiner Keynote einen Ausblick auf die kommende Kernel-Version 2.6.35 und ging auf die wichtigsten Herausforderungen ein, vor denen die Kernel-Entwickler derzeit stehen. Dazu gehört für ihn die Skalierbarkeit: Bei sehr schnellen I/O-Operationen, wie sie SSDs und 10-GBit-Netze erfordern, gerate man an Performance-Engpässe. Auch werde es immer schwieriger, sehr kleine Kernel zu bauen. Weitere Problemfelder sieht Corbet in dem Bereich Storage, wo der Bedarf für ein Dateisystem wie Btrfs immer dringender wird, sowie beim Tracing und Debugging. Die Weiterentwicklung der Echtzeitfähigkeiten des Linux-Kernels müsse den recht unterschiedlichen Anforderungen von Multimediageräten einerseits und Servern, die finanzielle Transaktionen abwickeln, andererseits gerecht werden. Auch beim Powermanagement gebe es noch einiges zu verbessern.
Bei der Eröffnungsveranstaltung wurde der Univention-Absolventenpreis verliehen. Der dritte Preis und 500 Euro gingen an den Wirtschaftsinformatiker Björn Winterhalder, der in seiner Bachelor-Arbeit an der Hochschule Ulm die freien Business-Intelligence-Tools von JasperSoft und Pentho miteinander verglichen hat. 1000 Euro gingen an den Zweitplatzierten Stefan Tzeggai von der Uni Bonn, der in seiner Diplomarbeit im Fach Geographie eine freie Atlanten-Software entwickelte. Den ersten Platz belegten André Kasper und Jan Philipp von der Fachhochschule Köln. Für ihre Diplomarbeit "Visualisierung der Abhängigkeiten von Datenbankobjekten", in deren Rahmen sie eine Software entwickelten, die Anwendern hilft, den Überblick in komplexen Datenbanken und Data Warehouses zu behalten, erhielten sie ein Preisgeld von 2000 Euro.
Die Debian-Entwickler veranstalteten im Rahmen des LinuxTags eine Mini-Konferenz zu Debian, bei es um technische Fragen wie Paketbau und Qualitätskontrolle, aber auch um Themen wie Linux in der Bildung ging. Der neue Debian-Projektleiter Stefano Zacchiroli betonte die Besonderheit von Debian, anders als die meisten konkurrierenden Distributionen unabhängig von jeder Einflussnahme durch Firmeninteressen zu sein. Allerdings seien die Barrieren des Projekts für Einsteiger zu hoch -- während seiner Amtszeit möchte Zacchiroli daran arbeiten, die Debian-Community für Neulinge zu öffnen.
In der Ausstellung präsentierten sich 43 Unternehmen, darunter auch LinuxTag-Partner Microsoft, und 75 freie Projekte. IBM feierte an seinem Stand zehn Jahre Linux auf dem Mainframe, Google präsentierte sich als cooler Arbeitgeber. Die berliner Neofonie GmbH gewährte am Stand der Berliner Linux User Group erstmals einem größeren Publikum einen Blick auf ihr Linux-betriebenes WeTab. Das Gerät, auf dem ein Kernel 2.6.33 läuft, soll sowohl normale Linux-Anwendungen wie OpenOffice als auch Android-Apps ausführen. Auch ein eigener Store für WeTab-Apps ist geplant. Das x86-Tablett ist bereits bestellbar, größere Stückzahlen sind aber nicht vor September zu erwarten.
Beherrschendes Thema am Nokia-Stand war Qt. Die aktuelle Version 4.7 der Grafikbibliothek, die auch Touchscreens unterstützt, soll Standard-Toolkit für MeeGo werden. Das gemeinsam von Nokia und Intel entwickelte schlanke Linux-System läuft sowohl auf Nokias N900 als auch auf Netbooks mit Atom-Prozessor. Meego und dessen Roadmap war auch Thema eines Vortrags von Dirk Hohndel, Chief Open Source Technologist bei Intel: Die für Oktober geplante Version 1.1 soll eine Oberfläche für Handhelds mitbringen, danach werden alle sechs Monate neue Releases erscheinen. Auf dem Programm für die nächste Zeit stehen unter anderem ein Webkit-basierter Browser, Funktionen zur Überwachung der "Gesundheit" des Geräts und zur Synchronisation, PIM-Dienste sowie Backup und Restore.
Das KDE-Team nutzte den LinuxTag, um eine Reihe von Neuigkeiten und Initiativen vorzustellen. Unter dem Slogan "Join the Game" fordert der KDE e.V. Anwender auf, die KDE-Entwicklung mit 100 Euro pro Jahr zu unterstützen. Dafür erhält man den Status eines "Supporting Member" im KDE e.V. und erhält alle drei Monate einen Bericht über die Aktivitäten. Am KDE-Stand gab es die frisch erschienene zweite Beta-Version von KDE 4.5 zu sehen. Entgegen den ursprünglichen Planungen ist die PIM-Suite aber noch nicht auf das mit KDE 4.0 eingeführte PIM-Framework Akonadi umgestellt. Dafür zeigte man eine frühe Version der KDE-PIM-Suite für Mobilgeräte. Unterstützt wird derzeit das N900 mit Maemo, eine Portierung auf Meego und weitere mobile Plattformen ist geplant.
Texas Instruments zeigte sein Beagle-Board, ein günstiges ARM-Board, auf dem auch Linux läuft. Bei der OTRS AG konnte man einen Blick auf die für Ende des Jahres geplante Version 3 der Helpdesk-Software werfen, die eine völlig neu gestaltete Oberfläche bringt. Sugar Labs präsentierte die neue Version 3 von Sugar on a Stick, eine für Kinder konzipierte Lern-Umgebung auf Basis von Fedora Linux und der Sugar Learning Platform. Das neue Sugar Creation Kit enthält alle Tools, um eine eigene Version von Sugar on a Stick zu bauen.
Angesichts gestiegener Besucherzahlen zeigten sich die Veranstalter, der inhaltlich verantwortliche LinuxTag e.V. und die Messe Berlin, hoch zufrieden mit dem LinuxTag 2010. Im nächsten Jahr wird der LinuxTag vom 11. bis 14. Mai 2011 wieder in Berlin stattfinden. (odi)
(odi)