Sinnvoller Horror
Warum der aktuelle Kinofilm „Splice - Das Genexperiment“ nicht als cineastischer Höhepunkt taugt, der Thriller aber dennoch wertvoll und sehenswert ist.
- Gordon Bolduan
"Ging es hier jemals um Wissenschaft", fragt er. "NatĂĽrlich", antwortet sie mit weit aufgerissenen Augen. "Wenn du das glaubst, bist du verrĂĽckter als ich dachte", entgegnet er.
Dieser Dialog stammt zwar aus dem gerade in den Kinos laufenden Horror-Thriller "Splice – Das Genexperiment", könnte aber auch für die Gedanken stehen, die mir durch den Kopf schossen, als ich einen Samstagabend für diesen Film opferte.
Er, das ist der Clive Nicoli, ein genialer Biochemiker, gespielt von Adrien Brody, bekannt aus Filmen, wie "Der Pianist" und "King Kong". Sie, das ist Elsa Knast (Sarah Polley), eine äußerst attraktive Wissenschaftlerin, die mit Nicoli nicht nur das Labor, sondern auch das Bett teilt.
Ihre Mission: Mit Hilfe von künstlichem Erbgut Organismen zu erschaffen, um daraus Wirkstoffe gegen Volkskrankheiten wie Alzheimer, Parkinson und Diabetes zu synthetisieren. Die Rechnungen, die bei der Arbeit in ihrem ach so lässigen Labor NERD (Nucleic Exchange Research & Development) anfallen, bezahlt ein Pharma-Konzern.
Doch als die versprochenen Wirkstoffe ausbleiben und der Konzern damit droht, die NERD-Abteilung zu schließen, nimmt Knast, die sich ohnehin durch ethische Bedenken und gesetzliche Vorschriften ihrer Arbeit beschränkt fühlte, den Erfolgsdruck zum Anlass, den bisher erfolglosen Cocktail aus künstlichem Erbgut mit ihrem eigenen zu mixen. Eine folgenschwere Entscheidung.
Aus dem pulsierenden, undurchsichtigen Klumpen im Brutkasten wird dann sehr schnell etwas, was die Herzen jedes Kaninchen- und Meerschweinbesitzers höher schlagen lässt. Die beiden Forscher ziehen es heimlich auf, erst im Labor, dann in einer verlassenen Scheune. Rasend schnell wächst es zu einem Mädchen-ähnlichen Wesen heran. Knast erkennt ihre Muttergefühle und tauft es "DREN". Als ausgewachsene Mischwesen-Schönheit (gespielt von Delphine Chaneac) weckt DREN dann bei deren Partner ganz andere, unkeusche Gedanken.
Und das, obwohl DREN neben Gesicht und Oberkörper eines Supermodells noch zwei kraftvolle Straußenbeine und einen Affenschwanz auszeichnen, der auch noch einen giftigen Stachel an seiner Spitze hat. So kommt es dann, dass die beiden Forscher immer mehr die Kontrolle über ihr Forschungsobjekt und ihre Gefühle verlieren und sich ein Strudel bildet, in dem weder Vorschriften noch Tabus zu existieren scheinen.
Die Schauspieler stellen diese Ausnahmesituation zwar glaubwürdig dar und der Streifen überzeugt durch schaurig-schöne Bilder, dennoch verliert der Film gegen Ende, weil er zu sehr in das Reich der Fantasie abdriftet.
Dabei wurde die Fiktion im Entstehungsprozess immer wieder von der Wissenschaft überholt. Als Ausgangspunkt diente Regisseur Vincenzzo Natali nach eigenen Aussagen auch die Vacanti-Maus, deren Bild 1995 um die Welt ging. Es zeigte eine kleine Nacktmaus, die eine scheinbar menschliche Hörmuschel auf dem Rücken trug. Während das Drehbuch entstand, wurde im Jahr 1997 der geglückte Klon-Versuch Dolly, 2001 dann der nahezu vollständige Bauplan des menschlichen Genoms veröffentlicht – von Forschern des Humangenomprojekts und von einem Mann, der vor wenigen Wochen erneut ins Rampenlicht rückte: J. Craig Venter.
Wenn der amerikanische Wissenschaftsstar seinen Coup, einen Mikroorganismus mit synthetischem Erbgut zu schaffen, auch noch mit dem Satz kommentiert. es sei an der Zeit, die Evolution durch etwas Besseres zu ersetzen (wie Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe berichtet), dann bleibt einem doch wahrlich das Lachen ĂĽber die Fiktion im Halse stecken.
"Das hat niemand vor, warum auch? Es hätte keinerlei medizinischen oder wirtschaftlichen Zweck", beruhigt Ulrich Martin, der die Forschung in den Leibniz-Laboratorien für Biotechnologie und künstliche Organe in Hannover leitet. Ohnehin wisse man derzeit "fast nichts über das Zusammenspiel der einzelnen Gene in der Zelle und im Organismus", so der Professor.
Allerdings experimentieren Wissenschaftler bereits seit Jahren mit Mischwesen aus menschlichen und tierischen Zellen. Sie unterscheiden zwischen Chimären – Organismen, die sich aus unterschiedlichen Zellen unterschiedlicher genetischer Abstammung zusammensetzen – und Hybriden, Organismen, deren Zellen identisch sind, deren Erbgut aber aus verschieden Quellen stammt.
Chimären dienen derzeit noch der Untersuchung der Entwicklung der menschlichen Zelle. Dem Erzeugen von embryonalen Stammzellen dienen dagegen zytoplasmatische Hybride, die entstehen, indem ein menschlicher Zellkern in eine entkernte tierische Eizelle verpflanzt wird. Der Vorteil: Die Forscher können so embryonale Stammzellen gewinnen und erforschen – ohne dabei von menschlichen Eizellen abhängig zu sein, die Frauen operativ entfernt werden müssen.
Doch in beiden Fällen kreieren die Wissenschaftler kein Mischwesen in der Form, wie es der Film Splice präsentiert und es schon seit Jahrhunderten in der Fantasie des Altertums herum spukt.
Der Film "Splice" bietet damit also weder innovative "Fiction" noch "Science" im Sinne von Aufklärung. Damit erinnert er sehr an die Falschmeldung vom "First Cloned Human Embryo", von der britische Zeitung "Daily Mail" am 17. Juni 1999 veröffentlicht – gut sieben Monate nach dem eigentlichen, spektakulären Experiment. Holger Wormer, damals noch Redakteur im Ressort Wissenschaft der Süddeutschen Zeitung und inzwischen Professor für Wissenschaftsjournalismus an der Universität Dortmund, hat diesen Fall unter anderem auf seine Auswirkungen auf die öffentliche Diskussion untersucht. Als positiven Effekt erkannte er eine "Bewusstseinsbildung", die notwendig ist, "selbst wenn sie in diesem Fall auf nicht ganz richtigen Tatsachen fußt".
Selbiges gilt auch für "Splice". Der Film macht aktuelle Forschungsfragen anschaulich und motiviert dazu, sich mehr mit dem Zwiespalt zwischen dem Machbaren und dem ethisch Vertretbaren zu beschäftigen.
Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt dies das Dilemma des neuzeitlichen Menschen: "Sobald in einem Feld Wissensmächte positiv entwickelt sind, machen Menschen eine schlechte Figur, wenn sie – wie in den Zeiten eines früheren Unvermögens – eine höhere Gewalt, sei es den Gott oder den Zufall oder die Anderen, an ihrer Stelle handeln lassen wollen."
Nichts anderes gibt auch die Grenzen überschreitende Forscherin Knast im Film von sich: "Wenn Gott etwas gegen unsere Forschung hätte, warum gibt er uns dann die Instrumente?" Dass "Splice" den Zuschauer zwingt, über solche und ähnliche Fragen nachzudenken, macht den Film zwar zu keinem Meilenstein der Kinogeschichte, ein wertvoller Anstoß zur öffentlichen Diskussion könnte er dennoch sein. (bsc)