Zahlen, bitte! Beginn der Minenräumung dank Erfindung des Metalldetektors
Minenfelder können ein Kriegsgebiet noch Jahrzehnte nach dem Konflikt unbewohnbar machen. Mit der Erfindung des Metalldetektors begann der Kampf dagegen.
Die Ukraine ist heute das am stärksten minenverseuchte Land der Welt seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch was auf den Feldern der Kornkammer der Welt in den Böden liegt, wird durch das Erbe betroffen, unter dem Ägypten leidet. In seinen Wüstengebieten liegen 20 Millionen Minen aus dem Zweiten Weltkrieg, die meisten in den "Teufelsgärten", die der deutsche General Erwin Rommel anlegen ließ.
Erst die Erfindung des Metalldetektors schuf ein wirksames Gerät, nach dem Krieg Minenfelder zu beseitigen. Trotz großer Fortschritte der Technik geht es nur mühsam voran.
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Der Erste Weltkrieg hatte noch nicht einmal sein erstes Kriegsjahr hinter sich, als man in Frankreich das Minenproblem diskutierte. Die Präfektur des Bezirks Meurthe-et-Moselle beauftragte den Physiker Camille Gutton im Frühjahr 1915 mit der Konstruktion eines Gerätes, das Sprengminen aufspüren konnte. Die Landwirte sollten gefahrlos ihre Felder umpflügen können.
Erster Minensucher im Jahr 1915 vorgestellt
Bereits im Juli 1915 konnte Gutton, der später als Pionier der Radar-Technologie und der Funk-Kommunikation mit Flugzeugen bekannt wurde, einen Prototyp vorstellen. Im Wissenschaftsmagazin "Scientific American" wurde auf Seite 425 und 434 seine Erfindung unter dem Titel "Detecting Buried Shells with Induction Balance" beschrieben.
Gutton nutzte den vom Physiker David Edward Hughes im Jahre 1879 sogenannten Effekt der "elektromagnetischen Balance", um ein Minensuchgerät vorzustellen, das bereits eine gewisse Ähnlichkeit mit heutigen Metalldetektoren aufwies.
(Bild:Â gemeinfrei)
Was Gutton zu dieser Zeit nicht wusste: Sein System war bereits einmal eingesetzt worden, jedoch in einem etwas anderen Zusammenhang. Am 2. Juli 1881 wurde der US-Präsident James A. Garfield durch einen Attentäter verletzt. Sein Leibarzt Willard Bliss versuchte vergeblich, die Bleikugel zu entfernen – er konnte sie schlicht nicht finden. Der Erfinder Alexander Graham Bell, der damals in Washington weilte, konstruierte mit Kollegen ein "Kugelsuchgerät", das wie ein Metalldetektor akustische Interferenzen liefern sollte.
Vergebliche Detektion der Metallkugel
Bei Versuchen mit Tieren und Bürgerkriegsveteranen funktionierte das Gerät, doch beim Präsidenten versagte es. Garfield starb am 19. September 1881. Bell, der den US-Präsidenten mit mehrfach verbesserten Instrumenten untersuchte, gab den metallischen Bettfedern die Schuld, kein klares Signal empfangen zu haben.
Allerdings wurde er vom Arzt daran gehindert, den ganzen Oberkörper des Präsidenten untersuchen zu dürfen. Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass die Kugel an einer völlig anderen Stelle steckte.
Ein einfacher Detektor besteht aus einem Batteriesystem, einer Sendespule sowie einer Empfängerspule, die mit einem kleinen Lautsprecher verbunden ist.
1. Beim Einschalten des Detektors fließt Strom von der Batterie aus in den unteren, runden Bereich in die Sendespule. Die befindet sich im zumeist tellerförmigen Detektorbereich.
2. Sobald an der Sendespule Strom anliegt, erzeugt sie ein Magnetfeld um sich herum. Dies geschieht periodisch und damit pulsweise.
3. Wenn der Detektor sich ĂĽber einem im nahen Bodenbereich liegenden StĂĽck Metall bewegt, erzeugt das Magnetfeld einen Wirbelstrom im MetallstĂĽck.
4. Dieser Stromfluss im Metall erzeugt wiederum ein Magnetfeld, welches im Empfängerbereich eine Signaländerung hervorruft.
5. Das Signal, ausgegeben durch den Lautsprecher und vorher nur durch die ausgesendeten Magnetstrahlen beeinflusst, ändert sich durch das Magnetfeld des metallenen Gegenstands – Der ausgegebene Ton am Lautsprecher nimmt je nach Position eine andere Tonlage ein und variiert.
Die nächste Stufe der Verbesserung der Technik erfolgte durch den Physiker Gerhard R. Fischer. Der in Landeshut (heute: Kamienna Góra) in Niederschlesien geborene Fischer hatte in Dresden Elektrotechnik studiert und wanderte 1925 in die USA aus. Dort arbeitete er mit dem Fliegerass Harold B. Miller von der US Navy an der Technik der Funkpeilung, die Piloten bei der Navigation unterstützen sollte. Beide erhielten für ihre Erfindung im Februar 1937 ein Patent, das Fischer der Navy bzw. dann der Air Force überließ.
Vom Patent zur Detektor-Firma
Bei der Arbeit mit den Peilgeräten hatten ihm Piloten immer mal wieder von rätselhaften Verzerrungen erzählt, die Fischer auf Metalle als Ursache zurückführte. Von den Berichten ausgehend entwickelte er einen Metalldetektor, der im Januar 1937 im Patent US2207750A als Metalloscope patentiert wurde. Mit diesem Patent gründete er die Firma Fisher Research Labs, die bis heute nicht nur Detektoren für die mobile Suche sowie für Personenkontrollen an Flughäfen herstellt.
Die Entwicklung vom Metalldetektor zum spezialisierten Minensuchgerät vollzog sich in Großbritannien. Hier forschte Józef Kosacki nach seiner Flucht aus einem deutschen Internierungslager als Angehöriger des 1. Polnischen Korps an der Entwicklung von Minensuchgeräten. Kosacki hatte in Warschau Elektrotechnik studiert und arbeitete 1937 im polnischen Verteidigungsministerium an einem Verfahren, nicht explodierte Granaten zu entdecken.
Diese Arbeit nahm er nach einem tragischen Vorfall im Jahre 1941 wieder auf: Englische Truppen hatten in Erwartung einer deutschen Invasion Minen an den Stränden installiert, ihre Alliierten davon jedoch nicht informiert. Eine polnische Patrouille wurde getötet.
Wettbewerb fĂĽr ein effektives Minensuchsystem
Die britische Armee rief einen Wettbewerb aus, den Kosacki mit seinem Assistenten gewann. Er verzichtete auf eine Patentierung seines Detektors und überließ der Armee die Fertigung der Minensucher. Sie kamen zu Tausenden in der zweiten Schlacht von El Alamein zum Einsatz, als es den Alliierten gelang, mithilfe der Suchgeräte und von Panzern Schneisen in die Teufelsgärten mit einer Geschwindigkeit von 100 bis 200 m² pro Stunde zu schlagen. Die grundlegende Technik dieser kombinierten Minensuche wurde bis 1991 im ersten Irakkrieg beibehalten.
Noch heute leidet Ägypten unter den Kriegsfolgen, was auch damit zu tun hat, dass die Minen nach all den Jahren tief im Sand stecken, während gleichzeitig das besiedelte Land weiter vorrückt. Heute sollen noch rund 20 Millionen Minen im Boden liegen.
(Bild:Â Gemeinfrei, Cpl. Alejandro Pena)
Erst in den Achtzigerjahren begann man, die Opferzahlen zu erfassen. Bis 2015 zählte man 3300 getötete und 7500 verstümmelte Menschen. Nach einem nicht bestätigten Bericht von Al Jazeera hat Ägypten die Kampfmittelräumung eingestellt, obwohl rund 60 Prozent der Minenfelder noch beseitigt werden müssen.
Metalldetektoren spielen auch eine Rolle in der Suche nach altertümlichen Fundstücken. So wurde in Sachsen-Anhalt mit der Himmelsscheibe von Nebra einer der bedeutendsten Funde durch einen Metalldetektor gefunden. Allerdings waren dabei Raubgräber am Werk, die durch die unsachgemäße Bergung die Scheibe beschädigten und eine weitergehende archäologische Erforschung der Fundstelle zunichtemachten. Angesichts dessen sind solche Detektionen durch Privatpersonen ohne Genehmigung zumeist illegal.
(mawi)