Crowdsourcing für den großen Städtetrip
Wissenschaftler bei Yahoo haben eine Software entwickelt, die aus Millionen von Flickr-Fotos interessante Reisepläne für Touristen zusammenstellen kann.
- Tom Simonite
Reisende, die wissen wollen, wo sie sich in einer neuen Stadt am besten umsehen sollten, können demnächst Hilfe von einer speziellen Software erwarten: Forscher beim Internet-Portal Yahoo haben ein System entwickelt, das mit Hilfe einer Datenbank aus Millionen von Fotos die beliebtesten Sehenswürdigkeiten ausfiltern kann. Aus den Bildern, die vom Fotodienst Flickr stammen, lassen sich detaillierte Vorschläge ermitteln, was man wo in welcher Reihenfolge besuchen sollte.
"Wenn ich zwei Tage in Rom habe, muss ich derzeit stundenlang Reise-Websites und Online-Kartendienste wälzen, um einen einigermaßen geeigneten Sightseeing-Plan zu erhalten", sagt Munmun De Choudhury. Die Forscherin leitete das Projekt zusammen mit Kollegen an den Yahoo-Labors New York und Haifa und arbeitet heute an der Arizona State University. "Wir dachten uns: warum nicht einfach auf die Weisheit der Massen zurückgreifen?"
Das Werkzeug funktioniert derzeit in fünf verschiedenen Städten: Barcelona, London, New York, Paris und San Francisco. Um geeignete Vorschläge machen zu können, extrahiert die Software die Bewegungen von Touristen zwischen den wichtigsten Sehenswürdigkeiten dieser Städte aus Millionen von Bildern, die innerhalb von drei Jahren bei Flickr hochgeladen wurden.
Dabei werden in die Bilder integrierte Geodaten und Tags verwendet, die von den Nutzern selbst stammen, um zu ermitteln, welche Orte wie oft besucht werden. Anschließend werden diese Daten mit Listen von Sehenswürdigkeiten abgeglichen, die von Reise-Websites wie Yahoo Travel oder Lonely Planet stammen. Die Zeitstempel der Bilder verraten, wie lange sich der Fotograf an einem Ort aufgehalten hat und wie lange es dauert, sich von Sehenswürdigkeit A nach B zu bewegen. Schnappschüsse von Nichttouristen werden von der Software aussortiert, indem nur solche Fotos verwendet werden, die einen Ort maximal über mehrere Wochen abbilden.
Noch sind die so gewonnenen Daten allerdings nicht öffentlich zugänglich. De Choudhury betont allerdings, dass sich alles, was das von ihr entwickelte Werkzeug bewerkstelligt, auch über die von Flickr bereitgestellte offene Internet-Schnittstelle durchführen lässt.
Die Forscherin und ihre Kollegen entwickelten zusätzlich ein einfaches Web-Interface, mit dem sich ein Reiseplan automatisch generieren lässt. Der Nutzer muss hierfür nur die Stadt und die Anzahl der Besuchstage eingeben. Aus den Flickr-Daten werden dann die populärsten Attraktionen ausgewählt und festgelegt, wie viel Zeit man für jede von ihnen verwenden sollte. Zudem ist die Reihenfolge auf eine möglichst effiziente Nutzung der Urlaubszeit ausgelegt.
Die Qualität der Ergebnisse testeten De Choudhury und ihr Team anhand von mehr als 450 Usern des Amazon-Dienstes Mechanical Turk. Mit diesem ist es möglich, eine große Anzahl von Web-Nutzern für die Erfüllung einfacherer Aufgaben am Computer kurzfristig "anzustellen". Damit feststand, dass sich die Menschen, die die Ergebnisse bewerteten, auch mit einer Stadt auskannten, wurde ein Screening-Schritt integriert. Dabei mussten die virtuellen Mitarbeiter eine relativ unbekannte Sehenswürdigkeit ihrer Stadt identifizieren.
Ein erster Test zeigte jedem Teilnehmer zwei Reisepläne – der eine generiert aus den Flickr-Fotos, der andere von einem professionellen Reiseveranstalter aus der jeweiligen Stadt. "Die meisten Menschen fanden unseren Reiseplan besser als den professionellen", freut sich De Choudhury, "70 Prozent meinten, er wäre deutlich oder zumindest teilweise besser".
In einem zweiten Test wurde dann ein einzelner automatisch generierter Reiseplan neben einen professionellen gestellt. Dazu mussten dann mehrere Fragen beantwortet werden – wie passend die vorgestellten Attraktionen waren, wie viel Zeit man für sie einplanen sollte und wie lange die Transitdauer zwischen den einzelnen Standorten wirklich ist. Dabei gaben die Mechanical Turk-Mitarbeiter den automatisierten Ergebnissen ungefähr die gleiche Punktzahl wie den Reiseplänen der Profis.
Fabien Girardin, Mitbegründer der Schweizer Forschungsagentur Lift Lab, arbeitet ebenfalls an der Auswertung der Bewegungen von Touristen anhand von Flickr-Fotos. Sein Ziel dabei war es, die Beliebtheit öffentlicher Kunstwerke in New York zu extrahieren. "Die Yahoo Research-Kollegen formalisierten diesen Ansatz etwas besser und schlossen den Kreis, indem sie aus den ausgefilterten Informationen etwas machten, das die Leute wirklich nutzen können." Es sei aber noch mehr möglich als ein einfacherer Reiseplan – personalisierte Angebote, beispielsweise. "Bislang geht es hier nur um den Durchschnittstouristen, doch es gibt zahlreiche Wege, eine Stadt anzuschauen."
De Choudhury sieht diese Personalisierung denn auch als logischen nächsten Schritt. "Unsere aktuell generierten Reisepläne eignen sich immer dann, wenn man zum ersten Mal in eine Stadt kommt." Natürlich interessierten sich Menschen für unterschiedliche Dinge: "Die einen bleiben den ganzen Tag in Galerien, die anderen konzentrieren sich auf historische Städte." Entsprechende Anpassungen seien aber kein großes technisches Problem.
Girardin gibt allerdings zu bedenken, dass nicht viele Nutzer solchen computergestützten Reiseplänen bis auf den letzten Buchstaben folgen werden. Unnötig seien sie trotzdem nicht. "Es ist ein bisschen wie ein Wetterbericht: Man kombiniert diese Informationen mit anderen Dingen, die man dann unterwegs erlebt." (bsc)