Verriss des Monats: Der Repräsentator

Wenn man nicht alles selber macht: Schon früher wurden die Dinge gern kompliziert, wenn man es nicht mit Realität, sondern mit Repräsentanz zu tun hatte. Und nun kommen die Telepräsenz-Roboter.

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Von
  • Peter Glaser

Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.

Wenn man nicht alles selber macht: Schon früher wurden die Dinge gern kompliziert, wenn man es nicht mit Realität, sondern mit Repräsentanz zu tun hatte. Und nun kommen die Telepräsenz-Roboter.

Ein Freund von mir ist ein bisschen schwerhörig. Ich meine, eigentlich ist er fast so taub wie Beethoven, aber ich will das nicht überbetonen. Er kann es sowieso nicht hören. Mein Freund ist eine Art Reporter. Er hat aberwitzige Ideen, wie er an tolle Storys rankommen könnte. Einmal war er in Los Angeles und hat sich drei Wochen lang durch alle möglichen Bars gesoffen, weil er sicher war, dass ihm der Zufall in die Hände spielen und er dem Stiefzwilling von Steven Spielbergs Chauffeur begegnen würde. Der könne ihm dann Zugang zu Spielberg verschaffen, wodurch einem Interview nichts mehr im Wege stünde. Das klappte aber natürlich nie.

Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass mein Freund aus Eitelkeit kein Hörgerät trägt. Kurz vor seiner Rückreise kam der Zufall, wie ihm jeder Mathematiker hätte sagen könne, aus einer ganz unerwarteten Ecke: Sean Connery gab eines seiner sehr seltenen Interviews, und man konnte sich dafür einfach akkreditieren lassen. Es war eine Massenveranstaltung, bei der haufenweise Journalisten vor einer Großleinwand saßen, von der Connery herablächelte, der von Marbella aus zugeschaltet war.

Man durfte Fragen stellen, aber meinem Freund fiel keine ein, und am Ende durften alle eine Videocassette des Teledialogs mitnehmen. Mein Freund flog zurück nach Deutschland, kam zu mir, drückte mir die Cassette in die Hand und sagte strahlend: "Kannst du mir sagen, was er sagt?" Ich habe damals an meinem Fernseher ermittelt, bis zu welcher Maximallautstärke man den Lautspreher aufdrehen kann (bis 99) – in der Hoffnung, meinem Freund damit vielleicht ein kleines bisschen die Möglichkeit zum Zuhören zu geben. Das hat ihn aber nicht interessiert. Er hat kein einziges Mal hingeguckt, während Sean Connery Auskünfte in einer Lautstärke gab, von der ich dachte, dass jetzt gleich die Zimmerwand rausfällt. Er hat meine Zusammenfassung abgewartet und ist damit nach Hause und hat sein Interview geschrieben. Ich war sein Aggregator. Und ich erzähle die Geschichte, weil sie zeigt, was Telepräsenz in der alten Zeit bedeutet hat.

Heute läuft das so, dass ein Reporter eingeladen wird, an einer Veranstaltung der Firma Willow Garage teilzunehmen, einem Hersteller von "persönlichen Robotern" (PR) im kalifornischen Menlo Park. Der Reporter soll an der Präsentations-Party für das neue Roboter-Modell PR2 teilnehmen. Und zwar mit Hilfe eines Telepräsenz-Roboters. Er (der Roboter) heißt Texai. Texai sieht ein bisschen aus wie eine fahrbare Parkuhr, mit dem Unterschied, dass oben am Stiel statt der Uhrenskala ein Flachbildschirm angebracht wurde. Man kann das Ding aus der Ferne lenken und währenddessen dabei von dem Flachbildschirm lächeln und sich über eine Kamera an dem Schirm ansehen, wer sich das ansieht und bei Bedarf mit ihm reden. Das Verfahren heißt Telepräsenz, da sich das besser anhört als: "Man kann dich in einem Fernseher auf einem fahrbaren Besenstiel sehen."

Es ist wohl ein Status-Ding. Jonathan Knowles, einer der Cheftechnologen bei Autodesk, tauchte in Form eines Texai-Telepräsenzroboters auf einer XPrize-Party auf und plauderte mit Robin Williams (hier ein Video des denkwürdigen Ereignisses). John Markoff von der New York Times war damit in New York und zugleich auf der Willow Garage-Party in Menlo Park; eine Reihe anderer Reporter rollte auch herum. Texai ist allerdings schwierig zu navigieren – man stelle sich eine Party mit beschwipsten Robotern vor. Die Leute von Willow Garage – Gründer der Firma ist Scott Hassan, einer der allerersten Google-Mitarbeiter, den das Unternehmen reich gemacht hat – wollen einen Markt für mobile Telekonferenzsysteme eröffnen.

Markoff, auf der PR2-Party unterwegs, wurde von einer Frau angesprochen, die ihn fragte, ob sie ihn anfassen dürfe und ihn dann darüber informierte, dass er sich warm anfühle. Gelegentlich kollabierte das Skype-Soundsystem. "Es war nicht klar, ob irgendjemand irgendetwas von dem, was ich sagte, hören konnte", schreibt Markoff und ich musste an meinen schwerhörigen Freund denken. Einer der Willow Garage-Mitarbeiter flüsterte ihm zu, er möchte doch ein Stück beiseite rollen, weil er sonst von einem der vorbeifahrenden PR2-Modelle übergemangelt würde. Es war inzwischen Abend geworden und Markoff konnte seine Räder nicht mehr sehen.

Die Firma Willow Garage heißt übrigens so, weil Google in einer Garage an der Willow Road in Menlo Park gegründet wurde und das die Straße ist, in der Willow Garage nun ansässig ist. Eine enthusiastische Rede von Firmengründer Scott Hassan war aus dem Inneren des Texai praktisch nur körpersprachlich wahrzunehmen. Der Sound war lausig. Die Roboterjournalisten konnten nur vermuten, dass er irgendetwas Leidenschaftliches über unsere robotische Zukunft sagte, weil man kaum etwas verstand. Ich musste wieder an meinen schwerhörigen Freund denken. Und ich bin ganz sicher, dass irgendwann ein Telepräsenz-Roboter vor meiner Tür stehen wird, und mein Freund lächelt mich vom Bildschirm an und sagt: "Kannst du mir sagen, was er gesagt hat?" (bsc)