Apples neue Event-Taktik: Das verrückte Spiel mit dem Verrücktspielen
Apples Anspruch, dass jede Ankündigung einen großen Bahnhof verdient, wächst. Das kann schlimmstenfalls zu einer Entfremdung führen, meint Malte Kirchner.
Apple-Chef Tim Cook im Präsentationsvideo zum iPhone 16e
(Bild: Apple)
“This Week.” Zwei Worte und ein kleiner Teaser-Film, der besagt, dass irgendwas in der Luft liegt, genügen Apple-Chef Tim Cook, um die Messlatte für die offenbar anstehende Produktankündigung in dieser Woche mit einem Schlag zwei Meter höher zu hängen als alles, was die Gerüchteküche vorab schon lieferte. Diese geht von einem aktualisierten MacBook Air mit M4-Chip aus. Aber könnte es, wenn Cook selbst es ankündigt, nicht doch mehr sein?
Inzwischen kann man berechtigte Zweifel entwickeln, dass alles, was Apple so hochdekoriert vorankündigt, auch wirklich so eine hochrangige Technik-Nachricht ist. In der Vergangenheit schien man in Cupertino noch mehr daran interessiert zu sein, der Außenwelt zumindest durch die Art der Verlautbarung eine Vorahnung zu geben, wie groß die Innovation, die von einem Produkt ausgeht, tatsächlich ist. Inzwischen scheint nahezu alles gleich wichtig zu sein. Das sorgt für Enttäuschungen, wenn dann doch nur ein kleines Produkt-Update folgt oder ein iPhone 16e vorgestellt wird, das vermutlich wichtig für Apples Sortiment ist, aber gewiss nicht für eine größere Zahl langjähriger Apple-Kunden.
Verrückt spielen schon andere
Ein Prozessor-Update im MacBook bedeutete zu Intel-Zeiten, dass eines schönen Nachmittags plötzlich eine Pressemitteilung im Posteingang von Medienvertretern war, wo auf ebendieses Update hingewiesen wurde. Eine Vorankündigung der Ankündigung gab es dafür in der Regel nicht. Inzwischen scheint alles einen eigenen 10-minütigen Werbefilm wert zu sein und eben eine verheißungsvolle Vorankündigung.
Vielleicht ist dies der immens gewachsenen Aufmerksamkeitsschwelle jüngerer Konsumenten geschuldet, zu denen in Zeiten der Reizüberflutung nur noch jene vordringen, die besonders laut auf die Pauke hauen. Verrückt gespielt wird im Apple-Kosmos aber eigentlich schon genug. Dafür sorgen bereits die Gerüchteköche, die sich gegenseitig mit ihren Kreationen überbieten. Muss Apple aber jetzt selbst auch noch verrückt spielen? Ist der iPhone-Hersteller nicht besser in der Rolle desjenigen aufgehoben, der den korrigierenden, auflösenden, versachlichenden Einfluss ausübt? Die Erwartung an Apple ist vor allem, einfach gute Produkte zu liefern.
Gefahr der Entfremdung
Wie bei vielen Reputationsfragen wird es die Antwort, ob Apple den Bogen überspannt, erst zu einem späteren Zeitpunkt geben. Verkäufe brechen nicht schlagartig ein, weil Kaufinteressierte das Gefühl davontragen, dass ihre Zeit und Aufmerksamkeit über Gebühr strapaziert wurden. Aber mittelfristig brennt sich so etwas ein. Auch wenn Apple in seinen Präsentationen selbst gerne branchenüblich maßlos in der Bewerbung seiner Produkte übertreibt, konnte die Öffentlichkeit in der Vergangenheit dennoch meist darauf vertrauen, dass Apple kein Event zu etwas abhält, was eigentlich nur eine Pressemitteilung wert gewesen wäre (und wenn, dann gab es massiv Kritik daran).
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Mit der Abschaffung der Bühnenevents und dem in Corona-Zeiten zunächst notgedrungenen Ersatz der Werbefilme scheint Apple ein wenig den unmittelbaren Draht zu seinem Publikum verloren zu haben. Auch wenn die Öffentlichkeit dort nur durch Apple nahestehende Gäste, Influencer, Blogger und Medienvertreter repräsentiert wurde: Der Applaus oder Nicht-Applaus bei Keynotes war dennoch ein Gradmesser, ein unmittelbares Feedback, auf das die Apple-Verantwortlichen einzugehen schienen. Wenn heute vor den Monitoren zunehmend Leute sitzen, die den Kopf schütteln, würde man das in Cupertino gar nicht direkt mitbekommen. Nein, man muss deshalb nicht gleich den großen Realitätsverlust konstatieren – dafür ist Apple auch viel zu erfolgreich im Geschäft. Aber bedenkenswert ist diese Entwicklung, die irgendwann wirklich zu einer Entfremdung führen kann, schon.
(mki)